Das Western-Epos „Red Dead Redemption 2“ durchzuspielen, dauert Wochen. Wer sich darauf einlässt, bekommt ein erstaunliches Game.

Es geht um Indianer, Goldbarren, Gangster und Schießereien: „Red Dead Redemption 2“. Aber wer es spielt – denn dieses Epos erscheint nun für Playstation und Xbox – wird sich immer wieder fragen, ob die Landschaft nicht der heimliche Hauptdarsteller ist. Der Wind fährt hier so echt durch das hohe Präriegras, die Sonne taucht die Wolken in orangerot und scharf zeichnet sich eine texanische Esche vor dem Abendhimmel ab. Als würde Caspar David Friedrich jetzt Kunst in 4k-Kinohochauflösung produzieren.

Auf das Videospiel „RDR2“ haben Fans acht Jahre gewartet – so lange ist es her, dass der erste Teil „Red Dead Redemption“ erschien. Er belebte das Genre Western, das sonst eigentlich nicht gerade zu den aktuell beliebten gehört, als Videospiel wieder neu. Und das nicht nur mit ein paar Schießereien. Die Macher des Spiels sind auch für die „Grand Theft Auto“-Reihe verantwortlich, also, für komplexe und lange Epen, die regelmäßig die Grenzen dessen, was ein Videospiel überhaupt kann, noch ein bißchen erweitern. Ihr letztes Spiel, das in einem virtuellen Los Angeles angesiedelte „GTA V“, erzählte seine Geschichte aus der Sicht von drei verschiedenen Protagonisten, zwischen denen man immer wieder wechseln musste und deren Lebenswege sich irgendwann zu einem Crime-Drama verstricken.

RDR2: Die letzten Revolverhelden bäumen sich auf

Nun also ist wieder so ein gigantischen Game da, und diesmal spielt man nur einen einzigen Mann: Den Outlaw Arthur Morgan, der sich schon als Jugendlicher der Van-der-Linde-Gang angeschlossen hat, mit der er nun – etwa Mitte dreißig – immer noch durch die Lande zieht und von einem besseren Leben im Westen träumt. Es ist das Jahr 1899, die Westküste der USA ist also noch nicht einmal ganz erschlossen. Zugleich ist das Zeitalter der Gesetzlosen eigentlich schon vorbei – die historischen Butch Cassidy und Sundance Kid etwa begehen ihren letzten Raub im Jahr 1901 und sind danach nur noch auf der Flucht. Das Spiel wirft seine Spieler also mitten in die Götterdämmerung des Wilden Westens. Diese Welt hat eigentlich keinen Platz mehr für Revolverhelden, aber die letzten bäumen sich noch dagegen auf.

Der erste Teil des Spiels war sogar im Jahr 1911 angesiedelt, eigentlich viel zu spät, diesmal erlebt man die Vorgeschichte. Der Protagonist Arthur Morgan ist Teil der Dutch-van-der-Linde-Gang, und wird dort auch John Marston treffen (um dessen späteres Leben und Sterben sich der erste Teil des Spiels dreht). Die Band ist eine echte „Family“: Auch Frauen und ein Kind sind Mitglied, und es geht hier nicht nur um Rauben und Revolver, sondern schlicht ums Überleben.

Die große Story in „Red Dead Redemption 2“

Das Spiel beginnt im Schnee (ein erstes Zitat: der einzige große Filmwestern, der das probierte, ist „Leichen pflastern seinen Weg“ mit Klaus Kinski). Die ersten Stunden wird man sich durch Schneestürme quälen müssen, mühsam ein neues Lager finden. Die Bande ist offenbar auf der Flucht, nachdem ein Überfall misslang und einige gestorben sind. Was genau geschah, wird Arthur, der nicht dabei war, erst viel später im Spiel erfahren.

Es gibt also eine große Story um Treue und Verrat, um Männerehre und ihr Scheitern, aber die wird in einem so weiten Bogen erzählt, dass man sie oft einfach vergisst. Wer dieses Spiel spielt, träumt zunächst einmal irgendwann von Hufgetrappel. Man muss reiten, reiten, reiten – es gibt auch zunächst keine „Schnellreise“, wie in anderen Spielen mit einer großen Welt – also, wer von A nach B muss, der reitet eben, und manchmal dauert das etliche Minuten. Immerhin, die Welt sieht atemberaubend aus. Vor allem aber will das Spiel ganz offensichtlich seine Nutzer stark entschleunigen. Vielleicht soll das ein Gefühl vom Alltag des Wilden Westens suggerieren: Meist gab es nichts zu erschießen. Sondern nur weite Strecken zu überbrücken.

