Die 16-jährige Gymnasiastin Nina Hermann (Name verändert) hat bereits einen langen Tag hinter sich. Sie kommt gegen 16 Uhr aus der Schule, wirft sich erschöpft aufs Bett. Doch dann beginnt ihre zweite Schicht: Hausaufgaben! Sie lernt Vokabeln, büffelt für den Biologie-Test, rechnet Aufgaben in Mathe, schreibt Passagen aus einem Buch ab, flitzt zwischen Internet-Computer und Schreibtisch hin und her. Oft hat sie bis spät in den Abend zu tun. Manchmal ist sie einfach todmüde, dann sackt ihre Motivation in den Keller. Ihre Freizeit ist knapp. So wie ihr geht es Tausenden von Schülern in diesem Land.

Ohne auf die Tränendrüsen drücken zu wollen: Es bräuchte endlich eine breite Debatte über den Sinn oder Unsinn von Hausaufgaben. Denn gerade die jüngste Entwicklung hat die Lage für die Schüler noch verschärft. In Berlin verlässt im Sommer 2012 der erste Jahrgang die Gymnasien, der sein Abitur in zwölf statt dreizehn Jahren abgelegt hat, in Hessen folgt er 2013. Die Schüler hatten ein Jahr weniger zur Verfügung, um die gleiche Stoffmenge zu bewältigen wie ihre Vorgänger. „Die G8-Schüler müssen 35 bis 40 Unterrichtsstunden leisten, zu denen noch die Hausaufgaben- und Lernzeit hinzukommt“, schildert eine Internet-Schulseite. „Schnell summieren sich diese Stunden dann auf eine 50-Stunden-Woche.“ Oft werden es mehr sein.

Hinzu kommt, dass Lehrer oft gedankenlos mit dem pädagogischen Mittel Hausaufgabe umgehen. Beim Erteilen von Aufgaben überwiege unreflektierte, phantasielose Routine, stellte in den 90er-Jahren die Tims-Studie über den Mathematik- und Naturwissenschaftsunterricht fest.

Es ist also nicht besser geworden, seit der Spiegel vor drei Jahrzehnten einen Generalangriff unter dem Titel „Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch“ unternommen hatte. Seitenlang dokumentierte das Hamburger Magazin im März 1982 Erfahrungen von Schülern, die denen der 16-jährigen Nina von 2011 verblüffend ähneln. Von „täglich drei bis vier Stunden Heimarbeit“ war die Rede, von Dramen in Familien.

Man sieht das Bild des pädagogisch überforderten Vaters vor sich. Er verliert die Geduld, wenn der Sohn noch immer nicht das Einmaleins kapiert hat. Er brüllt, stresst die Familie, pflanzt seinem Kind einen zusätzlichen Horror vor Mathe und Hausaufgaben ein.

Die Pädagogin Ilse Nilshon warnte schon vor zehn Jahren in einem Gutachten für das Deutsche Jugendinstitut in München: Gerade die erzieherische Funktion von Hausaufgaben, die oft behauptet werde, könne ins Gegenteil umschlagen, wenn Eltern sich einmischten, ohne dies „pädagogisch angemessen“ zu tun. Die Überforderung von Familien kann auch dramatische Folgen für die Bildungschancen haben. „Bildungsferne“ Eltern könnten ihren Kindern kaum helfen, stellten die Pisa-Studien von 2001 bis 2009 fest. So fänden sich gerade in sozial schwachen Haushalten oder Migrantenfamilien die Schüler mit den schlechtesten Leistungen und geringsten Chancen. Am Ende schaffen es nur 24 Prozent der Nichtakademikerkinder zur Hochschule, aber 71 Prozent der Akademikerkinder.

Verblüffend ist, wie lange es die Kritik an Hausaufgaben schon gibt. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts warnten Eltern, Erzieher und Ärzte vor einer Überlastung. 1835 schrieb der Pädagoge Johann Friedrich Herbart: „Derjenige Lehrer, welcher häusliche Aufgaben aufgibt, um sich in der Schule die Mühe zu sparen, verrechnet sich ganz; die Mühe wird ihm bald desto saurer werden.“