Feuchte, kühle Wälder bieten ein angenehmes Klima, plätschernde Quellbäche eine gute Kinderstube für den Nachwuchs. Es gibt genügend Verstecke, und auch der Tisch ist mit Insekten und Spinnen, Schnecken und Regenwürmern reich gedeckt. Aus Sicht eines Feuersalamanders müsste die Eifel ein wahres Paradies sein. Wenn da nicht dieser Pilz wäre. Batrachochytrium salamandrivorans (Bsal) heißt der Krankheitserreger, der die Haut der Salamander zerfrisst und die Tiere so in kürzester Zeit tötet.

Nachdem er bereits in den Niederlanden und Belgien gewütet und ganze Populationen ausgerottet hat, ist er seit ein paar Jahren auch in der Eifel aktiv. Experten befürchten, dass er den Sprung in andere Regionen Deutschlands schaffen wird. Wie schnell aber breitet sich der Pilz aus? Und was kann man dagegen tun? Solchen Fragen geht seit Anfang des Jahres ein Projekt des Bundesamtes für Naturschutz nach. Beteiligt sind die Universität Trier, die Technische Universität Braunschweig, die Biologische Station Düren und die Biologische Station Städteregion Aachen.

Einige Erkenntnisse über die Umtriebe des „Salamander-Fressers“ haben die Forscher bereits gewonnen. „Die Schauplätze der ersten Massensterben in den Niederlanden und Belgien liegen keine zehn Kilometer von der deutschen Grenze entfernt“, sagt Norman Wagner von der Universität Trier. „Es war deshalb zu befürchten, dass der Erreger irgendwann auch die benachbarte Eifel erreichen würde.“ Also hat er mit Kollegen schon 2014 damit begonnen, die Amphibien der Region im Auge zu behalten und gezielt nach dem Erreger zu fahnden.

Verbreitung mit Wanderschuhen

Mit sterilen Wattestäbchen nehmen sie dazu Abstriche von der Amphibienhaut. Die Proben untersuchen sie dann im Labor auf das Erbmaterial des Pilzes. So können sie feststellen, ob und wie stark das jeweilige Tier befallen ist. An mehr als 50 Eifel-Bächen haben die Forscher solche Untersuchungen bereits durchgeführt. Zusätzlich suchen sie diese Gewässer im Frühsommer nach Feuersalamander-Larven ab. „Die findet man viel leichter als die erwachsenen Tiere“, erklärt Norman Wagner. „Deshalb kann man mit ihrer Hilfe am besten einschätzen, wie groß die Bestände in einer Region sind.“

Die bisherigen Ergebnisse dieser Untersuchungen sind nicht gerade beruhigend. Zwar konnten die Forscher den Pilz im Jahr 2014 noch in keiner der etwa hundert untersuchten Proben nachweisen. Er muss allerdings auch schon damals in der Region aktiv gewesen sein. Denn Wissenschaftler der Universität im belgischen Gent haben ihn in einem in Formalin konservierten Tier entdeckt, das 2004 in der Nord-Eifel in Nordrhein-Westfalen gestorben war.

Seither hat sich der Erreger dort rasant ausgebreitet. Schon 2015 hatte er an vier Stellen Fuß gefasst, in einem Fall kam es sogar zu einem Massensterben. Inzwischen hat sich die Zahl der befallenen Gebiete in der Nord-Eifel bereits auf zehn erhöht, und in mehreren Bachtälern sind die Salamanderzahlen massiv zurückgegangen. In der rheinland-pfälzischen Süd-Eifel haben die Forscher bisher allerdings noch keine genetischen Spuren des Pilzes gefunden.