„Dead Eye“-Modus in RDR2

Und dann kann immer wieder alles ganz schnell gehen. Drei Männer halten uns an einer Weggabelung an. Gerade erst hat man einer anderen Gangsterbande einen Wagen voller illegal geschmuggelter Gewehre abgenommen. Nun stellen drei Finsterlinge den Spieler zur Rede. Er kann nun immer entscheiden, ob er es erst mit Dialog versucht – und kann dort zwischen Beschwichtigen und Provozieren wählen – oder er kann die Waffe ziehen. Schießereien sind nicht ganz einfach zu meistern, man wird meist genau planen müssen, welche Waffe zum Einsatz kommt, wo man in Deckung geht und wie lange. Ist Arthur ausgeruht, kann er kurz einen „Dead Eye“-Modus aktivieren und die Zeit verlangsamen. Gegen viele der Angreifer wird man das brauchen – es kommt immer wieder im Spiel zu regelrechten Massenschießereien.

Die Hauptgeschichte wird dann über Aufgaben erzählt, die man erfüllen soll. Oft kommen die Aufträge dafür von Dutch, dem Anführer der Gang, einer Art Vaterfigur. Und dann soll man also auch mal ins nächste Dorf reiten, um im Saloon den jüngsten der Bande betrunken zu machen, weil der unter Schock steht nach einer Beinahe-Festnahme – eine herrliche Szene, bei der das Bild plötzlich zu wackeln beginnt und auch der Spieler eine Art Filmriss erlebt. Dann ergeben sich plötzlich immer neue Aufgaben. Wir treffen auf eine Ex-Geliebte, mit der es offenbar eine hässliche Trennung gab vor Jahren – nun aber braucht sie Hilfe, weil ihr kleiner Bruder in den Fängen einer Sekte steckt. Oder: Ein Reporter hat Angst vor den vier berühmten Revolverhelden, die er porträtieren soll und bittet uns, ob wir es für ihn übernehmen können.

So lange dauert es, „Red Dead Redemption 2“ durchzuspielen

Bei alldem wird wie nebenbei die Geschichte des rauhen Revolverhelden Arthur Morgan Stück für Stück weiter erzählt. Bisher gibt es in Videospielen immer einen Bruch zwischen reinen Spielszenen und den eher filmischen Sequenzen, in denen man sich zurücklehnen und einfach dem Fortgang der Story zusehen darf – den so genannten „Cut-Scenes“. In diesem Spiel gibt es diesen Gegensatz überhaupt nicht mehr. Alles geht nahtlos ineinander über, fühlt sich an wie ein Medium aus einem Guss, dass Game und Kino in sich vereint.

Die ganze Story durchzuspielen, dauert 50 bis 100 Stunden, und kaum eine Rezension, die jetzt zum Start des Spiels erscheint, ist in voller Kenntnis der Geschichte geschrieben (auch diese nicht). Es deutet sich allerdings bald an, dass ein tragischer Niedergang bevorsteht. Wie sollte es auch anders gehen mit dieser Welt ganz am Ende einer Epoche, mit einem seltsam von Männern dominierten Leben, das sich gegen die Moderne stemmt.

Wie in jedem großen Drama dürfte ein bitteres Ende auf den Spieler warten. Wer sich davor fürchtet, hat aber alle Möglichkeiten, zu trödeln. Hier kann man Poker spielen, oder Kräuter sammeln gehen. Alle 19 Pferderassen des Spiels und ihre Eigenarten kennenlernen. Geld eintreiben für windige Wucherer. Sich rasieren oder eine Nacht im Hotel verbringen, Klamotten kaufen und kochen. Mit Frauen flirten (und sich dann ärgern, weil unser Arthur darin offenbar sehr ungeübt ist). Eine so detaillierte und große Welt gab es bisher noch nie. Das kann nerven, weil man das Gefühl hat, nicht weiter zu kommen. Wer es aber mag, sich in einer virtuellen Welt zu verlieren, bekommt nun das perfekte Spiel. Denn dieses will ein ganzes Leben sein.

 „Red Dead Redemption 2 (Rockstar Games) erscheint für Playstation4 und Xbox One, ab 18, kostet etwa 60 Euro. Der Mehrspieler-Modus „RDR Online“ soll in einigen Wochen starten, kostenlos für Besitzer des Spiels.