Berlin - Tag eins der re:publica 2014 in Berlin. Es berichten: Maike Schultz (@klickbringer), Thomas Kutschbach (@th_kut), Robert John (https://twitter.com/rj0hn), Anna Lampert (@AnnaLampert), Christine Badke (@ChristineBadke) und Christian Bos.

Wut gegen nichtsnutze Netzgemeinde

Sascha Lobo spricht auf der Republica zur Lage der Nation. Drunter gehts bei ihm selten. Aber darunter geht es auch nicht. Er betritt die Bühne und begrüßt das Publikum mit einem trockenen "Hallo". Das wird von einem einzelnen Zuhörer mit einem Lachen quittiert. Dieses Lachen werde an diesem Abend jedoch das einzige bleiben, erwidert Lobo.

Damit behält er lange Recht. Sascha Lobo attackiert direkt seine Zuhörer im Saal. Die ach so smarten 2000 oder vielleicht 3000 internetaffinen Menschen im Saal seien nicht bereit, finanziell etwas für Netzpolitik oder die digitale Gesellschaft zu zahlen oder zu spenden, klagt Lobo.

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Allein ein einziger bayerischer Vogelschutzverein habe 120 feste Mitarbeiter. Die gesamte Digitale Gesellschaft komme gerade einmal auf zwei. Mit einer derart schlechten finanziellen Ausstattung, könne aber nun einmal nur Hobby-Lobbyismus betrieben werden. Niemand brauche sich deshalb zu wundern, wenn der NSA-Skandal ausgesessen statt aufgeklärt werde.

Dabei gehe es schon längst nicht mehr nur um ein freies Internet. Heute werde ein Kampf um eine freie und offene Gesellschaft geführt, sagt Lobo. Wenn es keinen Widerstand gebe, sei Überwachung in zwei oder drei Jahren ganz alltäglich und niemand störe sich mehr daran.
Die Netzgemeinde müsse sich endlich organisieren und vernetzen. Tut sie das nicht, werde Sascha Lobo einfach seine eigene Meinung als die der Netzgemeinde verkaufen. Dafür habe er sich schon die Domain netzgemeinde.de gesichert. Die gute Laune ist zurück im Saal.

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Bescheidenes Selbstlob

So bescheiden kann Selbstlob klingen. Es sei doch eine beachtliche Leistung, es mit der gesamten U.S. Regierung aufzunehmen, untertrieb Wikileaks-Redakteurin Sarah Harrison, weltbekannt geworden, als die Frau, die Edward Snowdens Flucht von Hongkong nach Moskau begleitete. Es liege in der Natur jeder Regierung, Spionage zu betreiben, führte Harrison auf der Bühne der Re:publica aus. Was die Aktivitäten der US-Regierung von denen anderer Länder unterscheide sei die Größe und die Qualität der Überwachung.

Inzwischen gebe es in den USA fünf Millionen Geheimnisträger mit Zugang zu den Überwachungsdaten. „Wie würden Sie sich fühlen, wenn ganz Norwegen Sie ausschnüffeln würde?“ Eine derart umfassende Überwachung verändere die Qualität der Spionage. „So wie eine Wasserstoffbombe eben auch nicht irgendeine beliebige Bombe ist, sondern die gesamte geopolitische Situation verändert.“ Edward Snowden bleiben nur noch zwei Monate von seinem auf ein Jahr begrenzten Asyl in Russland. „Also bearbeitet eure Regierungen, Leute!“ Das Publikum verabschiedete Harrison mit minutenlangen Ovationen. (bos)

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„Geschichte twittern - Wie, was, wann?“

Wir treffen an unserem ersten #rp14-Tag auch viele enttäuschte Besucher. Die re:publica ist weiter gewachsen und viele Sessions ziehen mehr Zuhörer an, als die Räume fassen können. Dutzende stehen schon vor Veranstaltungsbeginn vor wegen Überfüllung verschlossenen Türen.

Auch beim Vortrag „Geschichte twittern - Wie, was, wann?“ von Charlotte Jahnz (@cjahnz ) von der Universität Bonn und Historiker Moritz Hoffmann (@moritz_hoffmann) aus Heidelberg. Sie sprechen über ihr Twitter-Projekt @9Nov38zum Jahrestag der Pogromnacht. Wir hatten Glück und durften noch als letzte Zuhörer zur „Stage 3“ huschen.

Gemeinsam mit drei anderen jungen Historikern haben Jahnz und Hoffmann im Herbst 2013 die Ereignisse um die Reichspogromnacht auf Twitter nacherzählt. Für jeden der mehr als 700 Tweets gab es eine Quelle, nachzulesen im Blog zum Projekt. Mit bis zu 500 Followern hätten sie gerechnet, sagt Hoffmann auf der re:publica-Bühne. Dass es dann mehr als 10.000 wurden, habe alle überwältigt. Die beiden erklären die wochenlange Vorbereitung, ihre Arbeitsabläufe, warum sie sich für das Medium Twitter entschieden haben und verraten außerdem: Der meistverbreitete @9Nov38-Tweet war ausgerechnet der vom 11. November um 11:11 Uhr - „mitten im Karneval“.

