US-Astronauten in der „Crew Dragon"-Raumkapsel.
Foto: AFP PHOTO /NASA TV/HANDOUT

BerlinFür den Astronauten Douglas Hurley war die Ankunft auf der Internationalen Raumstation ISS am Sonntagnachmittag Mitteleuropäischer Zeit nicht nur eine emotionale Angelegenheit, sondern auch eine schmerzhafte. Vor neun Jahren hatte er an genau diesem Kopplungsstutzen der Raumstation als Pilot des Space Shuttles „Atlantis“ zum letzten Mal für lange Zeit mit einem amerikanischen Raumfahrzeug von der ISS abgelegt, nun kehrte er als Kommandant des Testfluges der neu entwickelten „Crew Dragon“-Kapsel zurück. Beim Einschweben in das Raumlabor stieß er sich allerdings dermaßen den Kopf, dass er die  Begrüßungszeremonie mit gequälter Mine über sich ergehen ließ und immer wieder die Beule an der Stirn betastete. 

Nach fast einer Dekade sind wieder Astronauten direkt von den USA aus zur Raumstation ISS geflogen und wurden dabei erstmals von einem privaten Raumfahrtunternehmen befördert. Die US-Raumfahrer Robert Behnken und Douglas Hurley kamen nach knapp 19 Stunden Flug mit der „Crew Dragon“ an der ISS an. Designt und gebaut wurde das Raumfahrzeug von dem privaten Raumfahrtunternehmen SpaceX des US-Milliardärs Elon Musk. 

„Es war uns eine Ehre, ein ganz kleiner Teil dieses Ganzen zu sein“, sagte Hurley nach der Ankunft an der ISS, wo bereits die Raumfahrer Christopher Cassidy, Anatoli Iwanischin und Iwan Wagner auf ihre Kollegen gewartet hatten. „Es ist wunderbar, die USA wieder in das Business bemannter Raumflüge zurückzubringen, und wir sind einfach nur froh, an Bord dieser großartigen Struktur zu sein.“ Hurley und Behnken sollen rund einen Monat an Bord der ISS bleiben.

Am Sonnabend hatte die „Dragon“-Raumkapsel mit einer „Falcon 9“-Rakete vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida abgehoben. „Geschichte wurde geschrieben“, kommentierte die US-Weltraumagentur Nasa per Kurznachrichtendienst Twitter. Nasa-Chef Jim Bridenstine sprach von einem „wundervollen Tag“. US-Präsident Donald Trump feierte den Start als „heldenhafte Tat“. Die kommerzielle Raumfahrt sei die Zukunft. „Ein neues Zeitalter amerikanischen Ehrgeizes hat jetzt begonnen.“

SpaceX-Gründer Elon Musk (48) zeigte sich tief bewegt. „Ich bin wirklich emotional sehr überwältigt, es ist schwer für mich zu sprechen“, sagte Musk bei einer Pressekonferenz nach dem Start. 18 Jahre lang habe er auf dieses Ziel hingearbeitet. „Ich glaube, das ist etwas, worüber die Menschheit sich freuen und worauf sie stolz sein kann.“ Der deutsche Astronaut Alexander Gerst hieß seine beiden Raumfahrer-Kollegen via Twitter „willkommen zurück im Weltraum“ und gratulierte SpaceX für die „solide Leistung“.

Die Raumfahrtnation Russland beglückwünschte die USA zum erfolgreichen Start. „Im Kosmos ist schon alles passiert, und es ist unabdingbar, mindestens zwei Transportsysteme zu haben“, teilte der Sprecher der Raumfahrtbehörde Roskosmos, Wladimir Ustimenko, am Sonntag in Moskau mit. „Jetzt werden nicht nur Russen zur ISS fliegen, sondern auch Amerikaner. Das ist wunderbar!“ Roskosmos-Chef Dmitri Rogosin schrieb seinem Nasa-Kollegen Bridenstine, er freue sich auf die weitere Zusammenarbeit.

Ein erster Startversuch war am Mittwoch wegen schlechter Wetterbedingungen kurz vor dem Start abgebrochen worden. Auch vor dem zweiten Versuch hatten die Bedingungen zunächst nur mäßig ausgesehen, dann hatten sich die Wolken aber rechtzeitig verzogen, und das Kontrollzentrum gab grünes Licht: „Lasst uns diese Kerze anzünden!“ Es sei ihnen eine Ehre, sagte Behnken aus dem „Crew Dragon“ und zeigte gemeinsam mit Hurley die Daumen nach oben. „Wir werden aus dem Weltraum wieder mit euch sprechen.“ Weltweit war der „LaunchAmerica“ betitelte Test mit Spannung erwartet worden.

Erster Startversuch abgebrochen

Kurz nach dem erfolgreichen Start des „Crew Dragon“ landete die erste Raketenstufe sicher aufrecht auf einem Bergungsschiff im Atlantik vor der US-Küste. Die Wiederverwendung von Raketenstufen und Raumkapseln ist ein wichtiger Teil der Strategie von SpaceX. Schon mehrfach gelangen Landungen von ausgebrannten Raketenstufen auf Schiffen sowie auf Land.

Bei der jetzigen Mission handelt es sich um den letzten Flugtest für den „Crew Dragon“. SpaceX hatte zuvor nur Fracht zur ISS transportiert. Wegen der Corona-Pandemie war der Zugang zu dem Gelände des Weltraumbahnhofs im US-Staat Florida, wo normalerweise Besucher bei Starts zuschauen dürfen, stark eingeschränkt.

Zuletzt waren im Sommer 2011 Astronauten mit der Raumfähre „Atlantis“ zur ISS geflogen. Danach mottete die US-Raumfahrtbehörde Nasa ihre Spaceshuttle-Flotte aus Kostengründen ein und war für Flüge zur ISS seither auf Russland angewiesen. Das war mit rund 80 Millionen Euro pro Flug in einer Sojus-Kapsel nicht nur teuer, sondern kratzte auch mächtig am Ego der Raumfahrtnation USA.

Eigentlich waren eigene Flüge aus den USA zur ISS von der Nasa schon für 2017 angekündigt gewesen – im Zuge technischer Probleme, Finanzierungsschwierigkeiten und Umstrukturierungen nach der Wahl Trumps zum Präsidenten wurde das Projekt aber immer weiter aufgeschoben.

Es seien derzeit schwierige Zeiten für die USA, sagte Nasa-Chef Bridenstine. Das Land ist besonders stark von der Coronavirus-Pandemie betroffen, zudem gibt es derzeit Massenproteste nach dem Tod eines Afroamerikaners bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis. Er hoffe, sagte Bridenstine, dass der erfolgreiche Start „jedem die Möglichkeit gibt, über Menschlichkeit nachzudenken“. (dpa)