Kaum jemand kennt sie – doch Riechstörungen kommen in der Praxis überraschend häufig vor. „Studien zeigen, dass etwa fünf Prozent der Bevölkerung gar nichts riechen. Weitere 15 bis 20 Prozent haben ein Riechproblem“, berichtet Thomas Hummel, Leiter des Arbeitsbereichs Riechen und Schmecken an der Universitäts-HNO-Klinik Dresden. „Das kann bedeuten, dass sie Gerüche abgeschwächt oder verändert wahrnehmen oder aber Gerüche riechen, die gar nicht da sind.“ Vielen Betroffenen wird die Bedeutung des Geruchssinns erst bewusst, wenn sie ihn verloren haben. Auf einmal fehlt der Duft von Frühlingsblumen, von frischen Brötchen, der vertraute Geruch des Partners. Gerüche, die Erinnerungen an alte Zeiten weckten, existieren nicht mehr. Und Braten, Gemüse und Kuchen schmecken gleichermaßen fade – denn der Großteil ihres Aromas kommt durch Geruchsstoffe zustande.

Häufig nimmt die Riechfähigkeit einfach mit zunehmendem Alter allmählich ab – und zwar bei Männern stärker als bei Frauen. So ist ab dem 50. Lebensjahr etwa jeder Vierte und ab dem 70. Lebensjahr etwa jeder Zweite von einer Riechstörung betroffen. Der Geruchssinn kann jedoch auch abrupt und in jungen Jahren verloren gehen. Manche Menschen werden sogar ohne die Fähigkeit zu riechen geboren.

„Riechstörungen können die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen – und sie können auch gefährlich sein“, betont Richard M. Costanzo, Wissenschaftler am Smell and Taste Disorders Center der Virginia Commonwealth University in Richmond (USA). „Zum Beispiel nehmen die Betroffenen Brand- oder Gasgeruch und verdorbene Lebensmittel nicht mehr wahr.“ Und Menschen in Berufen, in denen es auf eine gute Nase ankommt, wie Köche oder Feuerwehrleute, müssen sich häufig nach einem anderen Job umzusehen.

Luftfluss verbessern

Die Ursachen für Riechstörungen können sehr vielfältig sein. „Am häufigsten treten sie bei Entzündungen der Nasennebenhöhlen, nach Virusinfekten, bei Polypen oder Allergien auf“, sagt Hummel. „In solchen Fällen ist oft eine erfolgreiche Behandlung möglich.“ Das Ziel der Therapie besteht dann darin, die Entzündung zu reduzieren und den Luftfluss durch die Nase zu verbessern – bei einer Allergie zum Beispiel durch antiallergische Medikamente oder bei Polypen durch eine Operation.

Die zweithäufigste Ursache sind Schädel-Hirn-Verletzungen. „Dabei kann es zum Abreißen der Riechfäden kommen, die die Geruchsinformationen ans Gehirn weiterleiten“, berichtet Hummel. „Es kann jedoch auch sein, dass für das Riechen wichtige Hirnregionen verletzt werden.“ Der Geruchssinn ist in solchen Fällen meist dauerhaft verloren – allerdings kehrt er bei zehn bis fünfzehn Prozent der Patienten zumindest teilweise wieder zurück. „Dies hängt vermutlich mit der Regenerationsfähigkeit der Riechzellen zusammen“, erklärt Hummel. „Denn sie haben – anders als die meisten anderen Nervenzellen – die Fähigkeit, sich ständig neu zu bilden.“

Wer an einer Riechstörung leidet, sollte sich an einen Spezialisten – eine Hals-Nasen-Ohren-Klinik oder einen Facharzt – wenden. Hier wird der Mediziner zunächst Fragen zur Entwicklung der Störung, den aktuellen Symptomen und zur Krankengeschichte stellen. Anschließend wird der Nasen- und Rachenraum mit einem Endoskop untersucht. Gleichzeitig wird die Riechfähigkeit mit sogenannten Schnüffelsticks überprüft, bei denen Gerüche erkannt werden sollen.

Auch Erkrankungen gehen mit einem verminderten Geruchssinn einher. „Bei der Parkinson-Krankheit ist dies ein typisches Frühsymptom“, sagt Hummel. „Aber auch bei Multipler Sklerose und der Alzheimer-Krankheit lassen sich Riechstörungen beobachten.“

Medikamente als Auslöser

In manchen Fällen wird die Riechstörung auch durch Medikamente ausgelöst. „Dies ist häufig bei einer Chemotherapie der Fall“, erläutert Costanzo. „Aber auch Blutdruckmedikamente, Cholesterin-Senker und Antibiotika können das Riechvermögen beeinträchtigen.“ In solchen Fällen sollte man mit seinem Arzt besprechen, ob man die Dosis reduzieren oder das Medikament wechseln kann.

Auf der anderen Seite könnte es auch Substanzen geben, die die Riechfähigkeit bei chronischen Störungen verbessern können. So erprobt die Arbeitsgruppe um Hummel zur Zeit, ob Pentoxifyllin – das den Abbau von Botenstoffen im Riechsystem vermindert – ein geeignetes Medikament sein könnte.