Alter und Tod ein Schnippchen schlagen: Verjüngungsbranche trifft sich in Berlin

Berlin lädt zur ersten internationalen Konferenz für Rejuvenation-Start-ups. Der neue Medizinzweig will die gesunde Lebensspanne „ganz wesentlich verlängern“.

„Der Jungbrunnen“ – Lucas Cranach der Ältere malte 1546 einen uralten Traum der Menschen. Heute wollen ihn Verjüngungsforscher erfüllen, bis zu einem gewissen Grad.
„Der Jungbrunnen“ – Lucas Cranach der Ältere malte 1546 einen uralten Traum der Menschen. Heute wollen ihn Verjüngungsforscher erfüllen, bis zu einem gewissen Grad.Gemäldegalerie Berlin

Wer würde nicht gern uralt werden und dabei bedrohliche Krankheiten gar nicht erst bekommen oder schnell wieder loswerden? Es gibt eine aufstrebende Zukunftsbranche, die helfen will, diesen Wunsch zu erfüllen, die sogenannte Verjüngungsmedizin. In Berlin findet am 14. und 15. Oktober die erste internationale Konferenz für Rejuvenation-Start-ups statt.

Wissenschaftler, Ideengeber, Investoren und Unternehmer werden erwartet. Mehr als 40 Referentinnen und Referenten sind angekündigt. Die Veranstaltung soll Beteiligte zusammenbringen und die Entwicklung der Rejuvenation-Biotech-Branche beschleunigen, wie es in der Ankündigung heißt.

Beim Begriff „Verjüngung“ (englisch: „Rejuvenation“) denkt man – wenn man von bisherigen Methoden ausgeht – zunächst an Äußerlichkeiten: Hautstraffung, gefärbte Haare, neue Zähne. Doch darum geht es hier nicht. Hier werden eher Visionen verfolgt, die an die uralten Bilder vom „Jungbrunnen“ erinnern. So wie ihn sich etwa 1546 der Maler Lucas Cranach der Ältere vorstellte: Auf der einen Seite steigen alte Leute tatterig in das Bad, werden zum Teil hineingetragen. Auf der anderen Seite hüpfen junge Leute wieder heraus.

So einfach ist das aber ganz gewiss nicht. Dem neuen, aufstrebenden Gebiet der Medizin gehe es darum, „Alterskrankheiten vorzubeugen und sie rückgängig zu machen, indem ihre gemeinsame Ursache, der Alterungsprozess selbst, angegangen wird“, heißt es in der Ankündigung der Veranstaltung. Verjüngungstherapien zielten darauf ab, altersbedingte Veränderungen umzukehren oder zu reparieren.

Illustration einer Zellteilung
Illustration einer Zellteilungimago/Science Photo Library

Das Ticken der biologischen Uhr im Erbgut

Zu den Alterstreibern gehören etwa Störungen der molekularen „Müllabfuhr“ in den Zellen, die Verkalkung, die Gewebeversteifung und die beeinträchtigte Energieproduktion. Auch im Erbgut tickt eine biologische Uhr, etwa durch die Verkürzung der Telomere. Gemeint sind die Schutzkappen an den Enden der Chromosomen, die bei jeder Zellteilung kürzer werden – bis man stirbt. Auch die Stammzellen altern und verlieren ihre Funktion. All dies hat die Verjüngungsforschung im Blick.

Hinter dem Rejuvenation Startup Summit im Berliner Radialsystem an der Holzmarktstraße steht die Forever Healthy Foundation mit Sitz in Karlsruhe. Sie wurde 2015 von dem Internetunternehmer Michael Greve gegründet und will es Menschen ermöglichen, „ihre gesunde Lebensspanne ganz wesentlich zu verlängern“.  Die ersten echten Rejuvenation-Therapien seien bereits in Entwicklung, einige davon sogar schon heute verfügbar, heißt es auf der Seite der Stiftung.

