Der Fall war im Grunde hoffnungslos: ein seit Jahrhunderten verschollener König; dazu eine mutmaßliche Grabstelle, von der nicht einmal der Grundriss bekannt war. An der Entdeckung der Gebeine König Richards III. von England (1452–1485) und seiner Identifizierung war die Archäologin und Genetikerin Turi King von der University of Leicester entscheidend beteiligt. Am Dienstag berichtet sie an der Technischen Universität Berlin vom Sensationsfund des letzten Königs aus dem Hause Plantagenet.

Frau Dr. King, im August 2012 stießen Sie unter dem Parkplatz des Sozialamts der Stadt Leicester auf ein Skelett mit verkrümmtem Rückgrat. Ahnten Sie, was Sie vor sich hatten?

Es war der erste Ausgrabungstag, als wir nach sechseinhalb Stunden ein Stück Bein fanden. Unser Ausgrabungsleiter ertastete unter dem Knochen ein Skelett, aber in Großbritannien kann man menschliche Überreste nicht einfach bergen, das muss beantragt werden. Wir gruben also erst einmal um das Skelett herum. Viele Indizien haben später zur Identifizierung geführt.

Letzte Gewissheit brachte schließlich Ihre DNA-Analyse

Man muss immer alle Stränge der Beweisführung zusammenführen. Das ist so, als löse man einen historischen Vermisstenfall: Gesucht wird König Richard III., zuletzt gesehen im Chor der Franziskanerkirche in Leicester nach der Schlacht von Bosworth Field; besondere Merkmale: jung, Kampfverletzungen, eventuell eine Rückgratverkrümmung. Wir hatten Folgendes: das Skelett eines Mannes im Alter zwischen 30 und 34; Knochen mit Kampfverletzungen; eine schwere Skoliose. Die Radiokarbondatierung war übereinstimmend. Dann kam die DNA-Analyse zurück. Das ist nur ein Teil des Puzzles – aber ein wichtiges Teil.

Wie kompliziert war die Entschlüsselung der königlichen Gene?

DNA aus alten sterblichen Überresten herauszulösen, ist schwierig. Ob sie brauchbar ist, weiß man erst zum Schluss. Ich hatte Glück, weil ich die Analyse mit meinem deutschen Kollegen Michael Hofreiter aus Potsdam machen konnte, einem Experten für alte DNA. Wir mussten unter sterilen Bedingungen arbeiten, mit Schutzanzug und Gesichtsmaske, um die DNA nicht zu kontaminieren. Entnommen haben wir zwei winzige Proben aus den Zähnen, aber die DNA war stark fragmentiert.

Es hat 527 Jahre gedauert, Richard III. aufzuspüren. Stimmt es, dass Sie gerade noch rechtzeitig kamen? Denn die Linie Richard III. könnte bald erloschen sein.

Das ist richtig, wir hatten dieses kleine Zeitfenster: Wir mussten Erbgut nutzen, das auf relativ einfache Weise über Generationen weitergegeben wurde, das war die mitochondriale DNA. Sie wird über die weibliche Linie vererbt. Wir fanden zwei Leute mit diesen Merkmalen: Michael Ibsen, einen Kanadier, der von einer Schwester Richards III. abstammt, sowie eine Australierin, die ebenfalls in London lebt. Sie hat keine Kinder. Auch die Schwester von Michael ist kinderlos. Es stimmt wirklich: Vor 30 Jahren hatten wir die Technik noch nicht – und in 40 Jahren wären die Nachfolger mit den Merkmalen nicht mehr unter uns.

Die frühesten Porträts Richards, nach seinem Tod gemalt, zeigen einen Mann mit dunklem Haar und dunklen Augen. Michael Ibsen dagegen, sein Nachfahr, ist blond. Wie sah Richard III. wirklich aus?

Die Vererbung von Augen- und Haarfarbe ist sehr komplex, weil sie auf verschiedene Gene verteilt ist. Ich würde nicht davon ausgehen, dass Nachkommen in 17. Generation eine genetische Übereinstimmung bei Haaren oder Augen aufweisen. Tests haben aber ergeben, dass Richard III. mit großer Wahrscheinlichkeit blaue Augen hatte. Und zu 77 Prozent war er blond, zumindest als Kind.

Hat es Sie erstaunt, dass die Skoliose des Skeletts zumindest oberflächlich das Bild vom „buckligen Richard“ zu bestätigen scheint, das William Shakespeare in seinem Drama zeichnete?

Wir wissen aus historischen Dokumenten, dass Richard schiefe Schultern hatte. Das ist interessant, denn bei William Shakespeare, hundert Jahre später, hat er keine Skoliose, sondern einen Buckel – eine klare Überzeichnung. Außerdem verpasst Shakespeare ihm einen verkrüppelten Arm und lässt ihn hinken. Shakespeare versuchte, die Tudors bei Laune zu halten: Als er sein Stück schrieb, saß Elizabeth I. auf dem Thron, sie war die Enkelin von Heinrich Tudor, der Richard besiegt hatte. Da passte ein sympathischer, netter König Richard nicht in die Propaganda.

Das Faszinierende an Ihrer Arbeit ist, wie Sie Genetik mit Disziplinen wie Archäologie, Anthropologie und Geschichte verbinden.

Ich habe mit Archäologie in Cambridge angefangen, dann hat mich interessiert, wie man die Genetik zur Beantwortung von Fragen der Geschichte nutzen kann. Also habe ich Molekulargenetik studiert. Meine Doktorarbeit beschäftigte sich mit der Verbindung zwischen Familiennamen und dem Y-Chromosom. In Großbritannien werden Nachnamen seit der Zeit der Normannen vererbt. Meine Frage war: Wenn Familiennamen in väterlicher Linie auf die Kinder wechseln und auch das Y-Chromosom vom Vater zum Sohn weitergegeben wird, sind dann Leute mit demselben Nachnamen verwandt, weil sie mit jemandem in Verbindung stehen, der vielleicht vor 700 Jahre lebte? Zu meiner Studie gehörte David Attenborough, der berühmte britische Tierfilmer und Naturforscher: Ich habe eine Menge Attenboroughs aus dem ganzen Land gesucht, die nicht direkt miteinander verwandt waren. Aber 90 Prozent von ihnen haben identische oder fast-identische Y-Chromosomen-Typen. Und das zeigt, dass sie doch verwandt sind.

In welchen Feldern können diese Erkenntnisse helfen?

Zum Beispiel in der Kriminalistik. Wenn an einem Tatort ein Y-Chromosom-Typ entdeckt wird, ließe der sich theoretisch mit einer Datenbank mit Familiennamen abgleichen. Aber natürlich ist ein Name allein noch kein Indiz.

Der König vom Parkplatz ist im vergangenen Jahr nun feierlich wiederbestattet worden. Ist der Fall damit wissenschaftlich für Sie abgeschlossen?

Ich beende gerade mit Michael Hofreiter die komplette Genomsequenzierung Richards III. Das wird nächstes Jahr veröffentlicht.

Das Gespräch führte Barbara Klimke.