Berlin - Selbst Experten sind zurzeit überrascht, welche Millionenbeträge in die Berliner Start-ups fließen. „Die Szene in Deutschland und in Berlin ist seit dem Sommer 2020 auf dem Weg zu neuen Rekorden“, sagt beispielsweise Thomas Prüver, Experte für die jungen Unternehmen beim Unternehmensberater Ernst und Young (EY). Arnas Bräutigam, der mit der Plattform startupdector.de die Szene beobachtet, kommt zu dem Schluss: „Es ist schon verrückt, wie viele Start-ups derzeit in Berlin finanziert werden.“

Am Dienstag hatte Grover, das Start-up für die Vermietung von Hightech-Geräten, bekannt geben, dass es in einer Finanzierungsrunde 45 Millionen Euro eingesammelt hatte. In den Tagen davor war bekannt geworden, dass das Zahnschienen-Start-up Plusdental weitere Millionen von Investoren erhalten hatte, es ging um 35 Millionen Euro; der Fußball-Profi Mario Götze, Torschütze im WM-Finale gegen Argentinien, war auch dabei. Gar 82 Millionen gab es für das Software-Start-up Camunda und 100 Millionen für das Indoor-Landwirtschafts-Start-up Infarm.

Arnas Bräutigam von startupdetector.de hat genau nachgezählt. Allein im ersten Quartal des Jahres 2021 sind 97 Start-ups mit VC-Investment unterstützt worden. „Im Vergleich dazu waren es im vierten Quartal des vergangenen Jahres, das auch schon stark war, nur 80 solcher Start-ups, also 17 weniger“, sagte Bräutigam der Berliner Zeitung.

Unternehmensberater Prüver begründet die Entwicklung damit, dass die erste Unsicherheit durch Corona trotz des andauernden Lockdowns überwunden wurde. Er hat beobachtet, dass sich unter den möglichen Investoren auch vermehrt sogenannte SPACs, also Akquisitionszweckunternehmen, befinden, die überwiegend in den USA börsennotiert sind und sich sehr stark für deutsche Scale-ups interessieren, also für junge Unternehmen mit erprobtem Geschäftsmodell, die Kapital für schnelles Wachstum benötigen. Und wie wird es in Berlin weitergehen? Prüvers Prognose: „Berlin manifestiert sich als der wesentliche Start-up-Standort in Deutschland. Neue große Unternehmensinvestitionen in Berlin und im Berliner Umland werden diesen Trend zukünftig noch verstärken.“ Es geht also um die Ansiedlung des Autobauers Tesla, aber nicht nur. 

Auch bundesweit ist der Trend zu hohen Investitionen zu beobachten. „Unicorn-Wahn: Wieso explodieren gerade die Start-up-Bewertungen?“, fragte die Plattform Gründerszene. In den vergangenen Wochen ging es Schlag auf Schlag, ständig kamen neue Start-up-Einhörner hinzu, also Unternehmen, die mit mehr als einer Milliarde bewertet werden. Genannt werden in dem Text der N26-Verfolger Mambu, das HR-Start-up Personio und das Frachtunternehmen Sennder. Der Getränkelieferdienst Flaschenpost wurde für eine Milliarde übernommen, genauso die Softwarefirma Signavio und das Adtech Adjust. Der befragte Experte nennt zwei Gründe für den Aufschwung: Im vergangenen Jahr hat es zwar viele Investitionen, aber kaum Megadeals gegeben. Außerdem seien Softwarefirmen gerade das ganz große Ding bei Investoren.