Unter den mehr als 40 avisierten Sprechern der Konferenz sind unter anderem Vertreter von Forschungsinstituten wie des Buck Institute in Kalifornien, USA, das es bereits seit 1999 gibt und das zu den Pionieren der Altersforschung gehört. Oder Vertreter des Unternehmens Kizoo Technology Capital aus Karlsruhe, das Firmengründungen fördert und finanziert. Vorgestellt werden 13 Start-ups mit ganz verschiedenen Ansätzen. Eines entwickle zum Beispiel Therapeutika, „die verkalkten Geweben und Organen wieder zu jugendlicher Funktionsfähigkeit verhelfen, indem sie pathologische Verkalkungen entfernen; insbesondere an Stellen, an denen Elastin abgebaut wurde“. Elastin ist ein wichtiges Faserprotein und sorgt unter anderem für die Dehnungsfähigkeit großer Blutgefäße wie der Hauptschlagader (Aorta).

Forscher wollen Zellen in einen jüngeren Zustand versetzen

Ein anderes Unternehmen suche „das therapeutische Potenzial der Mitochondrien“, die auch als „Kraftwerke der Zellen“ bezeichnet werden. Ein weiteres Unternehmen erschließe „ein völlig neues Feld der Behandlung von altersbedingten molekularen Schäden – das Brechen von vernetzten Kollagenfasern“. Kollagen sei ein wesentlicher Bestandteil des strukturellen Rahmens des Körpers, heißt es zur Erklärung. Unglücklicherweise binde es sich mit Glukose und bilde steife, bisweilen unzerbrechliche Vernetzungen, die sich im Laufe der Zeit ansammelten. Diese Vernetzungen verursachten eine Verhärtung von Geweben wie Muskeln, Haut und Arterien, was zu erhöhtem Blutdruck, Gefäßschäden und Faltenbildung der Haut führe. 

Die junge Firma Revel Pharmaceuticals mit Sitz im kalifornischen San Francisco sucht den Darstellungen zufolge nach Medikamenten, die solche Vernetzungen brechen, und zwar auf der Grundlage einer Technologie, die an der Yale University entwickelt worden sei. Aber es gibt noch viele weitere Ansätze. Dazu gehört Forschung zur Entwicklung der „weltweit ersten Zelltherapie, die alle soliden Tumore zerstört“ wie auch „einer Reparatur-Therapie, um Altersbedingte Makuladegeneration (AMD) zu behandeln und die Sehfähigkeit wieder herzustellen“. Die Forscher von Cyclarity Therapeutics, ebenfalls aus Kalifornien, wollen mit ihrer Technologie sogenannte arterielle Plaques an den Wänden der Arterien entfernen – eine Ursache der Arteriosklerose, die zu Herzinfarkten und Schlaganfällen führen kann.

Andere Therapien wiederum sollen „differenzierte Zellen in einen dramatisch jüngeren Zustand versetzen und dabei ihre differenzierte Identität unverändert lassen“ oder die regenerativen Fähigkeiten des menschlichen Körpers fördern, die mit dem Altern abnehmen. Die Regeneration soll mit bestimmten Mitteln in Organen und Geweben stimuliert werden. Die Forscher sehen darin eine mögliche Strategie gegen Alzheimer, Herzversagen, Diabetes und altersbedingte Muskelfehlfunktionen.

Computergenerierte Illustration von Mitochondrien
Computergenerierte Illustration von Mitochondrienimago images/Science Photo Library

Kann man das Altern „heilen“ und den Tod überwinden?

Kann man das Altern selbst „heilen“? Dies ist ein uralter Traum vieler Menschen. Mancher glaubt, dass man mithilfe von Technologien die Biologie überwinden könne, vielleicht sogar den Tod. Doch bei der Berliner Konferenz geht es nicht darum, das Sterben generell zu verhindern. Dies sei gar nicht möglich, sagen Forscher. Und auch nicht wünschenswert, schon aus gesellschaftlichen und ethischen Gründen. 

