So geht es auch: Gabriela Schramm und Benjamin Hendschke vom SV Blau-Weiss 90 bieten älteren Menschen in der Vereinsumgebung an, für sie einzukaufen.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Einige Teilnehmer waren noch Tage nach dem Event geflasht und sprachen von „Woodstock 4.0“, also einem unvergesslichen Festival der Digitalszene. In der Coronakrise hatte die Bundesregierung vor zwei Wochen zum Hackathon „wirvsvirus“ aufgerufen und Programmierer, Informatiker und kluge Köpfe versammelten sich auf der Slack-Plattform, um Hilfsprojekte zu initiieren. Insgesamt wurden 27.000 Teilnehmer gezählt.

Schnell bildeten sich Interessensgruppen, es wurde getüftelt, experimentiert und die besten Konzepte vor einer Woche im Auftrag der Bundesregierung ausgezeichnet. In einer losen Serie stellen wir Projekte in den nächsten Wochen vor.

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Alternative zu Zetteln im Hausflur

Nicht nur in der Corona-Krise entstehen Notsituationen, wenn Menschen nicht selbst einkaufen gehen, ein rezeptfreies Medikament abholen oder Erledigungen machen können. Die App „Colivery“ bringt Freiwillige und jene Menschen, die zu Hause bleiben müssen, zusammen, erklärt Hanna Böck, die die App „Colivery“ mitentwickelt hat.

Die Idee für die App: „Wir haben gesehen, dass sich Menschen bereits offline vernetzen. Zum Beispiel durch die Zettel, die sie im Hausflur aufhängen. Unter anderem dieser Punkt war es, der uns darauf gebracht hat, hierfür eine digitale, dezentrale und trotzdem auch lokale Lösung zu finden.“ Freiwillige können sich auf der App anschauen, wer welchen Bedarf hat und sich melden, wenn sie die Einkäufe erledigen können.

Kreative Lösungen

Die Idee: Gemeinsam mit sieben sozialen Initiativen hatte die Bundesregierung vor zwei Wochen zum Hackathon #WirvsVirus aufgerufen. Eingeladen waren Leute aus der Tech- und Kreativbranche, 27.000 Freiwillige machten mit.

Das Ergebnis: An dem Wochenende und in den Tagen danach entstanden ungefähr 1500 Ideen, um Probleme in der Krise zu lösen. Es ging dabei um die Bereiche Arbeit, Gesundheit, Freizeit – alles was von der Coronakrise betroffen ist.

Wie es weitergeht: Die ausgewählten Projekte bekommen die Unterstützung der Bundesregierung, ihnen werden also Kontakte zu Ministerien und Behörden ermöglicht. Außerdem haben sie die Chance, sich von Mentoren beraten zu lassen.

Bedarf besteht

Nun stellt sich bei dem Konzept allerdings die Frage, ob gerade ältere Menschen überhaupt online sind und Zugriff auf die App haben? Daran habe man schon gedacht, antwortet Böck: „Wir entwickeln momentan zunächst die digitale Plattform, planen aber parallel, diese mit einer Telefon-Hotline zu verbinden, um auch Menschen ohne Internetzugang profitieren zu lassen.“ Die Service-Mitarbeiter veröffentlichen dann die Aufträge.

Bedarf für einen solchen Service gebe es ihrem Eindruck nach in jedem Fall, sagt Böck: „Die Zettel in den Hausfluren oder Initiativen von Nachbarschaftshilfen zeigen uns, dass ein Bedarf zu bestehen scheint. Ebenso die Newsletter-Anmeldungen, die wir für Colivery täglich bekommen.“

Lösung eines Gesellschaftsproblems

Auch an Sparsamkeit und wenige Wege will man denken – nicht jeder Auftrag soll gleich eine Fahrt mit dem eigenen Auto, dem Fahrrad oder dem ÖPNV auslösen. Und das geht so: „Stellen Sie sich vor, es gibt zwei Nachbarinnen. Beide brauchen Lebensmittel aus dem örtlichen Supermarkt. Unsere Idee ist es, solche Aufträge zu kombinieren, da es viel weniger Zeit- und Wegaufwand ist, wenn jemand diese beiden Aufträge gleich zusammen erledigt. Diese Funktion wird in der ersten Version von ‚Colivery‘ allerdings noch nicht zu finden sein, da wir uns momentan darauf konzentrieren, eine erste Basis-Version möglichst schnell live zu bekommen.“

Böcks Kollege Aron Homberg lebt auf dem Land, dort stellten sich logistische Fragen noch viel deutlicher. Das „Colivery“-Team denke dabei auch langfristig und verstehe die Idee auch als mögliche Lösung eines generellen sozialen Gesellschaftsproblems, sagt er. Man habe bereits unter anderem ein Feedback von einer blinden Person bekommen, für die „Colivery“ eine gute Hilfe sein kann.

Kostenloses Angebot

Doch wie finanziert sich die App eigentlich? Hanna Böck: „Wir entwickeln ‚Colivery‘ derzeit alle in unserer Freizeit. Unsere Motivation ist es, die Plattform so schnell wie möglich der Allgemeinheit kostenlos zur Verfügung zu stellen. Aber natürlich stehen wir auch vor dem Problem der Kosten, die so eine App im Betrieb verursacht. Im Rahmen des sogenannten Solution Enabler Programms, dessen Teilnahme uns die Bundesregierung im Rahmen des Hackathons ermöglich hat, hoffen wir, auf Fragen wie diese Antworten zu finden.“

Nach der derzeitigen Testphase soll die App so schnell wie möglich online gehen. Wer auf dem Laufenden bleiben möchte oder mitmachen will, kann sich für einen Newsletter auf colivery.de anmelden.