#html (ala)

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Hashtags & Politics: Europawahl 2014

Alte blümchengemusterte Sofas, Schaukelstühle, futuristische Hartschalen-Sitze. Auf Stage J überraschen zuerst einmal die Sitzmöglichkeiten. Darauf und daneben auf dem Fußboden sitzen viele Menschen, die sich für Europa interessieren. Die Veranstaltung heißt "Hashtags & Politics Europawahl 2014" und beschäftigt sich mit der Frage, wie Bürgern EU-Themen in sozialen Netzwerken näher gebracht werden können.

Im EU-Parlament werden 24 Amtssprachen gesprochen, natürlich jede vom EU-Parlament mit eigenem Twitter-Account bedacht. Zusätzlich gibt es zu den 20 Ausschüssen gleich 22 Twitter-Accounts. Das ist noch nicht alles: Das Parlament hat über 35 Büros innerhalb und außerhalb Europas, zum Beispiel in Berlin, München und Washington. Auch diese Außenstellen haben eigene Twitter-Konten.

All das zeigt: Das EU-Parlament ist auch in den sozialen Netzwerken eine gewaltige Institution. Um den Überblick zu bewahren, haben die Social-Media-Experten aus Brüssel einen news hub eingerichtet, der Tweets und Facebook-Posts filtert. Doch trotz all dieser Anstrengungen holen sich viele junge Nutzer ihre Infos von zwielichtigen Facebook-Seiten, „die schlimmste russische Kriegspropaganda“ verbreiten, wie ein Diskussionsteilnehmer bemerkt. Warum solche Posts derart oft geteilt und geliked werden? Darauf gibt hier niemand eine Antwort. Es gibt noch viel zu tun für die Social-Media-Verantwortlichen. (tku)

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Kölner Metronom in der Hauptstadt

Auf einen Kaffee zu Chris Bishop. Klingt seltsam, wenn man den früheren Wirt der Kölner Kult-Jazzkneipe Metronom meint. Doch auf der re:publica ist vieles möglich, dank des Berliner Jazzfestivals und Andreas Gebhart, Geschäftsführer der re:publica, der Chris seit Jahren herlocken will. Chris führt die Jazzbar, die es auf der rp14 erstmals gibt. Bitte immer so: Coltrane, köstlicher Kaffee mit Herzchen im Schaum und Chris - eine unschlagbare Kombination. Nur die Aussicht auf „The Hoff“ und „The next level of digital freedom“ lässt mich hier wieder rausgehen.

Heute Abend können wir dort noch einmal hören, welche Platten Chris für uns mitgebracht hat. (cba)

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„Wer hat hier nichts zu verbergen?“

Ist die NSA-Überwachung die Aids-Epidemie des Internets? Jillian C. York von der „Electronic Frontier Foundation“ und Jacob Appelbaum, Assange-Vertrauter und Entwickler beim Tor-Projekt, einem Netzwerk zur Anonymisierung von Internetverbindungsdaten, empfehlen jedenfalls ähnlich umfassende Aufklärungskampagnen. Darüber, wie man sich besser schützen kann. Dagegen, falschen Argumenten zu vertrauen. Denn „ich habe nichts zu verbergen“ zu sagen, sei nichts anderes, als in den 1980er Jahren Aids sexistisch als „Schwulenseuche“ abzutun.

„Wer hat hier nichts zu verbergen?“, ruft Appelbaum ins Auditorium. Ein Mutiger steht auf. Appelbaum fordert ihn auf, die Hosen runterzulassen. Was freilich nicht geschieht. „Es geht nicht darum, ob man etwas zu verbergen hat“, erklärt der Aktivist. „Es geht darum, dass ich nicht das Recht habe, dich zu bitten, die Hosen runterzulassen.“ (bos)

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Hoffnung und Mut gegen Überwachung

Die Vorfreude ist groß, um so durchwachsener die Reaktionen auf die Eröffnungsveranstaltung. Einer langen Aufzählung der Sponsoren folgt eine Liste der politischen Petitionen, die unterstützt werden sollen. Vielen fehlt noch der Geist der re:publica, der Schwung, Veränderung im Digitalen vorantreiben zu wollen. Doch ohne die lange Liste der Partner, die erwähnt werden wollen, könnte eine Veranstaltung wie diese nicht mehr gestemmt werden (Wie man das Internet repariert), auf der laut Spreeblick-Blogger und Mitveranstalter Johnny Häusler (spreeblick) heute mehr Helfer tätig sind, als Gäste bei der ersten Ausgabe 2007 anwesend waren.