Der älteste bisher bekannte Mensch auf der Erde, die Französin Jeanne Calment (1875–1997), wurde 122 Jahre und 164 Tage alt. Die neue Studie eines internationalen Forscherteams aus Singapur, erschienen im Journal Nature Communications, stellt fest, dass „eine grundlegende oder absolute Grenze der menschlichen Lebensspanne“ bei 120 bis 150 Jahren liege. Die Forscher hatten Daten zur Gesundheit Tausender Menschen aus den USA, Großbritannien und Russland ausgewertet. Sie wiesen anhand bestimmter Kriterien nach, dass die biologische Resilienz des Körpers gegenüber Krankheiten, Verletzungen und Stress mit zunehmendem Alter nachlässt. Der fortschreitende Verlust der physiologischen Belastbarkeit, der zum Lebensende führe, sei eine dem Organismus innewohnende biologische Eigenschaft, unabhängig von äußeren Einflüssen.

Die Berliner Konferenz ordnet sich ein in die Bemühungen von Forschern, Menschen ein gesundes Leben bis ins hohe Alter zu ermöglichen – mit dem Nebeneffekt, dass damit auch die allgemeine Lebenserwartung erhöht werden könnte. Denn zwischen zurzeit rund 80 Jahren (die Männer etwas weniger, die Frauen etwas mehr) und 120 bis 150 Jahren liegt ja doch eine recht große Spanne.

Manche wollen mit Jungblut-Transfusionen das Altern stoppen

An solchen Forschungen sind weltweit viele Institutionen beteiligt. In Berlin wollen zum Beispiel Forscher im Rahmen einer neuartigen Zellklinik – dem Berlin Cell Hospital (BCH) – nach Krankheitsprozessen auf Zellebene suchen, bevor überhaupt erste Krankheitssymptome auftreten. So lassen sich möglicherweise auch Alterskrankheiten verhindern oder stoppen, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz, Alzheimer, Krebs oder chronisch-entzündliche Krankheiten.

Es fragt sich also, wodurch sich die Verjüngungsbranche von solchen Forschungsansätzen unterscheidet. Vielleicht dadurch, dass es den Start-ups direkt darum geht, Therapien und Medikamente zu entwickeln, Grundlagenforscher aber vor allem biologische Strukturen und Prozesse untersuchen.

Auch grenzt manches in der Verjüngungsbranche an Esoterik. So gibt es in dem riesigen Feld, das sich entwickelt, auch dubiose Ansätze wie etwa Jungblut-Transfusionen, bei denen Ältere das Blut junger Menschen injiziert bekommen, in der Hoffnung, dass sich ihr eigener Organismus verjüngt. Im Mäuse-Versuch hat das wohl teilweise funktioniert. Entsprechende Experimente eines US-Start-ups mit Menschen wurden jedoch von der US-Arzneimittelbehörde FDA gestoppt.

Die seriöse Forschung weiß: Ein Elixier oder eine Pille, die das Altern und Sterben verhindern, wird es nicht geben. Das Unternehmen Cambrian Biopharma aus New York fördert Projekte von zwölf Start-ups, die sich meist aus US-Universitäten ausgegründet haben. „In den nächsten zehn oder 15 Jahren möchte Cambrian die Art und Weise, wie wir Alterskrankheiten behandeln, ins 21. Jahrhundert bringen“, sagte Jakob Peyer, Gründer der Firma. Und das bedeute, „zu verhindern, dass sie auftreten, anstatt darauf zu warten, dass Menschen krank werden“. 

