Es sah nicht gut aus für den Schlaganfallpatienten. Die gesamte linke Körperseite des 55-jährigen Mannes war gelähmt, als er vor einigen Wochen in die Berliner Charité eingeliefert wurde. Ein Indiz dafür, dass bereits ausgedehnte Bereiche des Gehirns von der Blutzufuhr und damit auch von der Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen abgeschnitten waren. In solchen Fällen stehen die Aussichten auf Genesung schlecht.

Doch der Mann hatte großes Glück: In der Stroke Unit der Charité, einer speziellen Schlaganfallstation, konnten die Ärzte den Pfropfen aus geronnenem Blut, der die Hirnarterie verstopfte, mit einem Spezialkatheter herausholen. Stent-Thrombektomie heißt das Verfahren im Fachjargon. Am Tag nach dem Eingriff war der Patient wieder fast vollständig beweglich. Bald kann er an seinen Arbeitsplatz zurückkehren.

Entfaltbares Gittergeflecht

Die Methode, Gerinnsel aus Blutgefäßen im Gehirn mithilfe eines Mikro-Katheters, das ein entfaltbarer Gittergeflecht an der Spitze besitzt, zu entfernen, ist nicht ganz neu. Ihre Anwendung war jedoch umstritten, weil bislang nicht klar war, ob sie besser ist als die Standardbehandlung, die medikamentöse Auflösung des Blutklumpens.

Im Februar präsentierten Mediziner auf einer internationalen Konferenz in den USA nun gleich drei große Studien, die der Kathetermethode einen eindeutigen Zusatznutzen bescheinigen. Jetzt herrscht Aufbruchstimmung in der Fachwelt, sagt Jan Sobesky von der Neurologischen Klinik und dem Centrum für Schlaganfallforschung der Charité: „Die Behandlung eignet sich zwar nur für einen kleinen Teil aller Schlaganfallpatienten. Aber für diesen sollte sie nun zum Standard werden, denn in diesen Fällen kann sie Leben retten und schwerwiegende körperliche Einschränkungen verhindern.“

Jährlich erleiden rund 200 000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall, bis zu 12 000 sind es allein in Berlin. Jeder fünfte Betroffene stirbt in den ersten Monaten. Und von den Überlebenden bleibt jeder Dritte infolge der erlittenen Schädigungen des Gehirns für den Rest seines Lebens auf fremde Hilfe angewiesen. Wie gut die Chancen jedes Einzelnen stehen, hängt wesentlich davon ab, wie viel Zeit zwischen dem ersten Auftreten der Symptome und dem Eintreffen im Krankenhaus verstreicht. Dort klärt ein Radiologe als Erstes die Ursache ab: In 10 bis 15 Prozent der Fälle ist es ein geplatztes Blutgefäß, das zu einer Hirnblutung geführt hat. Bei der überwiegenden Mehrheit ist es eine Verstopfung durch ein Gerinnsel.

Die Diagnose entscheidet über das weitere Vorgehen. Liegt ein Gerinnsel vor, erhält der Patient so bald wie möglich ein Medikament, das wie ein chemischer Rohrreiniger im Haushalt wirkt: Es löst den Pfropfen auf, sodass wieder Blut durchfließen kann. Die gewünschte Wirkung kann das Mittel jedoch nur entfalten, wenn die Behandlung, im Fachjargon Lyse genannt, binnen viereinhalb Stunden nach dem Beginn der Beschwerden erfolgt.

Bei einigen Gerinnseln vermag die Lyse allein nicht dagegen anzukommen. Dann kommt fortan zusätzlich der Katheter ins Spiel: Spezialisten der Neuroradiologie schieben einen feinen Schlauch von der Leiste her die Schlagader hoch und können so das verstopfte Hirngefäß mechanisch befreien. Die Chancen, dass dies gelingt, stehen zwar auch nur innerhalb der ersten sechs bis acht Stunden gut. Aber das bedeutet einen beträchtlichen Zeitgewinn gegenüber der bisherigen Lyseanwendung.

Die Katheterbehandlung gibt es seit Jahren. Umstritten war sie bis vor kurzem, weil mehrere Studien zu dem Schluss gekommen waren, sie bringe keine wesentlichen Vorteile. Allerdings entsprachen die dabei verwendeten Geräte nicht immer dem jetzigen Stand der Technik. Auch hatten die Untersuchenden nicht in allen Fällen geprüft, wie groß das Gerinnsel war, oder mit dem Eingriff zu lange gewartet.

Anfang des Jahres begann sich die Diskussion zu wenden: Das Facmagazin New England Journal of Medicine veröffentlichte eine niederländische Studie unter der anspielungsreichen Abkürzung Mr Clean. Dabei waren rund 500 Patienten nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt worden.

Die Hälfte erhielt lediglich eine Lyse, die andere zusätzlich eine Katheterbehandlung. Dieser Ansatz mit einer Test- und einer Kontrollgruppe gilt als vorbildlich für Therapiestudien, weil er den direkten Vergleich zwischen einem neuen und dem bisherigen Standardverfahren erlaubt. Ziel war herauszufinden, ob sich die so Behandelten schneller erholten und weniger Folgeschäden davontrugen. Das Ergebnis fiel so eindeutig zugunsten der katheterbehandelten Gruppe aus, dass in anderen laufenden Studien keine neuen Patienten aufgenommen wurden. Alle, die große Gerinnsel aufwiesen, sollten von der besseren Therapie profitieren können.

Drei weitere Studien wurden seither vorgestellt

Drei weitere Studien wurden seither vorgestellt. Alle drei belegen ebenfalls, dass das winzige Werkzeug die Zahl der Todesfälle vermindert und die Aussichten auf ein behinderungsfreies Leben danach massiv verbessert. An einer der Untersuchungen hatten 39 Schlaganfallstationen in Europa und den USA mitgearbeitet, unter anderem auch in Deutschland. Wie der beteiligte Neurologe Hans Christoph Diener vom Universitätsklinikum Essen berichtet, konnten drei Monate nach dem schicksalhaften Schlag von den knapp 100 katheterisierten Patienten fast doppelt so viele ihren Alltag wieder ohne fremde Hilfe bewältigen wie in der Gruppe, die ausschließlich die standardmäßige Lyse erhalten hatten.

„Wir haben jetzt modernste Geräte und gute Studien“, bilanziert Jan Sobesky von der Charité. „Und wir wissen, nach welchen Kriterien die Patienten auszuwählen sind, die für eine Katheterbehandlung in Frage kommen.“ Nun gehe es darum, diese Kriterien auch anzuwenden, damit die Betroffenen so rasch wie irgend möglich in diejenige Stroke Unit verlegt werden können, in der rund um die Uhr ein auf Neuroradiologie spezialisierter Arzt im Dienst ist und den Eingriff vornehmen kann.

Je nachdem, wo in Deutschland sich die Person, die einen Schlaganfall erleidet, gerade aufhält, muss das vielleicht auch per Hubschrauber geschehen. Hauptsache schnell.