Es klingt wie ein Wunder: Ein Querschnittsgelähmter kann wieder erste Schritte machen, nachdem polnische Chirurgen ihm Nervenzellen aus den Nase entnommen und in sein durchtrenntes Rückenmark verpflanzt haben. Auf diese Weise ist es ihnen gelungen, das zerstörte Nervengewebe wieder zusammenwachsen zu lassen. Nun hoffen viele Betroffene, dass auf diesem Wege ihre Querschnittslähmung ebenfalls geheilt werden könnte. Doch Mediziner warnen vor allzu großen Hoffnungen.

Der glückliche Patient heißt Darek Fidyka. Bei einem Messerangriff wurde dem heute 38-jährigen Feuerwehrmann aus Bulgarien vor vier Jahren das Rückenmark durchtrennt. Seitdem war er von der Hüfte abwärts gelähmt. Chirurgen der Universitätsklinik im polnischen Breslau (Wroclaw) behandelten ihn und entschieden, in seinem Fall eine revolutionäre Operationsmethode zu wagen. Beteiligt war ein internationales Forscherteam.

Die Grundlage für die Operation bildete die Erkenntnis, dass es in der Nase bestimmte Nervenzellen gibt, die fähig sind, nach einer Verletzung nachzuwachsen. Sie sind wichtig für den Geruchssinn und nennen sich olfaktorische Hüllzellen. „Die Idee war, diese sich erneuernden Nervenzellen aus der Nase zu nehmen und diese in das Rückenmark zu transplantieren. Dort regenerieren sich die Nervenzellen nicht eigenständig“, sagte Geoffrey Raisman, führender Neurologe am Londoner University College, der BBC. Die Zellen aus der Nase überbrücken das verletzte Rückenmark und stellen die Kommunikation zwischen den unteren Extremitäten und dem Gehirn wieder her. Als Gerüst für die transplantierten Nasenzellen dienten bei Darek Fidyka Nervenbahnen, die ihm aus dem Fußgelenk entnommen worden waren. Die Operation fand vor etwa einem Jahr statt.

Und sie hatte Erfolg. Wie Bilder zeigen, kann Darek Fidyka die ersten Schritte bereits wieder selbstständig gehen – wenn auch noch mit Hilfsmitteln. „Der Patient spürt die Bewegung der Extremitäten und der Gelenke“, sagt Fidykas behandelnder Neurochirurg Pawel Tabakow. Bei seiner Ankunft im Breslauer Uni-Klinikum habe der Patient keinerlei Empfindung in den Beinen gehabt. „Er ist wieder mobil“, bestätigt auch der britische Neurologe Geoffrey Raisman. Er könne seine Hüfte drehen, sich aufsetzen, seine Beine bewegen und mit dem Rollator gehen.

Nervenzellen aus der Nase verpflanzt

Raisman hatte mit seinen Londoner Kollegen die Therapiemethode entwickelt. Details veröffentlichen die Wissenschaftler im US-Fachjournal Cell Transplantation. In Versuchen an Ratten, ebenso bei der Behandlung eines gelähmten Dackels, war es Raisman gelungen, Nervenzellen aus der Nase ins Rückenmark zu verpflanzen. Darek Fidyka nun ist der erste erfolgreich behandelte Mensch. Der Patient aus Bulgarien habe sich dafür besonders gut geeignet, weil der Schnitt glatt gewesen sei und der Spalt nur acht Millimeter breit, sagte Raisman. Für dessen Forschung hatte der britische Koch und Hotelier David Nicholls – Vater eines querschnittsgelähmten Sohns – umgerechnet mehr als eine Million Euro gespendet. Fast alle hätten gewarnt, eine Querschnittslähmung sei nicht heilbar, „ihr verschwendet eure Zeit und euer Geld“, erzählte Nicholls einem Radiosender. „Zum Glück haben wir weitergemacht und jetzt haben wir unglaubliche Hoffnung.“

Doch diese Hoffnung wird zugleich von Forschern gedämpft, die von einem Einzelfall sprechen. Man wisse erst, wie gut die Methode funktioniere, wenn es weitere Studien dazu gebe, sagte der Neurowissenschaftler Robin Franklin von der Universität Cambridge der Zeitung The Times. Jeder erfolgreiche Eingriff am Rückenmark sei zwar eine gute Nachricht, sagt Frank Rainer Abel, Vorsitzender der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie (DMGP). Doch eine Zauberformel gegen Querschnittslähmungen hätten die Kollegen nicht gefunden. Weil es viele Ausprägungen von Querschnittslähmungen gebe, sei es schwierig, das Erfolgsrezept zu finden. Außerdem mahnt der Mediziner: „Eine solche Operation am Rückenmark birgt starke Risiken. Der Patient könnte dabei mögliche Restfunktionen verlieren.“ Es gebe keinen wissenschaftlichen Beweis, dass die verpflanzten Zellen für die Fortschritte des Patienten verantwortlich seien, kritistierte Simone Di Giovanni vom Imperial College London. Die bisherige Forschung habe sehr strittige Ergebnisse hervorgebracht.

Auch der Neurologe Geoffrey Raisman bremste die Euphorie. Noch stehe man ganz am Anfang, sagte er. Dennoch glaubt er, dass ein entscheidender Durchbruch gelungen sei. Die neue Methode könne letztlich die Prognose für Menschen mit Behinderung durch Rückenmarkverletzungen auf historische Art bessern.

Darek Fidyka selbst ist überglücklich über die Fortschritte, die er macht. „Wenn man fast die Hälfte seine Körpers nicht spüren kann, fühlt man sich hilflos“, sagte er der BBC. Wenn die Gefühle aber wiederkämen, sei es, als würde man zum zweiten Mal geboren. (mit dpa)