Berlin - Besonders spektakulär sieht sie nicht aus, die graue Halle auf dem Gelände des Autohauses Märkische Spitze, nicht weit vom S-Bahnhof Springpfuhl in Marzahn. Würde man einen Passanten fragen, was darin geschehe, käme wohl kaum die Antwort: Hier wird die erste europäische Mondlandung vorbereitet.

Und doch geschieht genau dies in diesem zweistöckigen Gebäude. Die jungen Mitarbeiter der Firma PTScientists entwickeln hier ein Raumschiff für den Mondflug. Die Premiere wird für das Jahr 2021 angestrebt. In der ersten Etage liegen Büros, im Erdgeschoss große Hallen. Hier stehen die Modelle einer Mondlandefähre und eines Mondfahrzeugs. Dieser Rover wird in einem „Testbett“ erprobt, einer großer Fläche, gefüllt mit Vulkangestein aus der Eifel, das dem Material auf der Mondoberfläche – dem Regolith – am besten ähnelt. Hier sollen bei einer künftigen Mission auch kritische Situationen durchgespielt werden, ehe man Steuersignale an den Rover sendet.

Auch die ESA hat Interesse

Einen großen Schritt in ihrer Entwicklung geht die Firma PTScientists am heutigen Mittwochnachmittag im Zeiss-Großplanetarium an der Prenzlauer Allee. „Wir verkünden die Partnerschaft mit der ArianeGroup“, sagt Andreas Schepers, verantwortlich für Kommunikation bei PTScientists. Er sieht die Vereinbarung als Meilenstein und offizielle Anerkennung durch die traditionelle Raumfahrt. „Gemeinsam mit der ArianeGroup werden wir ein hundertprozentig europäisches Angebot an den Markt bringen“, sagt Schepers. Dabei gehe es um Transportdienstleistungen für staatliche und private Organisationen, Institute und Firmen, die Geräte und Materialien zum Mond bringen wollen. Man nennt solch eine bezahlte Nutzlast „Payload“. In dieser Woche gibt es in Berlin bereits ein Treffen mit möglichen Kunden.

Den Hintergrund bildet die aktuelle Entwicklung in der Raumfahrt. Viele Raumfahrtnationen bereiten wieder Missionen zum Mond vor: die USA, die Russen die Europäer und andere. Erst im Januar landete das chinesische Raumschiff „Chang’e 4“ auf der Rückseite des Mondes. Die Motive sind vielfältig. Dazu gehören die weitere Erkundung des Mondes, die Ausbeute von Rohstoffen, der Bau eines „Monddorfes“, die bessere Beobachtung des Alls mit Teleskopen und die Nutzung des Mondes als Sprungbrett für den Flug zum Mars. „Wahrscheinlich wird in der nächsten Dekade eine Lunar Economy – eine regelrechte Mondindustrie – entstehen“, sagt Andreas Schepers. „Und wir sind die einzigen in Europa, die in der Raumschiff-Entwicklung für Mondfahrzeuge so weit sind, dass wir mit Transportangeboten an den Markt gehen können.“

Daran besteht offenbar auch ein Interesse seitens europäischer Partner. Für den heutigen Termin mit der ArianeGroup im Zeiss-Großplanetarium sind politische Vertreter der deutschen Luft- und Raumfahrt aus Bundestag und Bundesregierung angekündigt sowie David Parker, Direktor für bemannte Raumfahrt und robotische Exploration der europäischen Weltraumorganisation ESA. Diese interessiert sich unter anderem dafür, Wasser und Sauerstoff aus dem Mondboden – Regolith – zu extrahieren. Die ESA unterstützt die Firma PTScientists bereits auf vielen Ebenen. Unter anderem bereitet man gemeinsam die Steuerung der ersten Mission von Berlin aus vor. Dabei sollen die Mitarbeiter von PTScientists die Kapazitäten des European Space Operations Centre (ESOC) in Darmstadt nutzen, darunter das Kommunikationsnetzwerk.

