Roboter Tim führt ab jetzt Besucher durch das Deutsche Technikmuseum in Berlin

Berlin - Der Weg zu Tim ist eine  kleine Reise durch die Zeiten. Man kommt an einem Ochsenkarren vorbei, an Kutschen, einem Benz-Motorwagen, einem Rennauto von 1931,  sogar einem Trabi – bis man  in der  Ausstellung „Das Netz“ landet, in dem es  um „Menschen, Kabel, Datenströme“ geht. Dort tut Tim vom heutigen Mittwoch an seinen Dienst, als erster mobiler Serviceroboter für Besucher des Deutschen Technikmuseums in Berlin.

Der blaue Kerl, 1,50 Meter groß, kommt leise herangeschnurrt und klimpert mit den Lidern seiner Kugelaugen. „Hallo, ich bin Tim, der Museumsroboter“, sagt er bei der Vorstellung am Dienstag im Technikmuseum. „Mit mir können Sie einen Rundgang durch die Ausstellung machen. Ich führe Sie zu den ausgestellten Objekten und erzähle Ihnen, warum diese Dinge so spannend sind.“

Seine Stärken seien grenzenlose Geduld und Ausdauer, sagt er mit einer  männlichen Nachrichtensprecherstimme, die wenig zu seinem kegelförmigen, etwas femininen Äußeren zu passen scheint. Er wiederhole gerne seine Geschichten immer wieder, acht Stunden am Tag. Aber ein paar Schwächen habe er auch. „Ich kann Sie nur zu Objekten führen, die mir eingespeichert wurden“, sagt er. „Außerdem beantworte ich grundsätzlich keine Fragen. Tschuldigung!“

Tim besitze Augen, aber keine Ohren, sagt Andreas Bley, einer seiner Schöpfer, Geschäftsführer der Firma Metralabs in Ilmenau.  Zwar  hätten andere Geräte, zum Beispiel moderne  Handys, bereits Sprachsteuerungssysteme. Aber so etwas funktioniere kaum in einem unruhigen Museumsraum  und bei größerem Abstand der Besucher zum Roboter, sagt Bley.

Zwölf Ziele eingespeichert

Um diesen zum Handeln zu bewegen, muss der  Besucher eines von  zwölf eingespeicherten Zielen auf dem Bildschirm berühren, den Tim vor der Brust hält.

Zum Beispiel das knallorange Telefon mit Wählscheibe, den riesige Datenkraken Otto oder die smarte Toilette. „Los geht’s, okay!“, sagt der Roboter und schnurrt voran.  Angekommen am Objekt, beginnt er zu erklären: „Hier seht ihr eine besondere Klobrille. Forscher der Universität Aachen haben sie 2011 entwickelt.“

In ihren Sitz seien Elektroden eingebaut. Damit untersuche die Toilette automatisch jeden, der auf ihr Platz nehme, zum Beispiel den Fett- und Wasseranteil des Körpers sowie den Zustand des Herzens. Die Messdaten könnten direkt an den Arzt versandt werden, erklärt Tim – auf Wunsch auch auf Englisch. Und er gibt zugleich zu bedenken, dass solche höchst persönlichen Daten auch missbraucht werden könnten. Man müsse also regeln, wer sie bekommen dürfe.

Charmanter Augenaufschlag

Die Idee, den Roboter Tim anzuschaffen, sei im Museum entstanden, sagt Dirk Böndel, Direktor des Deutschen Technikmuseums. Eine Kollegin hätte einen Roboter dieses Typs  im  Heinz Nixdorf Museumsforum in Paderborn gesehen und beharrlich zwei Jahre lang dafür gewirkt, dass auch das Technikmuseum in Berlin einen bekommt.

Es ist ein sogenannter humanoider Serviceroboter. Wie er zum Namen Tim kam, erklärt die Museumskuratorin Eva Kudraß. Der Name sollte kurz, prägnant und für den Roboter leicht auszusprechen sein. Außerdem sei er eine Referenz an Tim Berners-Lee, den Begründer des World Wide Web.