Mitveranstalterin und Politologin Geraldine de Bastion (@geralbine) fasst das Thema der re:publica 2014 zusammen: Hoffnung und Mut gegen Überwachung sammeln. Dafür stehe das aktuelle Motto „Into the wild“. Das klingt entschlossener als die nostalgische Devise die hier ausgerufen wird: Dass wir uns das Internet „zurückholen“ sollen. (cba)

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Geheimdienste vs. Demokratie

Die Spionage-Enthüllungen von Edward Snowden haben im vergangenen Jahr für großen Wirbel gesorgt. Heute sind viele Menschen frustriert, wie wenig sich in der Sache geändert hat. Immerhin hat der Bundestag einen Untersuchungsausschuss eingesetzt. Derzeit acht Abgeordnete sollen den BND überwachen und gleichzeitig die Aktivitäten der „five eyes“, der fünf großen Geheimdienste der USA, Großbritanniens, Australiens, Neuseelands und Kanadas aufarbeiten, wie Markus Lönig bei der re:publica-Podiumsdiskussion „Geheimdienste vs. Demokratie“ erklärt.

Ein kleines Gremium für eine große Aufgabe. „Allein wenn man sich den Aufbau der Server-Kapazitäten ansieht, sollte man nicht von Spionage reden, sondern von Massenüberwachung“, betont zudem der Bundestagsabgeordnete Christian Flisek (SPD), selbst Mitglied im NSA-Bundestagsausschuss. Immerhin: Es werde demnächst im Ausschuss personell aufgestockt.

Das ist vor allem nötig, wenn tatsächlich Zeugen befragt werden. Zum Beispiel Edward Snowden? „Eigentlich wären die Journalisten, die seine Daten ausgewertet haben, die interessanteren Gesprächspartner“, lässt Flisek wissen. Trotzdem soll der Whistleblower nach seinem Wunsch gehört werden. Nur wo? Das EU-Parlament hat ihn per Videokonferenz zugeschaltet. Das ist auch für den Bundestagsausschuss eine Möglichkeit. „Snowden muss an einem Ort aussagen, von wo aus er dem NSA-Ausschuss alle Informationen geben kann.“ Ob das in Moskau möglich ist? Vielleicht in der deutschen Botschaft? Es bestehen Zweifel. (tku)

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The Yes Men

Die Keynote reißt es nach den ersten Zweifeln einiger Zuhörer wieder raus: Das Künstlerkollektiv The Yes Men unterwandert oder inszeniert Konferenzen und hat es mit seinen Guerilla-Aktionen schon geschafft, einen Kongress der Homeland Security für sich nu nutzen. Ihr Anliegen: Aufmerksamkeit schaffen, wo Bürgerrechte bedroht sind und Projekte bekannt machen, die im Mainstream untergehen würden. Um so mit Kunst die Welt zu retten. (cba)

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Pausenbrot

In der Pause Trost spenden für erstmalige rp14-Besucher: Wie bei Erstsemestern ist der Stundenplan zu voll, in jeder Session das Gefühl, dass es nebenan noch spannender ist. Einzig möglicher Rat: Entspannen, zuhören, diskutieren. Lesenswert: der Beitrag dazu in Shamanis Blog. (cba)

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Raum für Wissenschaft

Wir werden überleben. Prophezeit Annalee Newitz, Betreiberin des populären Wissenschafts-Blogs "io9", auf der großen Bühne der Re:publica. Entweder Käfer essend in Höhlen, oder - hofft Newitz - in Städten, die sich besser an ihre natürliche Umgebung angepasst haben, als unsere heutigen urbanen Landschaften. Newitz stellte kleine Lösungen vor, wie Bakterien, die Betonrisse heilen können. Und sie sprach auch von den ganz großen, vom Leben jenseits der Erde, sicher vor Armaggedon-Meteoriten und Mega-Vulkanen, gegen die kein Bruce Willis etwas ausrichten kann. „Aber dann“, sagt Newitz, „werden wir uns verändern, werden keine Homo Sapiens mehr sein. Die Zukunft besteht bestimmt nicht aus weißen Typen in Raumschiffen.“ (bos)

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Gegen Mittag ein Spoiler

Am meisten freuen wir uns jetzt auf Freiheit - ja, we are looking for freedom, denn David Hasselhoff höchstpersönlich ist für den Nachmittag angekündigt, um im Auftrag einer Software-Firma über digitale Freiheit zu sprechen. Hier ist unser Bericht über „The Hoffs“ Auftritt.

Rückblick auf die pre:publica am Vorabend

Herzzerreißend: die Geschichte um die verlorene Püppi. Am Montagabend beim Warm-Up „pre:publica“ war die Puppe des Töchterleins von @fraumierau auf dem re:publica-Gelände verloren gegangen. Via Twitter verbreitete sich der Suchaufruf hundertfach:

Und tatsächlich - Püppi wurde gefunden, verkündete Papa @leitmedium nur rund eine halbe Stunde später.

Der Beweis, dass hier definitiv nicht alle nur auf ihre Smartphones starren. (ala)

Videos, Audios und Informationen auf http://re-publica.de

Eine Sammlung von Inhalten zur re:publica hat KStA-Redakteurin Christine Badke auf Pinterest zusammengestellt.