Ursprünglich wollte Robert eine akademische Laufbahn einschlagen. Stattdessen ist er Schamane geworden. „Ich bin eigentlich nur von der Theorie auf die Praxis umgestiegen“, sagt der 42-Jährige und lacht: „Aber in meinem Fach macht das einen gewaltigen Unterschied.“

Der gebürtige Taiwanese hatte medizinische Anthropologie an der Brunel-Universität in London studiert. Doch eine Reise in den Regenwald sollte alles verändern. Bei einer Recherchereise zu einem Indio-Stamm in Peru nahm er an einer Ayahuasca-Zeremonie teil. Ayahuasca ist ein Trank: gebraut aus der Lianenpflanze Banisteriopsis caapi und den Blättern des Kaffeestrauchgewächses Psychotria viridis. Die Blätter enthalten Dimethyltryptamin, ein halluzinogenes Alkaloid, das in Kombination mit der Liane zu starken Halluzinationen und bewusstseinserweiternden, teils religiösen Einsichten führt. Der Begriff Ayahuasca stammt aus der indigenen Sprache Quechua und bedeutet „Liane der Geister und Toten“ oder „Ranke der Seelen“.

Heute reist er als Schamane um den Globus

Nachdem Robert seine Erfahrungen als Nutzer der Pflanze gemacht hatte, beschloss er, Meister der Ayahuasca-Kunst zu werden: „All meine Interessen laufen hier zusammen: Kulturwissenschaft, Musik, Psychologie“, sagt er. Von den peruanischen Shipibos im Amazonas-Gebiet erhielt er schließlich nach Monaten des Fastens, der Isolation und des täglichen Ayahuasca-Konsums, weit weg von jeglicher Zivilisation, den Ehrennamen Don Roberto.

Heute reist er als Schamane um den Globus. Die Nachfrage ist enorm. In diesem Jahr hielt er bereits Zeremonien in Israel, Jordanien, Ägypten, in den USA, Kanada und Mexiko ab. In Westeuropa hat er besonders viele Kunden, auch in Deutschland war er schon mehrere Male. Jede Zusammenkunft dauert zwei Tage und umfasst Einzelgespräche mit Don Roberto und eine Hauptzeremonie in der Gruppe. Im Sitzkreis erhält jeder Teilnehmer einen Becher des Getränks. Es gehe darum, ein Ritual, einen Raum, etwas Heiliges zu kreieren, erläutert der Schamane.

Ayahuasca ist ein bräunlicher Sud. Bislang gibt es keine medizinischen Hinweise auf geistige oder körperliche Abhängigkeiten oder Beeinträchtigungen durch die Einnahme des Gebräus. 2006 strich es die brasilianische Drogenpolitik-Behörde aus der Liste halluzinogener Drogen. In Peru erhielt Ayahuasca 2008 legalen Status als nationales Kulturerbe. In den USA ist das Rauschmittel nur für den religiösen Gebrauch freigegeben. In Deutschland fallen die Wirkstoffe DMT und 5-MeO-DMT unter die Definition nicht verkehrsfähiger Betäubungsmittel. Der Umgang ohne Erlaubnis ist daher grundsätzlich strafbar.

„Es ist keine Droge. Es ist Medizin und muss so behandelt werden“

Robert lässt die Inhaltsstoffe bereits vor seiner Ankunft von Helfern vor Ort besorgen und kochen. Er wolle damit nicht ins Flugzeug steigen, sagt er. Auch müsse er die Teilnehmer vor jeder Zeremonie natürlich vor möglichen Risiken warnen: „Man darf weder schwanger sein noch Herz-Kreislauf-Probleme haben oder Antidepressiva einnehmen. Auch Menschen, die in ihrem Leben bereits mit psychischen Leiden wie Schizophrenie zu kämpfen hatten, sollten vorsichtig sein“, warnt er. Nichtsdestotrotz beharrt er auf seinem Standpunkt: „Es ist keine Droge. Es ist Medizin und muss so behandelt werden.“

Für ihn als Schamane ist die Wirkung des Tranks nicht auf einen Wirkstoff zurückzuführen, sondern auf die Pflanzenseelen, die sich dem Menschen unter Ayahuasca-Einfluss offenbaren: „Sie führen uns zu Heilung und Transformation.“ Diese Transformation geht allerdings oft mit Erbrechen, Schweißausbrüchen und Durchfall einher. Von den Betroffenen werden diese Nebenwirkungen als reinigend empfunden.

