Mehr als 8000 Gäste, 400 Stunden Programm, 770 Sprecherinnen und Sprecher aus 60 Ländern, 17 Bühnen - und 35 Minuten Verspätung: Mit wummernden Bässen und sphärischen Bild-Klang-Fetzen in einer mehr als überfüllten Halle ist am Montag in Berlin die zehnte Re:publica eröffnet worden, die größte Digitalkonferenz Europas, die dieses Jahr unter dem Motto Selbstreflexion steht, aber auch einen Blick in die digitale Zukunft werfen soll.

Was vor einem Jahrzehnt als Nischenveranstaltung mit rund 200 Teilnehmern begann, ist inzwischen aus der Szene nicht mehr wegzudenken: Drei Tage wird daher in der Station in Kreuzberg zwischen Robotern, Kaffeeinseln und 3-D-Druckern über Netzpolitik, Social Media, Hate Speech oder Virtual Reality geredet -  gelernt, gewundert, getwittert und gestreamt.

„Seit zehn Re:publicas feiern wir das offene Internet, doch das verschließt sich gerade. Unsere Kommunikation wird zunehmend überwacht. Und wir machen uns immer mehr abhängig von immer weniger Plattformen, die uns ihre Regeln vorschreiben“,  sagte Markus Beckedahl, Chefredakteur von Netzpolitik.org. Eine offene Gesellschaft brauche ein offenes Netz, forderte er.

Von Vorratsdatenspeicherung bis Netzneutralität

Als „immer wiederkehrendes Murmeltier“ bezeichnete der Journalist die netzpolitischen Themen, die die Re:publica seit Gründungstagen verfolgten: Vorratsdatenspeicherung, Zensur, Überwachung, Netzsperren, Geheimdienste, Urheberrecht, Netzneutralität. „Diese Debatten kommen immer wieder. Wir brauchen noch eine Menge Reformen dazu“, sagte er.

Gleichzeitig kämen auch immer weitere netzpolitische Themen hinzu: „Algorithmen treffen Entscheidungen über unser Leben, ohne dass wir dies nachvollziehen können. Wir haben aber ein Recht darauf“, sagte er. Jeder wolle neue Technologien nutzen, aber sie sollten nicht gegen einen verwendet werden.

Media Convention eröffnet

Um kurz nach elf Uhr war dann auch die Media Convention eröffnet. Das ist einer der wichtigsten Medienkongresse in Europa. Da sie aber seit drei Jahren als Subkonferenz der Re:publica stattfindet, müssen die Verantwortlichen vom Medienboard Berlin-Brandenburg feststellen, dass ihre Panels oft einfach als bloßer Teil der Re:publica wahrgenommen werden.

In diesem Jahr kam der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) von Berlin die Media Convention vorsorglich selbst, um ihr größtmögliche Aufmerksamkeit zu sichern.

Drangvolle Enge herrschte eine gute Stunde später im gleichen Saal. Der italienische Philosophie-Professor Luciano Floridi referierte darüber, warum es quasi ein Gebot der Menschenrechte ist, die Privatheit im Netz zu verteidigen. Weil angekündigt war, dass Whistleblower Edward Snowden aus Moskau live zugeschaltet sein würde, standen die Zuhörer in langen Schlangen vor dem großen Saal – die meisten vergeblich. Die, die sich noch reingequetscht hatten, bevor die Türen endgültig zublieben, erlebten einen witzigen Italiener und einen nachdenklichen, aber immer noch kämpferischen Exil-Amerikaner.

Großer Applaus für Edward Snowden

Er habe sich Moskau als Zuflucht nicht ausgesucht, erklärte Snowden und forderte die Zuhörer auf, sich bei ihren Regierungen dafür einzusetzen, dass Whistleblower bei ihnen Asyl finden könnten. Den Anspruch auf Privatheit im Netz verglich er mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung: „Wer sagt, er habe keine Geheimnisse und brauche daher keine Privatsphäre im Internet, kann genauso gut sagen, er brauche keine Freiheit der Rede, weil er nichts zu sagen hat“, erklärte er unter großem Applaus.

Letztes Jahr hatte Sascha Lobo, Internet-Ikone und digitaler Chef-Zyniker, mit sich gehadert, auf die Re:publica zu kommen. Er blieb fern und fehlte irgendwie. Dieses Jahr kam er zurück – und versprühte mit seinem Vortrag „The Age of Trotzdem“ ungewöhnlich viel Netzoptimismus.

Sascha Lobo: die digitale Infrastruktur ist schlecht

Warf er dem Publikum 2014 noch Versagen und Desinteresse vor, richtete sich Lobo  am Montagabend mit einem Aufruf für mehr Aktionismus an die Digitalszene. Die Lage sei zwar nur „so mittel“, die 30- bis 54-Jährigen gehörten zur „digitally lost generation“, so Lobo.

Überwachungsnarrativen würden missbraucht, die digitale Infrastruktur sei schlecht. „Alles spricht dagegen, dass wir es schaffen, die Überwachungskatastrophe zu überwinden“, sagte er. „Trotzdem möchte ich versuchen, optimistisch zu bleiben.“

„Trotzdem“, ließ Lobo die Zuhörer dann auch immer wieder im Chor wiederholen. Doch dazu müssten alle mitmachen: „Wenn man Fortschritt nicht aufhalten kann und will, dann muss man mitgestalten“, appellierte er und gab der Netzgemeinde auch gleich drei seiner sehnlichsten Wünsche mit auf den Weg: Eine neue Suchmaschine, Snapchat für Erwachsene und einen Ersatz für iTunes.  

Diese netzpolitischen Debatten beschäftigen auch Alexander Köpcke (21) und Martin Fertmann (22), die extra zur Re:publica aus Hamburg angereist sind und in den nächsten Tagen ihre Uni schwänzen. Beide studieren Jura und engagieren sich ehrenamtlich in der „Cyber Law Clinic“, einer Internet-Rechtsberatung für Menschen, die sich keinen Anwalt leisten können.

Sie sind zum ersten Mal dabei und wollen sich bei der Re:publica netzpolitisch weiterbilden. „Wir sind durch unser Jurastudium sensibilisiert und nutzen daher viele Social Media-Kanäle gar nicht aktiv, sondern nur passiv, weil wir in der Rechtsberatung immer wieder feststellen, was alles schief laufen kann“, sagte Fertmann.

Die Bildrechte liegen bei Facebook

Private Fotos bei Facebook? „Da müsste man bei mir schon sehr lange scrollen“, erzählte  Köpcke. Die Bildrechte lägen danach bei Facebook, das weiß ja kaum einer, so der Student, der später auch beruflich im Bereich Internetrecht tätig werden möchte.

Die beiden Familien-Bloggerinnen Bianca Berlin und Sarah Leopold sind auch zum ersten Mal dabei. Für sie spielt der Schutz im Netz ebenfalls eine große  Rolle: Als Autoren, die online viel Privates auch über ihre Kinder preisgeben, sehen sie sich immer wieder mit Kritik konfrontiert. „Mir ist klar, dass alles, was im Netz ist, auch im Netz bleibt. Bilder meiner Kinder gibt es daher nur von hinten zu sehen.  Echtnamen schreibe ich ohnehin nicht in meinen Blog“, sagte Bianca Berlin.

Re:publica in Dublin

Die nächste Re:publica wird übrigens nicht lange auf sich warten lassen. Sie  findet schon am 20. Oktober 2016 statt, allerdings im irischen Dublin. „Wir wollen ein neues Projekt im Ausland probieren“, sagte Andreas Gebhard, Mitbegründer der Re:publica.