Ironische Tortendiagramme von Katja Berlin für das Buch „Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss“
Eingebettet in eine Illustration von Isabella Galanty, BLZ

Bekannt wurde Patricia Cammarata als Bloggerin – durch ihre Klugheit und ihren umwerfenden Humor. Nun hat sie ein Buch über Medienerziehung geschrieben. Es heißt „Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss!“ und passt sehr gut in diese verrückte Zeit, in der das Digitale in alle Lebensbereiche einzieht und jedes Kinderzimmer für sich erobert. Die Autorin lebt in Berlin, aber sich irgendwo an der frischen Luft zu treffen, war ihr dann doch zu riskant. Deshalb reden und streiten wir auf Skype.

Frau Cammarata, in der Corona-Zeit hängen unsere Kinder noch länger vor den Bildschirmen herum als sonst. Sollte man klare zeitliche Grenzen setzen, um das zu verhindern?

Nein, das halte ich nicht für den richtigen Weg.

Ist der Titel Ihres Buchs dann irreführend oder ironisch gemeint?

Ironisch gemeint. Denn das ist ja so ein geflügeltes Wort geworden in allen Diskussionen über die Frage, wie lange unsere Kinder pro Tag digitale Medien nutzen dürfen: „Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss!“

Sie entwickeln in Ihrem Buch das Konzept von einer „bindungsorientierten Medienpädagogik“. Was meinen Sie damit?  

Ich habe den Ausdruck zuerst bei Katja Seide gelesen. Damals konnte ich nichts damit anfangen, dachte, für Medienerziehung braucht man doch Fachwissen, warum sollen Bindung und Beziehung da wichtig sein? Später begriff ich, dass dies der Schlüssel ist zu diesem großen Thema: Wenn man eine gute Eltern-Kind-Beziehung hat, dann wirkt das wie ein Schutzfaktor vor allen Gefahren, die das Internet auch mit sich bringen kann.

Sie wollen, dass ein Austausch entsteht, Eltern an der kindlichen Welt teilhaben, statt einfach zu verbieten und zu verteufeln, was sie nicht kennen?

Ja, wir brauchen Eltern, die sagen: Hey, jetzt zeig mir doch mal, welche YouTube-Kanäle dich interessieren! Und dann lass uns darüber sprechen, warum dich das begeistert. Und vielleicht begeistert es mich dann auch oder ich sage dir, warum ich Bedenken habe   … Eltern, die sich ein „Let’s Play“ des Computerspiels anschauen, das in der Clique des Sohnes gerade angesagt ist, und dann überlegen, ob der Sohn es ausprobieren darf oder nicht.

Eltern, die mit ihren TikTok-fanatischen Töchtern über Schönheitswahn und realistische Körperbilder diskutieren.

Kinder unbegleitet machen zu lassen ist genauso falsch wie zu allem Nein zu sagen. Beide Wege wären für Eltern bequem, weil sie nichts machen müssten – außer wegzuschauen oder Verbote zu formulieren. Aber sie führen nicht zu dem großen Ziel, eine digital mündige Familie zu werden. Der Weg der Auseinandersetzung hingegen ist mühsam und steinig. Auch gibt es ja ständig neue Entwicklungen. Kaum hatten wir uns mit Instagram vertraut gemacht, nutzen unsere Kinder nur noch Snapchat, weil das die besseren Filter hat. Aber darum geht es, dass wir uns gemeinsam auf Entdeckungsreise begeben – und uns Schritt für Schritt die wichtigen Themen erarbeiten: Datenschutz, Cybermobbing, Cybergrooming, Sucht etc.

Sie gebrauchen den Begriff der Medienmündigkeit, den die Medienpädagogin Paula Bleckmann in Deutschland eingeführt hat. Können Sie den Unterschied benennen zwischen Medienkompetenz und Medienmündigkeit?

Medienkompetenz heißt, dass man mit den Benutzeroberflächen umgehen kann. Medienmündigkeit ist viel mehr: Das hat mit Aufklärung zu tun und der wachsenden Fähigkeit, Medien selbstbestimmt einzusetzen, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen. Als medienmündiger Mensch kann ich hinter die Kulissen schauen und zum Beispiel einschätzen, was Monopolbildung in bestimmten Bereichen bedeutet oder wie wirtschaftliche Interessen die Authentizität von YouTubern untergraben.

Wie alt sind Ihre Kinder eigentlich?

Unser jüngstes Kind ist im Grundschulalter, die beiden älteren Kinder gehen aufs Gymnasium. Mehr will ich eigentlich nicht verraten.

Sprechen Sie denn mit Ihrem Grundschulkind schon über Monopolbildung?

