Drei Prozent der Grundschüler sind depressiv. Unter Jugendlichen beträgt der Anteil bereits sechs Prozent. Mädchen erkranken doppelt so häufig wie Jungen. Das berichtet das Forschungsmagazin Einsichten der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. „Depressionen kann es schon im Kindergartenalter geben“, sagt der Münchener Psychiatrie-Professor Gerd Schulte-Körne. Die Anzahl leichter Formen von Depressionen sei in den vergangenen Jahren gestiegen.

Kinder seien aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen zunehmend gestresst, sagt Schulte-Körne im LMU-Forschungsmagazin. „Die Zahl der Scheidungen nimmt zu, die Familien müssen immer mobiler sein, und jeder Umzug ist für Kinder ein zusätzlicher Stressfaktor.“ Hinzu kämen Leistungsdruck und eine oft starre Situation an Schulen, die viele Kinder in eine chronische Überforderung trieben.

Erbanlagen für Stressregulation

Die Münchner Forscher suchen nun gezielt schon bei Kindern nach genetischen Ursachen für depressive Erkrankungen. Denn bei der Hälfte der vier Millionen Menschen, die in Deutschland unter depressiven Störungen leiden, habe die Erkrankung schon in der Kindheit begonnen, schreiben die Forscher. Sie konzentrieren sich besonders auf Erbanlagen, die bei der Stressregulation eine Rolle spielen.

Stress, Angst und Depressionen hängen eng zusammen. Bei der Entstehung von Depressionen spielen biologische und Umweltfaktoren gleichermaßen eine Rolle. Bei manchen Kindern scheinen jedoch Umweltfaktoren besonders stark zu wirken. Stress und angstauslösende Situationen werden unangemessen verarbeitet. Mitunter führt das zu depressiven Symptomen. Generell sei das Risiko bei allen Kindern erhöht, deren Eltern depressiv sind, sagen die Forscher. Stärker betroffen seien auch Kinder aus sozial schwachen Familien oder solchen mit Migrationshintergrund.

In aufwendigen Testreihen haben die Münchner Forscher Kinder und Jugendliche interviewt, um Symptome einer Depression möglichst früh zu erkennen. Müdigkeit, Bauch- oder Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen mit ausgeprägtem Morgentief, phasenweises Auftreten von Symptomen – all das könnte auf Depressionen hinweisen.

Frühe Behandlung senkt Risiko

Ziel der Forscher war es, einen einfachen Test für Kinder- und Hausärzte zu entwickeln, damit Mediziner und Psychologen früh eingreifen können. Denn ein flächendeckendes Frühwarnsystem für Kinder und Teenager gibt es bisher in Deutschland nicht. Die nun von den Münchner Forscher entwickelten Screening-Tests haben dem LMU-Bericht zufolge eine Trefferquote von 90 Prozent. Es handelt sich um Child-S, einen Children’s Depression Screener für Neun- bis Zwölfjährige, sowie Des-Teen, ein Testverfahren für 13- bis 17-Jährige.

„Bislang verwenden vor allem Kinderärzte in München und Umgebung die Tools“, sagt Gerd Schulte-Körne. Um sie möglichst weiträumig anzuwenden, müssten sie noch an Schulen bayern- oder bundesweit getestet werden. Doch dafür fehle bisher das Geld. Ins Internet will der Psychiatrie-Professor die Tests nicht stellen, weil sie eine fachliche Begleitung bräuchten.

„Wenn man die frühen Symptome nicht behandelt, steigt später das Risiko einer Depression deutlich“, warnt Schulte-Körne. Außerdem bedeuteten Depressionen großes Leid – für die betroffenen Kinder und ihre Umgebung.
In der LMU-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie betreuen Psychiater 30 Kinder und versuchen fundierte Diagnosen zu stellen. Dabei zeigt sich, dass offenbar nicht nur depressive Symptome auf eine Störung hinweisen. „Depressive Kinder zeigen oft auch hyperaktive Verhaltensweisen und sind sehr unruhig“, sagt Schulte-Körne. „Es scheint im frühen Alter eine Verknüpfung zwischen Depression und ADHS zu geben.“

Je nachdem, wie schwer die Depression ist, werden unterschiedliche Therapien angewandt. Darüber hinaus orientieren die Forscher auf rechtzeitige Prävention. Kinder sollten auch früh trainieren können, mit Stress umzugehen sowie negative Gedanken und Gefühle durch positive zu ersetzen.