Traumata, Blockaden und Ängste würden zutage gefördert, sagt Don Roberto, der sich bei dem Prozess als eine Stütze sieht, die durch diese Erfahrungen hindurchhilft. Er geht von einem Teilnehmer zum nächsten, beruhigt, singt, reicht Tabak. Er sei aber weder Guru noch Missionar, betont er: „Ich reise nicht mit einem Weltbild an, von dem ich die Menschen überzeugen möchte.“

Seine Teilnehmer kommen aus allen Ländern, Altersgruppen und Glaubensrichtungen. Nach Meinung des Schamanen tragen Pflanzen universelle Kräfte, mit denen jeder Mensch – egal, ob er je einen Fuß in den Urwald gesetzt hat – arbeiten und kommunizieren könne. Man müsse nicht den adäquaten kulturellen Kontext besitzen, um an seinen Zeremonien teilzunehmen: „Kulturen haben schon immer Informationen und Praktiken geteilt und ausgetauscht. Das passiert jetzt wieder und diesmal über die Kontinente hinweg.“

Globalisierung von Ayahuasca

Der Sozialwissenschaftler und Präventionsforscher Henrik Jungaberle bestätigt das: „Es hat definitiv eine Globalisierung von Ayahuasca stattgefunden.“ Die Zeremonie aus dem Regenwald sei längst in der Mitte der westlichen Gesellschaft angekommen. Noch gebe es zwar keine repräsentativen Zahlen. Aber auf Grundlage von Erhebungen geht er davon aus, „dass etwa 10.000 Menschen in Deutschland Ayahuasca konsumieren und der Großteil von ihnen in der Mittelschicht zu Hause ist“.

Jungaberle macht für diesen Trend vor allem die Sehnsucht nach neuen, quasi-religiösen Sinnangeboten verantwortlich: „Der Neo-Schamanismus bietet für viele Interessenten etwas Geheimnisvolles, Aufregendes und ist noch nicht so entleert wie herkömmliche, vor allem christliche Rituale.“ Er sei Ausdruck einer Suche nach etwas Authentischem, das die traditionellen Glaubensrichtungen hierzulande nicht mehr zu befriedigen scheinen.

Man dürfe diese soziale Schicht nicht mit Junkies oder Ravern auf der Suche nach dem ultimativen Trip verwechseln, sagt der Forscher. Ayahuasca mit seinen Nebenwirkungen wie Erbrechen, Durchfall und Müdigkeit eignet sich eben nicht als Partydroge. Vor allem sei es aber der Ritualgedanke, der sie vor dieser Art des Drogenmissbrauchs behüte, so Jungaberle. Ähnlich sieht es Don Roberto: „Was meine Teilnehmer an jedem Ort auf dieser Welt eint, sind Neugierde und der Wunsch nach einer neuen Form der Erkenntnis. Es sind Menschen mit intellektuellen und spirituellen Interessen. Wir sind kein Drogentreff.“

In Berlin wird der Gebrauch von Ayahuasca kommerzialisiert

Auch in Berlin wächst die Zahl der Anbieter für Ayahuasca-Events. „Da wird gerade der Gebrauch von Ayahuasca kommerzialisiert“, kritisiert Henrik Jungaberle. Noch sei die Szene zu jung, um genaue Strukturen zu erkennen: „Viele Neugierige kommen aus der New-Age-Bewegung oder von der Osho-Meditation. Da die Menschen, die sich für Ayahuasca interessieren, ökonomisch eher gut situiert sind, kann man damit richtig Geld machen.“

Don Roberto nimmt 150 Euro pro Tag und Nacht von seinen Teilnehmern. Den Preis hält er für gerechtfertigt. „Es sind immerhin mehr als 24 Stunden.“ Ort und die Substanz würden gestellt, und es seien zwei zusätzliche Helfer anwesend. Außerdem müsse er seine Reisekosten abdecken.

Nächstes Jahr wird er zum ersten Mal den afrikanischen Kontinent bereisen. Es sei eine erfüllende, aber auch zehrende Aufgabe – ständig neue Orte, neue Kulturen, neue Gesichter. „Obwohl ich über die Jahre gemerkt habe, dass die Menschen im Grunde immer die gleichen sind. Sie haben die gleichen Sorgen. Egal, woher sie kommen und an welchem Ort sie leben.“