Nein, aber wenn es sich YouTube-Videos ansieht, dann soll es auch verstehen, wie die bewunderten YouTuber ihr Geld verdienen. Nämlich über Werbung. Und dass deren Aufforderung „Kauf doch mal dieses Produkt!“ keine freundschaftliche Empfehlung ist.

Foto: Marcus Richter
Patricia Cammarata

studierte Psychologie, schrieb eine Diplomarbeit über das sich Sich-Verlieben im Internet, verliebte sich im Internet und zog nach Berlin. Sie arbeitete viele Jahre als IT-Projektentwicklerin. Seit 2004 schreibt sie den preisgekrönten Blog: dasnuf.de und außerdem für die Initivative „Schau hin!“ über Kinder und digitale Medien. Sie ist Mutter von drei Kindern. 

Es gibt ja die Rede von den „Digital natives“ und den „Digital Immigrants“. Manche zweifeln, dass Eltern ihren Kindern in puncto Digitalisierung noch etwas beibringen können.

Das ist ein Trugschluss. Denn die Kinder haben zwar weniger Berührungsängste mit Technologien, aber vieles von dem Wissen, was ich mir als Erwachsener angeeignet habe, gilt im Internet genauso. Fake News gab es schon immer, nur hießen die früher Zeitungsenten. Und das ist der springende Punkt – unser Welt-Wissen als Erwachsener ist etwas wert. Und wenn wir mit diesem Selbstbewusstsein medienerziehen, dann verschwindet das Gefühl von Überforderung plötzlich.

Wir können unsere geschulte Urteilskraft dann auf neue Tools und Inhalte anwenden.

Ich sage den Eltern: Schaut bitte genau hin, was eure Kinder im Netz so treiben! Wenn Kinder dreißig Minuten lang einen Horrorfilm sehen, habe ich durch Zeitbegrenzung nichts gewonnen. Wenn sie mehr erschaffend als konsumierend unterwegs sind, macht es auch keinen Sinn, die Nutzungsdauer zu limitieren. Ich denke zum Beispiel an mein jüngstes Kind, das gerne kocht, seine Lieblingsrezepte im Internet teilt, Fotos davon macht, Beschreibungen ergänzt und allein herausgefunden hat, wie man Jump Cuts macht. Da ist doch alles, was das Elternherz erfreut: Da wird gerechnet, angefasst, gekocht, gemeinsam gegessen, darüber gesprochen, und ein Teil ist das Digitale … Das zeigt, wie unsere Kinder mithilfe des Internets kreativ werden.

Im Zusammenhang mit Computerspielen äußern Sie sich erstaunlich liberal – unterschätzen Sie nicht das Suchtpotenzial?

Studien sagen, dass nur ein bis fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen, die regelmäßig spielen, süchtig sind. Das heißt, die überwältigende Mehrheit von 95 Prozent ist es nicht. Deshalb lohnt es sich, zwischen Sucht und intensiver Nutzung zu unterscheiden.

Ich habe Interviews gelesen mit jungen Erwachsenen, die früher computerspielsüchtig waren. Deprimierend, wie das Spielen über Jahre alles andere Leben verdrängt hat. Wie sie in die Flasche gepinkelt haben, um bloß keine Zeit zu verlieren. Während sie meinten, Level für Level höher zu steigen, sind sie im Studium und in ihren Liebesbeziehungen jämmerlich gescheitert.

Der picklige Einzelgänger, der zwischen leeren Pizza-Kartons, Cola-Dosen und Energydrinks vegetiert – das ist doch ein Klischee!

Das aber durchaus seine Entsprechung in der Wirklichkeit hat.

Ja, wenn tatsächlich ein Fall von Sucht vorliegt, dann muss man sich professionelle Hilfe holen. Aber weil in der öffentlichen Debatte die Schattenseiten überbetont werden, wollte ich an die guten Seiten erinnern, an das hohe Unterhaltungspotenzial und an das, was man alles so lernt beim Spielen: die Fähigkeit, Probleme zu lösen und zu kooperieren, das Planerische, Strategische. In unserer Familie probieren wir oft neue Spiele aus oder auch ganz alte, die ich in meiner Jugend gespielt habe. Es ist schön, zu lachen und sich Sachen zuzurufen. Ich glaube, dass das auch die Generationen verbinden kann.

Wenn meine Söhne über einen Klassenkameraden sagen: „Der ist verzockt!“ – dann ist das alles andere als ein Kompliment.

