Ein Leben ohne Internet? Das geht nur, wenn man es sich leisten kann, sagt Sascha Lobo. Der Blogger gilt als sensibler Beobachter gesellschaftlicher und digitaler Entwicklungen. Gerade hat er sein neues Buch „Realitätsschock“ veröffentlicht, in dem es um Veränderungen der Welt durch die Globalisierung und Digitalisierung geht. Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht er über unsere Abhängigkeit von sozialen Medien, die Berufswelt der Zukunft und Fehler der Integrationspolitik.

Herr Lobo, die Süddeutsche Zeitung hat Sie als „digitale Schnittstelle“ beschrieben. Sehen Sie sich auch so?

Aufs Zwischenmenschliche übertragen, würde man wohl eher Übersetzer sagen. Es geht um die Verständigung von Menschen, die im eher analog geprägten 20. Jahrhundert groß geworden sind und denjenigen, die im eher digital geprägten 21. Jahrhundert aufwachsen und deshalb einen Vorsprung haben.

Um das gleich zu sagen: Aus meiner Sicht ist es schon ein Luxus, wenn man das Digitale gar nicht braucht, um im 21. Jahrhundert klarzukommen.

Die Gespräche, die sich um Reduzierung, Verzicht oder Digital Detox drehen, werden meist von Leuten geführt, die sich aussuchen können, ob sie soziale Medien nutzen oder nicht. Die junge Generation kann das nicht. Das Sozialleben der Unter-30-Jährigen funktioniert nur, wenn sie sich auf soziale Medien einlassen. Sie nutzen verschiedene Kanäle und tun das aus meiner Sicht ziemlich souverän, souveräner als die allermeisten Erwachsenen. Faktisch gibt es eine Freiwilligkeit da nicht mehr.

Jaron Lanier, immerhin ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels, fordert in einem Buch seine Leser trotzdem auf, alle Social-Media-Accounts sofort zu löschen.

Das sind Positionen der Privilegierten. Wenn man über 60 Jahre alt ist und eine C-3-Professur besitzt, kann man sagen, dass Digitale interessiert mich nicht. Oder wie Uli Hoeneß erklären, dass man noch nie im Internet war. Der Präsident von Bayern München müsste eigentlich hinzufügen: „Weil ich meine Leute dafür habe.“ Die Teilnahme am 21. Jahrhundert bedeutet für viele, dass sie nur Geld verdienen und mitreden können, wenn sie das Instrumentarium beherrschen und im Netz sichtbar werden – und da möchte ich die junge Person sehen, die sagt, den ganzen Digitalquatsch mache ich nicht mit.

Ein anderer Punkt sind die Einflüsse der sozialen Medien auf die Politik, der wütend-twitternde US-Präsident und die Folgen des Brexit-Referendums sind nur zwei Beispiele.

Entwicklungen wie der Brexit weisen auf den Realitätsschock hin. Kaum jemand hat mit diesen Entwicklungen gerechnet. Weder in der Politik, die doch Strategien für die Zukunft bauen will, noch die Medienleute, die die Welt gerne einsortieren. Noch kurz vor dem Wahltag in den USA haben führende Medien erklärt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Hillary Clinton zur US-Präsidentin gewählt wird, bei über 90 Prozent liege. Dass dann Donald Trump gewann, das nenne ich Realitätsschock: Wir wurden damit konfrontiert, dass unsere Expertise sich von der Wirklichkeit abgelöst hatte.

Und jetzt?

Digitalisierung und Globalisierung haben uns vor Probleme gestellt, die wir vor 15 Jahren niemals für möglich gehalten hätten. Ein drastisches Beispiel: Facebook hat in Myanmar einen Völkermord mitausgelöst durch Fakenews. Das haben UN-Inspektoren vor Ort herausgefunden. Diese Mitverantwortung an einem Völkermord durch soziale Medien, die war so nicht abzusehen.

Ist Regulierung die Antwort?

Sie ist definitiv ein Teil der Antwort, weil der Umgang mit sozialen Medien zugleich eine Frage von Zivilgesellschaft und Bildung ist. Es braucht einen sehr umfassenden Ansatz, dafür haben wir noch nicht die richtigen Instrumente gefunden. Bisher versuchen wir, die Gegenwart mit Instrumenten des 20. Jahrhunderts zu begreifen und auf dieser Basis auch Lösungen zu finden – und da wird es problematisch. Man kann mit einem Rettungsring auch kein Feuer löschen.