Der Körper ist keine Ansammlung einzelner „Baustellen“

Laut Handelsblatt werden unter Cambrian derzeit 17 neue Medikamente entwickelt. Zum Beispiel befasst sich die Forschung mit den sogenannten Telomeren. Dies sind im Erbgut die Schutzkappen an den Enden der Chromosomen, die bei jeder Zellteilung kürzer werden – bis man stirbt. Die Frage ist laut Jakob Peyer, wie man „durch das Anschalten einzelner Gene das Verkürzen der Telomere verhindern“ könne, ohne die Krebsgefahr um das Zehnfache zu steigern, was ein Nachteil dieses Verfahrens sei.

Ein Kernproblem der Verjüngungsforschung ist, dass der Körper eben keine Ansammlung einzelner „Baustellen“ ist, sondern ein komplexer Organismus. Dessen sind sich unter anderem die Forscher des kalifornischen Buck Institute bewusst, das sich schon seit Langem auf die Biologie des Alterns konzentriert. Hier heißt es: „Wir stellen Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen ein, um das Problem von allen Seiten anzugehen, denn die Antworten, die wir suchen, kommen nicht aus einem einzigen Bereich.“

Es sei mitunter auch riskant, nur in einzelnen Bereichen zu experimentieren, weil Alterungsprozesse sehr komplex seien, warnen Kritiker. „Wenn man an dem System herumpfuscht, kann das schlimme Folgen haben“, wird etwa Thomas T. Perls, Mediziner und Alterskundler aus Boston, zitiert.

Doch nicht wenige glauben an die technologische Machbarkeit. Milliardäre stecken große Summen in die Verjüngungsforschung. Nobelpreisträger geben ihren Namen dafür und beraten Firmen, wie etwa das Unternehmen Altos Labs in Kalifornien, das im Jahr 2020 gegründet wurde. Es will nach eigener Aussage „die Medizin durch Zellverjüngungsprogramme verändern“. Ein Berater ist der Stammzellforscher und Nobelpreisträger Shinya Yamanaka. Er entdeckte, dass ausgereifte Zellen durch die Gabe von vier Proteinen in einen Urzustand mit den Eigenschaften embryonaler Stammzellen zurückversetzt werden können. Experimente mit Nagetieren zeigten, dass sich die biologische Uhr so auf gewisse Weise zurückdrehen lässt.

Menschen sind keine Mäuse

Weltweit finden Experimente zur Zellverjüngung statt. So haben zum Beispiel Ulmer Stammzellforscher und Immunologen 2019 im Experiment mit Mäusen nachgewiesen, dass man das Immunsystem verjüngen kann, indem man blutbildende Stammzellen verjüngt. „Tiere, denen junge Stammzellen implantiert wurden, erhielten ein phänotypisch und funktionell junges Immunsystem, vergleichbar demjenigen in einer jungen Maus“, heißt es in einem Bericht dazu. Dazu seien auch Stammzellen älterer Mäuse isoliert und „verjüngt“ worden. Es sei zumindest denkbar, diese Verjüngungskur auf Menschen zu übertragen, um das nachlassende Immunsystem älterer Menschen zu verbessern.

Menschen sind keine Mäuse – diese Erfahrung müssen Forscher immer wieder machen. Manche warnen davor, Ergebnisse zu schnell auf Menschen zu übertragen. Hinzu kommen noch andere Fragen: Wie können die vielfältigen Ansätze irgendwann in eine ganzheitliche Altersmedizin münden? Wer wird sich mögliche Verjüngungstherapien leisten können? Werden sie von den Kassen bezahlt? Solche Fragen spielen eine wichtige Rolle im System der medizinischen Versorgung. An teuren Privatkliniken lässt sich sicher so einiges machen – aber manche Forscher stellen sich in fast idealistischer Hoffnung vor, eine einfache und erschwingliche präventive Therapie für die ganze Welt zu entwickeln.

Zwei Sprüche passen zur Debatte über das Für und Wider der Verjüngung: Junge Leute wollen reich werden und reiche Leute jung. Und: Es ist wichtiger, den Jahren mehr Leben zuzuführen als dem Leben mehr Jahre.