Klar, Einseitigkeit ist schlecht. Und deshalb brauchen unsere Kinder ein Portfolio von ganz unterschiedlichen Aktivitäten: Schule, Sport, Musik, Kochen, Freunde. Und wenn ein Kind acht Stunden pro Tag am Computer spielt, dann ...

Ist es eben verzockt.

Meine Kinder erzählen mir, dass ihre Freunde manchmal noch bis vier Uhr nachts online sind und im Klassenchat Nachrichten schreiben. Bei uns müssen die Kinder ihr Handy am Abend abgeben – die jüngeren früher als die älteren. Es gilt: t – 1 h zur tatsächlichen Schlafenszeit! Schließlich gibt es eindeutige Studien, die belegen, dass man schlechter schläft, wenn man das Handy neben dem Bett liegen hat.

Also doch eine zeitliche Regel – halten Sie sich denn selber daran?

Nicht immer, und dann werde ich scharf angesehen von meinen Kindern. Im Moment fällt es mir schwer, nicht abends noch die aktuellen Informationen abzurufen, wie entwickelt sich das mit Corona, die Vorgaben, die Lockerungen? Aber im Sommerloch kann die Welt gerne weiterticken, mir ist das herzlich egal.

Auch FOMO – the fear of missing out - gab es schon immer: Sie beschreiben, wie Ihre beste Freundin früher auf jeder Party bleiben wollte, bis der letzte Gast gegangen war.

Ja, davon muss man sich frei machen! Deshalb rate ich Jugendlichen, auf die ständigen Push-Nachrichten zu verzichten.

Warum sehen Sie das Internet als große Chance in der Zeit der Pubertät?

Es ermöglicht den Jugendlichen, sich vom Familienverbund zu lösen und unter Gleichaltrigen zu bewegen. Im Netz treffen sie sich mit ihren Freunden, lernen neue Menschen kennen und suchen sich elternfreie Rückzugsräume.

Sie schreiben, Plattformen wie Facebook und Twitter seien inzwischen zu Seniorentreffs geworden.

Ja, genau. Außerdem gibt es in den Städten das Phänomen, dass Eltern sich unwohl fühlen, wenn ihre Kinder und Jugendlichen sich frei bewegen, zum Beispiel wegen der Gefahren im Straßenverkehr.

Wenn man in der realen Welt nicht mehr herumstromern darf, dann doch wenigstens in der digitalen ... Auch loben Sie das Internet als grandiosen Lernplatz, auf dem Kinder sich Wissen und Fähigkeiten aneignen, die jenseits des elterlichen Horizonts liegen.

Sie können Kartentricks bis auf Las-Vegas-Niveau lernen mithilfe von Tutorials. Zwölfjährige backen mehrstöckige Torten. Grundschulkinder wissen Details über Regenwürmer wie sonst nur Biologen. Ich frage mich manchmal, was aus mir geworden wäre, wenn ich als Kind schon Zugang zum Internet gehabt hätte. So blieb mir nur die Stadtbibliothek und die ewig unerfüllte Sehnsucht nach einer Freundin, die auf derselben Wellenlänge ist.

Der Titel des Ratgebers ist ironische gemeint.
Umschlag: ZERO Werbeagentur

Mir gefällt, dass Sie die Faszination für diese neuen Welten teilen, Lust machen, interessante Phänomene im Netz zu entdecken. Aber gerade deshalb würde ich Ihr Buch vor allem Familien mit Kindern empfehlen, die älter als neun Jahre alt sind.

Warum das?

Weil einschlägige Studien belegen, dass kleine Kinder sich besser entwickeln, wenn sie keinen oder möglichst wenig Kontakt mit Bildschirmmedien haben, sondern wenn sie mit allen fünf Sinnen die Fülle der wirklichen Welt erfahren. – Haben Sie Ihre Kleinkinder schon klicken und wischen lassen?

Als meine Kinder klein waren, gab es noch keine Smartphones. Deshalb bin ich nicht in Versuchung gekommen. Aber richtig ist, dass Kindergartenkinder mit Malen, Rumrennen und Im-Sand-Spielen sehr glücklich sind. Und richtig ist auch, dass sie im Netz wirklich nicht unbegleitet sein sollten: Einmal hat unser ältestes Kind sich ein Video über Haussprengungen angesehen, und das kleine Geschwisterchen war dabei – in der Nacht hatte es dann wahnsinnige Angst, dass unser Haus plötzlich in sich zusammenfällt.

Am Ende des Buchs schreiben Sie, dass Ihre Kinder so über den Daumen gepeilt 30 Minuten pro Tag mit Bildschirmmedien verbringen. Ist das auch ironisch gemeint?

Nein, das passiert vielleicht von selbst, wenn Medienerziehung gelingt.