Was sind denn die neuen Methoden?

Die müssen noch erarbeitet werden. Die Lösungswege in der Demokratie des 20. Jahrhunderts haben Jahre gebraucht, bis sie funktioniert haben.

Nachdem die Öffentlichkeit dann festgestellt hatte, dass wir einen stabilen demokratischen Fluss hingekriegt haben, kommt das 21. Jahrhundert und stellt alles infrage.

Die liberale Demokratie ist deutlich fragiler als erhofft. Wir begreifen viele Aspekte der Gegenwart noch gar nicht, weil sie sehr neu sind, aber doch unfassbare Wirkung erzielen – Stichwort Myanmar. Wir sollten zuzugeben, dass wir nicht so viel wissen, wie wir dachten.

Künstliche Intelligenz (KI) ist auch so ein Aspekt. Welchen Einfluss wird diese Technologie in Zukunft auf die Arbeitswelt haben?

Es gibt auch Beispiele aus der Gegenwart: Schon jetzt ist es so, dass KI vielen Paketboten sagt, wie ihr Tourenplan aussieht. Der direkte Chef ist ein KI-Algorithmus. Künstliche Intelligenz ist die nächste Stufe der Automatisierung. Wenn Menschen mit Maschinen konkurrieren, dann werden nicht alle sofort arbeitslos, wie oft geschrieben wird. Sie konkurrieren aber zunehmend mit der Maschine und werden dadurch mit immer größerem Druck gezwungen, preisgünstiger zu werden. Wie in allen Stufen der Automatisierung werden altbekannte Kapitalismuseffekte verstärkt.

Ein anderer Aspekt, wie die Digitalisierung unsere Sicht verändert hat, ist der Klimawandel. Auch eine Folge der Digitalisierung, die uns einen vernetzten Blick auf die Welt erst ermöglicht.

Und Organisationen wie „Fridays for Future“ zeigen, wie es gehen kann, weil sie auf vernetztes Denken und globale Analysen setzen.

Was ist da der Unterschied zu der Elterngeneration, die gegen Atomkraft demonstriert hat, „Jute statt Plastik“ gefordert hat und für die das Ozonloch schon ein großes Thema war?

Die Umweltbewegung im 20. Jahrhundert war gar nicht unwirksam, aber damals herrschte die Überzeugung vor, dass es sich meist um isolierte Probleme handelte, die man auch mit isolierten Maßnahmen lösen kann. Ein Beispiel: Das Ozonloch wurde größer, also wurde beschlossen, FCKW zu verbieten. Diese Sichtweise passt nicht mehr.

Wenn wir schon bei Realitätsschock sind: Sie sind Bürger der Stadt Berlin. Was hat Sie hier zuletzt so richtig getriggert?

Ich habe mir detailliert die Entstehung der arabischen Clans angesehen – ein Musterbeispiel für die fehlgeschlagene Integrationspolitik.

Was ist falsch gelaufen?

Alles. Es fing damit an, dass über Jahre Mitgliedern vor allem libanesisch-kurdischer Clans ein Arbeitsverbot auferlegt wurde, sie mussten im Flüchtlingsheim bleiben, ihre Kinder hatten zudem Schulverbot, die jungen Erwachsenen durften keine Ausbildung machen. Eine Garantie dafür, dass kriminelle Kräfte innerhalb der Clans stärker wurden.

Wer hat die Fehler gemacht?

Konservative und linke Politikfehler haben sich gegenseitig verstärkt. Die Konservativen wollten eine so feindliche Umgebung schaffen, dass die Menschen möglichst schnell die Stadt verlassen. Die linke Politik hat offenbar gedacht, dass Integration von alleine funktioniert, wenn man ein paar Möglichkeiten anbietet und die Menschen, ihre Bedürfnisse und ihre spezielle Problematik ansonsten nicht weiter beachtet. Das Hin und Her führte zu einer fatalen Konzeptlosigkeit. Das Scheitern eines guten Teils der Integration ergab auch einen Nährboden, auf dem rechte und rechtsextreme Überzeugungen gedeihen.