Am Anfang stand ein Unfall

„Wir sind ein ganzes Stück reifer geworden“, fasst Andreas Schepers die Entwicklung der letzten Jahre zusammen. Begonnen hatte alles 2007 mit einem Zufall. Der damals 22-jährige Berliner IT-Spezialist Robert Böhme bekam nach einem Autounfall die Versicherungssumme von 16 000 Euro ausgezahlt. Und da er sich für Weltraum, Raketentechnik und Robotik interessierte, nutzte er die Summe als Startgeld für einen internationalen Wettbewerb, gesponsert von Google, genannt Lunar X-Prize. Etwa 30 Millionen Dollar sollte die private Firma erhalten, die es als erste schafft, ein Landemodul und ein Fahrzeug sicher auf den Mond zu bringen. Der Wettbewerb ging 2018 zu Ende, ohne dass es einen erfolgreichen Mondflug gegeben hatte. Aber mehrere Unternehmen sind daraus hervorgegangen, etwa in Israel, Japan und den USA. Das einzige private Unternehmen in Europa ist PTScientists, einst gegründet von Robert Böhme.

Heute hat das Unternehmen etwa 70 Mitarbeiter. Standorte sind neben Berlin auch Salzburg und das US-amerikanische Houston. Die Mitglieder des Teams stammen aus 15 Nationen, etwa aus den USA, Indien und Kanada. Unter ihnen sind Physiker, Programmierer, Mathematiker und Raumfahrtingenieure. Viele von ihnen haben zuvor bei der ESA oder anderen Raumfahrtorganisationen gearbeitet. Andreas Schepers zum Beispiel war 2014 bei der ESA zuständig für die Kommunikation beim ersten Raumflug von Alexander Gerst.

Mehr als ein Jahrzehnt ist seit der Gründung von PTScientists vergangen. Die Firma nutzte unter anderem die 750 000 Dollar aus einem sogenannten Milestone Prize des X-Prize-Wettbewerbs für die Weiterentwicklung ihrer Technik. Parallel zu ihrer Arbeit entstand vor allem in den USA eine private Raumfahrtindustrie, genannt New Space, die unter anderem von der Nasa viele Aufgaben übernommen hat. Eine ähnliche Entwicklung scheint nun auch in Europa zu beginnen. Und da passen die PTScientists genau in die Zeit.

Das Unternehmen konnte bereits viele Unternehmen für die Zusammenarbeit gewinnen, darunter Audi, Vodafone, die Nokia Bell Labs und viele andere. Die Triebwerke für die Landefähre kommen von Ariane. Bei Audi in Ingolstadt entstehen im 3D-Drucker die Räder für den Rover – mit speziellem Profil für den Mondboden. Ultraleicht müssen die Teile sein und zugleich der massiven Rüttelei beim Start, der Strahlung und den Temperaturunterschieden von Hunderten Grad Celsius im Weltall standhalten. Die Landefähre Alina (Autonomous Landing and Navigation Module) besteht unter anderem aus wabenartig konstruierten Material und aus Karbonfaserstoffen. Die Fähre kann mit nahezu jeder großen Rakete transportiert werden und eine Nutzlast von 300 Kilogramm befördern, darunter zwei Rover namens ALQ (Audi Lunar Quattro). Sie sind jeweils ein Meter langen, vierrädrig und besitzen einen Kamerakopf sowie ein schwenkbares Solarpanel. Jeder Rover kann fünf Kilo Nutzlast transportieren.

Regolith unter Beschuss

Für ihren ersten Flug „Mission to the Moon“, der etwa 2021 stattfinden soll, hat PTScientists eine „Falcon9“-Rakete des privaten Unternehmens SpaceX gebucht. Dieser Flug soll vor allem dazu dienen, die Technik zu demonstrieren. Geplant ist, dass die Fähre im Tal Taurus-Littrow landet. Getestet werden unter anderem der Laser eines deutschen Forschungsinstituts. „Er soll auf das Regolith schießen und einen Sinterpropzess in Gang bringen“, sagt Schepers. Möglicherweise ist eine Härtung des Mondbodens irgendwann einmal für den Bau von Landeflächen von Nutzen. Auch ein gemeinsam mit Vodafone entwickeltes Kommunikationsnetzwerk soll getestet werden.

Außerdem ist geplant, mit dem Rover zum Mondauto von Apollo 17 zu fahren. Dieses steht seit 47 Jahren auf dem Mond. Aus gewisser Entfernung wollen die Mondfahrer aus Marzahn per Kamera erkunden, wie es diese Zeit überstanden hat.