Die technische Bezeichnung für Tim ist Scitos-A5-Roboter.  Das  Unternehmen Metralabs in Ilmenau hat ihn entwickelt. Die mittlerweile 14-köpfige Firma wurde 2001 von Studenten der Technischen Universität (TU) Ilmenau gegründet und ist seit 2007 mit eigenen Roboterprojekten auf dem Markt.

Lange Wunschliste

„Der Vorteil ist, dass der Roboter alles mitbringt, was er braucht. Man muss nicht erst in der Umgebung Sensoren oder Ähnliches installieren“, sagt der Metralabs-Geschäftsführer Andreas Bley. Die Serviceroboter bewegten sich  frei in beliebigen Gebäuden. Wenn sie das erste Mal in einer fremden Umgebung seien,  würden sie auf diese „geteacht“. Man fahre sie umher, sie tasteten dabei mit Laserscannern die Umgebung ab.

Aus den Daten – etwa den Entfernungen zu Tischen, Wänden oder Türen  – werde eine Karte erstellt. „Anhand dieser kann sich der Roboter immer wieder orientieren.“ Das Technikmuseum hätte konkrete Vorstellungen von den Funktionen des Roboters gehabt und den Entwicklern eine Liste von Exponaten gegeben, die er anfahren soll, sagt Bley. Zu den Exponaten seien Bilder und Informationen auf dem Bildschirm hinterlegt. Beim Umherfahren weiche Tim selbstständig Personen und Hindernissen aus. „Und nachts begibt er sich zur Ladestation, um neue Energie zu tanken.“

Weitere Anwendungen sind möglich

Tim hat durchaus das Potenzial zum Publikumsliebling. Und zwar bei Jung und Alt, wie der Einsatz von Roboter in anderen Museen zeigt. Kinder sind ohnehin begeistert und testen aus, wie der Roboter reagiert.  Erwachsene interessieren sich sehr für die Technik, die in ihm steckt, und amüsieren sich über seinen charmanten Augenaufschlag. Aber zu menschlich sollte solch ein Serviceroboter auch nicht sein,  sagt Andreas Bley, dessen Firma bei der Entwicklung immer neuer Roboter mit Partnern aus der Wissenschaft zusammenarbeitet,  unter anderem dem Fachgebiet Neuroinformatik und Kognitive Robotik der TU Ilmenau.

„Bisher haben wir mehr als 200 Roboter im Einsatz“, sagt Bley. „Unser Schwerpunkt sind der Einzelhandel und Museen.“ Aber auch an anderen Anwendungen werde gearbeitet. Roboter führen in Elektronikmärkten Kunden zu den Produktregalen. Sie transportieren Dinge, messen Umweltbedingungen im Labor oder werden dazu entwickelt, Patienten nach einem Schlaganfall wieder das Laufen beizubringen.

„Unsere neueste Entwicklung ist ein sogenannter Inventurroboter, ,Tory’ genannt“, sagt Bley. „Der fährt zum Beispiel nachts in Textilgeschäften oder Warenlagern umher, zählt die vorhandenen Artikel und trägt ihre Position in einer Karte ein.“

Durch Sensoren geschützt

Und was ist mit Tim? Wieviel hält solch ein Roboter im Museumsgewimmel eigentlich aus? Könnte er auch kaputtgehen? Solch ein Roboter sei sehr robust, sagt Eva Kudraß. Selbst bei ruppiger Behandlung passiere nichts. Er könne höchstens etwas orientierungslos werden.

Wenn man Tim schiebt, wirkt eine Bremse entgegen. Und wenn man ihn bis zu einem gewissen Grad zur Seite kippt, steht er von allein wieder auf, wie ein Stehaufmännchen. Auch gegen zufällige Kollisionen mit Besuchern ist er durch Sensoren geschützt. Also, an alles ist gedacht. „Aber“, so sagt Andreas Bley, „der Test mit dem Berliner Publikum steht noch aus.“