Alles Lüge. Das Internet steht in keinem guten Ruf, digitale Öffentlichkeiten gelten als Orte des Geschwätzes und des Schwindels, des Unsinns und des Betrugs. Der Journalist und Blogger Friedemann Karig blieb bei seinem Vortrag trotzdem locker. Über Wahrheit und Lüge im digitalen Zeitalter wollte er sprechen und merkte doch erst einmal an, dass uns vor allem die Lüge zu interessieren habe. Und das nicht nicht etwa, weil im Internet besonders gerne und häufig gelogen werde, sondern weil die Lüge ein menschlich-allzu-menschliches Phänomen sei. Alle lügen: Menschen wie du und ich, Regierungen, Geheimdienste, Verschwörungstheoretiker...

Vor diesem Hintergrund erweist sich das Internet als besonders taugliches Lügenmedium, weil sich die Lüge hier so wunderbar – oder auch: bedenklich – schnell verbreitet. Und genau das, wusste Karig, komme uns beschränkten Menschen sehr entgegen, weil es uns nämlich entlaste: Wir kommen mit der beängstigend drängenden Gleichzeitigkeit der Welt, so wie sie uns verstärkt in den digitalen Medien entgegenschlägt, nicht klar; im „Kern sind wir immer noch erzählende Affen“, die sich mit ihren Geschichten die Welt einfach und überschaubar machen. Kurzum, die Lüge mache uns das Leben angenehm, mit ihr richteten wir uns in der ansonsten ungemütlichen Welt ein.

Wohlan, aber wo bleibt dann die Wahrheit? Darauf hatte Karig nach seinem furiosen, alle Wahrheitshoffnungen zerschmetternden Auftakt eine eher kleinlaute Antwort parat: Wir müssen uns auf Mindeststandards einigen, die uns einander vertrauen lassen, ein zivilisatorisches Minimum. Eine „Ethik des Teilens und des Mitteilens“ soll die Kontaktlosigkeit des Menschen überwinden – wer Freunde hat, hat keine Angst mehr vor der komplizierten Welt. Und wenigstens eine kleine Hoffnung macht doch, so Karig, dass lange Zeit als verschwörungstheoretischer Mumpitz galt, die NSA überwachte uns total, doch mittlerweile ist es zur allgemein geteilten Gewissheit geworden.

Der Wahrheit eine Gasse: Vielleicht einfach mal die Klappe halten und nicht die ständig bewegten Medien-Gezeiten aus Lügen-Hypes und Shitstorms mitmachen? Eine solche, möglicherweise wahrheitsfördernden Zurückhaltung gab jedenfalls die Diskussionsrunde „(Medien-)Ethik in der digitalen Sphäre“ als Ratschlag aus. Der Bild-Blog-Gründer Stefan Niggemeier merkte allerdings an, dass es im notorisch schnellen Internet kaum möglich sei, jeden Sachverhalt auf seine Wahrheit hin zu prüfen, das sei „schlicht nicht die Idee des Internets“. Er verlasse sich auf sein Gefühl, das Bild einer Hinrichtung durch IS-Terroristen würde er jedenfalls nicht im Netz verbreiten.

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In der Anonymität des Netzes, sei „ethisch-moralische Zuständigkeit“ kaum zu bestimmen, brachte der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen die Diskussion auf den Punkt, aber vielleicht wäre der „Shitstorm auch als Beitrag zur gesellschaftlichen Wertedebatte“ zu sehen. Nun denn... Dann bleiben doch nur wieder die staatlichen Agenturen, Gerichte zum Beispiel, um das Internet „sauber“ zu halten. Irgendwie auch schade.

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