In fast jeder Schulklasse sitzen Kinder mit Rechenstörungen. Anders als bei der Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) kommen Diagnose- und Fördermethoden an den Schulen jedoch viel seltener zum Einsatz. Dabei sollten Kinder mit Rechenschwächen möglichst schon vor der Einschulung gefördert werden, sagt der Frankfurter Lernforscher Marcus Hasselhorn anlässlich einer Frankfurter Tagung zum Thema.

Herr Professor Hasselhorn, wie viele Schüler leiden unter einer Lernstörung beim Rechnen?

Wir haben gerade eine Studie über die Häufigkeit von Lernstörungen abgeschlossen. Dazu wurden mehr als 2 000 Grundschüler in drei Bundesländern getestet. Wir schätzen, dass jeweils zwischen zwei und drei Prozent eines Jahrgangs unter einer der drei großen Teilstörungen leiden: Lese-, Rechtschreib- oder Rechenschwäche. Wenn man dann noch jene Kinder hinzurechnet, die mehrere Lernstörungen haben, dann sind es rund 13 Prozent, davon vier Prozent mit Lernstörungen im Rechnen.

Woran scheitern Kinder mit Rechenschwäche?

Sie finden sich schon bei der Einschulung in der Welt der Zahlen und Mengen nicht zurecht. Sie können sich beispielsweise keinen Zahlenstrahl vorstellen. Es gelingt ihnen nicht, Mengen zu schätzen, sobald sie diese nicht mehr an einer Hand abzählen können. Kinder mit einer Rechenschwäche haben in der Regel kein Gefühl dafür, dass 23 größer ist als 11. Die Zahlen als Symbole erschließen sich ihnen nicht.

Über die Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) wird intensiv geforscht, es gibt zahlreiche Diagnoseverfahren und Förderkonzepte. Schüler mit Matheschwächen erhalten viel weniger Aufmerksamkeit. Warum?

Mit der Legasthenie haben sich Wissenschaftler bereits seit den 50er-Jahren befasst, während die Dyskalkulieforschung erst in den 80er-Jahren begonnen hat. Da fehlen also 30 Jahre Forschung.

Aber Schüler mit Matheproblemen gab es doch schon immer.

Lange Zeit glaubte man, dass eine Rechenstörung an mangelnder Intelligenz liegt und nicht behoben werden kann. Die Folge war, dass Kinder trotz durchschnittlicher Intelligenz auf die Förderschule geschickt wurden und dort mitunter nicht einmal einen Schulabschluss machten. Erst später stellten Wissenschaftler fest, dass es in der Mathematik ebenso wie beim Lesen und Schreiben Störungen gibt, die völlig unabhängig von der Intelligenz eines Kindes sind. Das ist aber leider in der Bevölkerung noch nicht angekommen.

Wie gehen Eltern heute mit den Matheschwächen ihrer Kinder um?

Eltern sind deutlich offener, wenn es um die Lese-Rechtschreibschwäche geht. Das haben wir zuletzt bei einer Studie über Lernstörungen und Förderung im Einschulalter festgestellt: 80 Prozent der Eltern, deren Kinder eine Lese-Rechtschreibschwäche hatten, stimmten sofort zu, an der Studie teilzunehmen. Bei den Kindern mit Matheschwächen waren es weniger als 20 Prozent.

Wie erklären Sie sich die Zurückhaltung?

Die Familien sahen in unserem Angebot keine Hilfestellung, sondern haben es eher als einen Angriff auf ihre Kinder wahrgenommen. Unsere Diagnose übersetzten sie offenbar mit dem Satz: Ihr Kind ist nicht intelligent genug!

Ab wann mus man die betroffenen Kinder fördern, damit es nicht zu spät ist?

In der Regel beginnt eine gezielte Förderung frühestens in der dritten Klasse, weil die Rechenschwäche erst dann zweifelsfrei diagnostiziert werden kann. Das ist aber zu spät. Besser wäre es, die Kinder gleich in der Einschulungsphase oder sogar im letzten Kindergartenjahr zu fördern.

Lehrer und Eltern sollten also die Diagnose nicht erst abwarten?

Je früher wir ansetzen, desto besser – natürlich nur, wenn ein entsprechendes Risiko beim Kind zu erkennen ist. Das sage ich sowohl im Interesse der Kinder und ihrer Familien als auch aus bildungsökonomischer Sicht: Mit jedem Euro, den ich erst in der zweiten Hälfte der Grundschulzeit investiere, erziele ich nur noch ein Viertel der Wirkung, die ich bei einer Förderung zum Schulstart hätte. Je früher wir eingreifen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es gar nicht erst zu einer Lernstörung kommt.

Was sind die Ursachen von Rechenstörungen?

Darauf antwortet jede Disziplin anders. Neurowissenschaftler haben mit Hilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) beobachtet, dass Kinder mit Dyskalkulie eine veränderte Hirnaktivität zeigen. Vermutlich sind synaptische Verschaltungen in spezifischen Arealen im Gehirn weniger gut entwickelt als bei anderen. Das hilft uns als Verhaltensforscher aber nicht weiter. Wir sehen stattdessen eine große Individualität: Es gibt mindestens drei bis vier verschiedene Muster bei den Rechenschwächen.

Wie gut sind die Diagnoseverfahren bei Mathestörungen und wie weit sind sie verbreitet?

Wir sind hier längst nicht so weit wie bei der Lese-Rechtschreibschwäche. Das Störungsbild ist sehr komplex. Deshalb dauert auch die Entwicklung von Diagnose- und Förderprogrammen so lange. Allerdings wird intensiv daran geforscht – unter anderem im Rahmen eines Programms des Bundesforschungsministeriums, das sich mit Individualdiagnostik befasst. Aber von einem flächendeckenden Diagnoseverfahren an den Schulen sind wir noch weit entfernt.

Das Gespräch führte Katja Irle.