Berlin - Ganz im Augenblick zu schwelgen ist etwas Wohltuendes. Doch meistens sind wir mit den Gedanken woanders. Ständig gehen uns Erinnerungen an Vergangenes und vor allem Szenarien dessen, was auf uns zukommen könnte, durch den Kopf. Letztlich ist das ganz gut so. Wir Menschen sind nun mal Zeitreisende.

Das menschliche Gehirn mit seinem riesigen präfrontalen Kortex ist vor allem eine Zeitmaschine, behauptet der Neurowissenschaftler Dean Buonomano von der University of California in Los Angeles. Der höchste Zweck dieses neuronalen Generators sei es, die Zukunft vorherzusagen. Wir kämen nicht durch unseren Tag, wenn wir nicht ständig vorwegnehmen würden, was ansteht und was zu tun ist. Wirmalen uns aus, was schiefgehen könnte, um vorzubeugen
und gegenzusteuern. Oder wir stellen uns zukünftige  Erfolgserlebnisse vor: „So werde ich strahlen, wenn ich den Führerschein erst in der Hand habe!“ Das motiviert auf dem Weg dorthin.

„Zukunftsorientierung versorgt uns mit Optimismus und Lebensenergie, um nach glücklichen Szenarien zu streben“, schreibt Philip Zimbardo, Professor für experimentelle  Psychologie an der Stanford University in Kalifornien.

Alles auf Zukunft ausgerichtet

Vor allem am Anfang des Lebens, in der Kindheit und Jugend, sind Menschen von Kopf bis Fuß auf Zukunft ausgerichtet. Das ganze Leben liegt noch vor ihnen, bis zum Horizont erstreckt sich ein Feld von scheinbar unendlichen  Möglichkeiten: erster Schultag, erste Liebe, erste Arbeit, erste Wohnung, erstes Kind – lauter Anfänge warten.

Schon in mittleren Lebensjahren scheint die Zeit dann aber  dahinzufliegen, sie zerrinnt einem zwischen den Fingern. „Was, schon wieder eine Woche rum?“ Ehe, Beruf, Wochenende: Alles ist Routine. Es gibt häufig kaum noch neuartige Ereignisse, frische Eindrücke, die den Tag, die Woche, das Jahr füllen könnten.

Kein objektiver Zeitsinn

Vor allem im Rückblick scheint es uns dann, als sei die Zeit einfach verpufft. Das hängt damit zusammen, dass wir Menschen keinen objektiven Zeitsinn besitzen. Wir bemessen die Zeitdauer an den Ereignissen, die im Gedächtnis haften bleiben: Je mehr Erinnerungen wir haben, desto länger die Zeitspanne. Das Gedächtnis bewahrt nun aber bevorzugt  Episoden mit Neuigkeitswert auf. Daher ist es nur logisch, dass sich die Zeit in der Kindheit, wenn alles neu ist, ins  Unermessliche dehnt, um dann später, wenn Neues  Mangelware ist, in sich zusammenzuschnurren.

Gleichzeitig richtet sich der Blick, je älter man wird, zunehmend in die Vergangenheit, also dorthin, wo noch etwas los und die Zeit satt mit Erinnernswertem gefüllt war. Alte Leute, so heißt es deshalb, leben im Gestern.