Schulen und Universitäten: Digitalisierung wird das Lernen verändern

Die Schaukel, die mitten im Raum hängt, soll die Studenten und auch die Professorin Gesche Joost auf neue Gedanken bringen. Einige Jungakademiker sind schon so hoch geschaukelt, dass sie dunkle Fußabdrücke an der weißen Decke hinterlassen haben. Hier im Design Research Lab an der Universität der Künste probieren sie neue Wege des Lernens und Studierens aus.

Neben der Schaukel gibt es auch einen langen, großen Holztisch, an dem man zusammenkommt, dazu eine Küche und eine Glasscheibe, auf die bestimmte Ideen aufgemalt werden. „Wir sitzen hier häufig zusammen, können so freier reden, dadurch werden auch Hierarchien aufgebrochen“, sagt die Designprofessorin Gesche Joost, die als Spezialistin für den digitalen Wandel auch schon dem Schattenkabinett des gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück angehört hat.

Wer ergründen will, wie die Digitalisierung die Schulen und Hochschulen in zehn Jahren verändern wird, sollte sich im Design Research Lab umsehen. Gesche Joost hantiert gerade mit einem Calliope Mini. Das ist ein Minicomputer, mit dem bald schon Drittklässler arbeiten sollen. Das Gerät verfügt über eine kleine LED-Matrix, einen Schüttelsensor, kann verschiedene Farben anzeigen und sogar Töne erzeugen.

„Drittklässler können zum Beispiel das Orakel befragen, wie das Wetter wird“, begeistert sich Gesche Joost. Und das Orakel gibt dann konkrete Antworten. „So können wir künftig Drittklässlern Technik näherbringen.“ Denn in diesem Alter hätten auch die Mädchen noch keine Scheu, sich damit auseinanderzusetzen. „Wir wollen keine kleinen Nerds produzieren, aber die frühe Prägung für logisches Denken ist sehr wichtig.“

Unterrichtsfach „Programmieren“

Manche werfen Gesche Joost vor, zu technikgläubig zu sein. Auf jeden Fall ist sie technikbegeistert: Später, ab der vierten Klasse, sollen die Schüler anhand des handlichen Minicomputers mit mathematischen Variablen arbeiten. Mit einem USB-Kabel kann der Calliope Mini auch am Rechner angeschlossen werden.

Schon Grundschüler würden so das Programmieren lernen. Früher einmal hatte sich auch Gesche Joost der plakativen Forderung nach einem neuen Unterrichtsfach „Programmieren“ angeschlossen. Eine Gretchenfrage sei das, sagt die 42-Jährige. „Jetzt habe ich mit vielen Bildungspolitikern auf Landesebene gesprochen und mir ist klar, was für einen enormen Aufwand das nach sich ziehen würde.“

Denn dafür müssten die genauen Unterrichtsinhalte in allen Bundesländern definiert, genug Fachlehrer ausgebildet werden. „Das würde Jahre dauern.“ Inzwischen hält Gesche Joost es für realistischer, die Digitalisierung breit in die herkömmlichen Unterrichtsfächer einzuflechten und parallel am neuen Fach „Informatik“ zu arbeiten. Sicher ist sie, dass die Rollenverteilung zwischen Lehrern und Schülern, Dozenten und Studierenden in ein paar Jahren eine andere sein wird. „Der Lehrer muss sich eingestehen, dass er nicht der Einzige ist, der Bescheid weiß“, sagt die Frau, die aus Schleswig-Holstein stammt.

Schulmessenger als Alternative zu WhatsApp

Da brauche es ein neues Lehrerbild. „Die Kompetenzen der Digital Natives müssen viel stärker wertgeschätzt werden“, fordert sie. Der Pädagoge dürfe keine Scheu ­haben, einen Schüler zu bitten, ihm neue soziale Netzwerke wie Instagram oder Snapchat zu erklären. Die Lehrer wiederum würden den Schülern weiter die Reflexionsfähigkeit und die Analysestärke voraushaben. Mit anderen Worten: Wer sein Wissen zusammenwirft, der hat mehr davon, zumal das Wissen im digitalen ­Zeitalter schnell veraltet.

Derzeit kommunizieren viele Schulklassen noch über WhatsApp, im Gruppenchat. Mitunter beteiligen sich auch Lehrer daran oder verteilen darüber Aufgaben. In naher Zukunft, so hofft Gesche Joost, könnten sich die Bundesländer darauf geeinigt haben, eine Alternative zu WhatsApp zu entwickeln. „Eine Art Schulmessengerdienst mit entsprechender Funktionalität und Datensicherheit. Dafür müssten sich aber mal alle Bundesländer zusammenschließen.“

Und sie geht davon aus, dass jeder Schüler in einigen Jahren einen eigenen personalisierten Laptop haben dürfte. In prekären Fällen auch staatlich bezuschusst. Das würde das Lernen grundsätzlich verändern. „Gut möglich, dass die Schüler sich dann auch verstärkt zu Hause Wissen aneignen oder wiederholen – und in der Schule eher die Dinge gemeinsam erörtern oder nachfragen“, sagt Joost, die seit wenigen Jahren SPD-Mitglied ist.

„Klassische Hörsäle werden nicht mehr gebraucht“

Auch die Hochschulen werden sich innerhalb der kommenden Jahre aus ihrer Sicht radikal verändern. „Klassische Hörsäle werden in der Universität der ­Zukunft nicht mehr gebraucht, höchstens mal für einen Abendvortrag.“ Das Wissen könne man sich auch zu ­Hause anlesen oder über Moocs, also Onlinelernkurse, gewinnen.

Auch müsse nicht jeder Professor einen festen Seminarraum haben, den er mitunter nur einmal die ­Woche nutzt. Genüsslich rüttelt die Professorin damit an den Besitzständen ihres Berufsstandes. Viele Wissenschaftler, die sich mit der Zukunft der Lehre ­beschäftigen, gehen mittlerweile davon aus, dass das ­Studieren an den Universitäten immer interdisziplinärer werden wird – vor allem im Masterstudium.

Auch im neuen Einstein Centre Digital Future, in dem Gesche Joost Sprecherin für Digitalisierung und ­Gesellschaft ist, werden Digitalprofessoren aus ganz ­verschiedenen Bereichen zusammengebracht.

Gesche Joost plant zum Beispiel sogenannte Hackathons. „Dabei kommen Wissenschaftler, Hacker, Jugendliche und Bürger zusammen und ­überlegen sich zum Beispiel, was man mit den ­Mobilitätsdaten der BVG so alles machen kann“, erläutert die Professorin. Individualisierte Routen­empfehlungen etwa oder belastbare Aussagen über die Taktzeiten. Und wenn es nicht gleich klappt mit den guten Ideen für die digitale Welt, hilft ja vielleicht die Schaukel für neue Gedanken.