Dafür raffte er im vergangenen Winter plötzlich die Feuersalamander im Stadtwald und auf dem Waldfriedhof von Essen dahin – mehr als 70 Kilometer von den bisher bekannten Ausbruchsgebieten entfernt. Wie er dorthin gekommen ist, weiß bis heute noch niemand. Doch bei Experten lässt dieser Befund die Alarmglocken schrillen. „Seither wissen wir, dass sich der Erreger nicht nur graduell, sondern auch sprunghaft ausbreiten kann“, sagt Dirk Schmeller vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Und das ist nicht der einzige Befund aus der Eifel, den er bedenklich findet.

Außer bei Feuersalamandern haben die Forscher den Erreger nämlich auch bei allen vier einheimischen Molchen nachgewiesen. Für die muss das nicht unbedingt ein Todesurteil sein. Bergmolche zum Beispiel können schwache Infektionen überleben. Allerdings bleiben sie monatelang infektiös, so dass sie den Erreger weiter verbreiten können. Das gleiche gilt auch für befallene Frösche.

Es könnte also durchaus sein, dass auch in etlichen deutschen Terrarien infizierte, aber äußerlich gesunde Amphibien leben. „Wenn die jemand aussetzt, kann der Pilz jederzeit überall in Deutschland in die Natur gelangen“, warnt Norman Wagner. Es gibt allerdings auch noch viel einfachere Verbreitungswege. Denn der Erreger bildet sehr widerstandsfähige Sporen, die im Wasser und im Boden wahrscheinlich monatelang überleben können. Mit etwas Erde an Wanderschuhen oder Autoreifen kann er problemlos von einem Gebiet ins nächste reisen. „Deshalb muss man die gesamte Ausrüstung zwischendurch gründlich desinfizieren, wenn man zwischen verschiedenen Amphibien-Lebensräumen unterwegs ist“, sagt Norman Wagner. Er und seine Kollegen haben bereits detaillierte Empfehlungen entwickelt, wie man dabei am besten vorgeht.

Auch jedes Tier, das man in einen neuen Lebensraum bringe, müsse vorher auf die Infektion getestet werden. Das gleiche gelte auch für Lurche, die von Händlern aus Südostasien importiert werden, wo die Krankheit vermutlich ihren Ursprung hat. Wenn nicht zweifelsfrei feststehe, dass die Tiere pilzfrei seien, müsse der Import verboten werden.

Hoffnung auf Resistenzen

Dirk Schmeller vom UFZ plädiert sogar dafür, den internationalen Amphibienhandel ganz zu stoppen. Das Risiko sei einfach zu groß. Ob sich daie Bedrohung noch aufhalten lässt, ist allerdings schwer einzuschätzen. Schmeller geht davon aus, dass der Pilz zum Aussterben des Feuersalamanders in freier Wildbahn führen wird. Auch Frank Pasmans und An Martel von der Universität im belgischen Gent, die Bsal entdeckt haben, halten das für wahrscheinlich. Eine Zucht in Gefangenschaft sei wohl die einzige Möglichkeit, die Art zu erhalten, warnten die Forscher Ende 2017 im Fachjournal Nature.

Was aber, wenn man die gezüchteten Tiere dann nie wieder freilassen kann, weil sich der Erreger in den Lebensräumen festgesetzt hat? „Einen solchen Fall kennen wir zum Beispiel bei der Krebspest“, sagt Norman Wagner. Dieser mit nordamerikanischen Flusskrebsen eingeschleppte Erreger hat die europäischen Flusskrebse beinahe komplett ausgerottet. Und in deren Lebensräumen hält er sich bisher so hartnäckig, dass man sie auch kaum wieder ansiedeln kann. „Im schlimmsten Fall könnte das bei Bsal ähnlich laufen“, meint der Trierer Forscher.

Er hält allerdings auch einen glimpflicheren Ausgang für möglich. Immerhin scheinen einige Amphibien in Mittelamerika inzwischen resistent gegen den verwandten Pilz Batrachochytrium dendrobatidis zu sein, der rund um die Welt Lurche dahinrafft. Über Resistenzen gegen Bsal ist bei europäischen Amphibien bisher allerdings noch nichts bekannt.