Wenn die Menschheit keinen Raubbau an der Erde betreiben wollte, müsste sie von diesem Mittwoch an bis zum Ende des Jahres aufhören mit dem Essen, Kühlen, Heizen, Fliegen und Autofahren. Sie dürfte nicht mehr fischen, ihr Vieh nicht mehr füttern und keine Bäume mehr abholzen. Denn vom 2. August an wird, global betrachtet, mehr verbraucht und verschmutzt als unser Planet kompensieren kann. Erdüberlastungstag, Earth Overshoot Day, heißt das Datum, das umweltbewussten Menschen ein schlechtes Gewissen macht.

Mit einer Aktion am Brandenburger Tor in Berlin wollen mehrere Nichtregierungs-Organisationen, darunter Germanwatch, Naturschutzjugend und Inkota, auf die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen hinweisen. Eines der Plakatmotive ist ein fiktiver Blick in den Amazon-Onlineshop. Eine Erdkugel ist abgebildet, daneben steht „Die Erde (Unikat)“ und in roten Lettern „nicht verfügbar – ab 1. 1. 2018 wieder lieferbar“.

Vor 30 Jahren war noch fast alles in Ordnung

„Die Erde ist kein Online-Shop mit scheinbar unbegrenztem Angebot. Jetzt ist der Laden leer. Alles, was wir ab heute verbrauchen, ist Diebstahl an künftigen Generationen“, sagt Christoph Röttgers von der Naturschutzjugend. Es sei Aufgabe der Politik, das zu verhindern

Seit 1987 errechnet das Global Footprint Network, eine internationale Organisation, die sich für Nachhaltigkeit einsetzt, an welchem Tag des jeweiligen Jahres das Leben auf Pump beginnt. 2017 sind also schon nach sieben Monaten die natürlichen Ressourcen verbraucht, die innerhalb eines Jahres regeneriert werden könnten. So schnell ging es noch nie. Im Jahr 2000 fiel der Earth Overshoot Day noch auf den 23. September, 1987 sogar erst auf den 19. Dezember. Vor 30 Jahren war die Welt rechnerisch also noch fast im Lot.

Am meisten belastet das CO2

Den ökologischen Fußabdruck zu berechnen, ist eine komplizierte Angelegenheit. Pro Land und Jahr fließen etwa 15.000 Datenpunkte in die Berechnung ein. Der gesamte Bedarf an nachhaltig nutzbaren Ressourcen wie Wälder, Ackerland, Weideland und Fischgründe wird der biologischen Kapazität der Erde, Ressourcen aufzubauen sowie Abfälle und Emissionen aufzunehmen, gegenübergestellt.

Der Kohlendioxid-Ausstoß ist der seit Jahren am schnellsten wachsende Bereich des ökologischen Fußabdrucks. In Industrieländern haben CO2 -Emissionen den weitaus größten Anteil am Footprint. In Deutschland sind es 64 Prozent.

Amerikaner würden fünf Erden verbrauchen

Für die Berechnung wird der gesamte CO2 -Ausstoß durch Verbrennung fossiler Energieträger – also Kohle, Erdöl, Gas und Holz – sowie die Belastung durch importierte Güter errechnet. Auf der anderen Seite steht die benötigte Waldfläche, um CO2 zu binden. In Deutschland nimmt der Wald nur 15 Prozent der nationalen Kohlendioxid-Emissionen auf. Wir sind also auf Wälder anderswo angewiesen.

Nach Angaben des Global Footprint Network bräuchte die Weltbevölkerung eigentlich 1,7 Erden, wenn sie weiter so leben und wirtschaften will wie bisher. Hätten alle die gleiche Lebensweise wie die Deutschen, wären es 3,2 Erden, für ein Leben à la USA sogar 5. Dementsprechend früher liegen die nationalen Überlastungstage von Industrieländern. Deutschland hat die ökologische Grenze dieses Jahr bereits am 24. April erreicht. „Die CO2 -Emissionen in Deutschland müssen nach Jahren der Stagnation endlich wieder sinken“, sagt Johanna Kusch von der Umweltorganisation Germanwatch. Die künftige Bundesregierung müsse verbindliche und messbare Ziele zur Reduktion des absoluten Ressourcenverbrauchs festschreiben.

Es gibt Lösungen

Beim Ackerland ist die Bilanz für Deutschland ähnlich schlecht. Auch in dieser Hinsicht leben wir stark über unsere Verhältnisse. Ein Fünftel des ökologischen Fußabdrucks kommt dadurch zustande, dass wir mehr Lebens- und Futtermittel verbrauchen als auf hiesigen Äckern wachsen können. Knapp 17 Millionen Hektar Ackerfläche gibt es, weitere 5,5 Millionen Hektar brauchen die Deutschen in anderen Ländern. „Allein in Lateinamerika beansprucht die deutsche Fleischindustrie zirka drei Millionen Hektar für Sojaplantagen“, sagt Lena Michelsen von der entwicklungspolitischen Organisation Inkota.

Das Global Footprint Network hat die Kampagne „MoveTheDate“ gestartet, um nachhaltiges Leben und Wirtschaften zu fördern. Dabei geht es darum, den Erdüberlastungstag wieder auf ein späteres Datum zu verschieben. Möglichkeiten dazu gebe es, sagt Mathis Wackernagel, Vorstandsvorsitzender des Global Footprint Network und Entwickler des Ökologischen Fußabdrucks. „Innerhalb des Ressourcenbudgets unseres Planeten zu leben, ist nicht nur technologisch machbar, sondern auch finanziell von Vorteil. Es ist unsere einzige Chance für eine blühende Zukunft.“

Zwei Beispiele nennt er: Würden Nahrungsmittelabfälle weltweit halbiert, wäre das Datum um 11 Tage nach hinten verschoben. Und wenn sich rund um den Globus der CO2 -Ausstoß halbierte, wäre der Überlastungstag 89 Tage später.