Ein Kindergarten in Berlin-Kreuzberg: Der kleine Jan hat sich gerade den Kopf beim Toben an einer Holzkiste mit Lego-Bausteinen gestoßen. Alles halb so wild. Denn eine der drei Erzieherinnen kommt sofort herbei, um den Schmerz wegzupusten. Trösten, spielen, singen, vorlesen, beim Essen helfen – gerade die frühe Bildung und Erziehung sind noch immer weiblich geprägt. Männer fehlen in Kindergärten, aber auch in Grundschulen, wo zu 85 Prozent Frauen unterrichten.

Die weibliche Prägung in den ersten Lebensjahren hat Folgen für die schulische Entwicklung der Geschlechter. Das behaupten jedenfalls Bildungsforscher. Wie Studien der jüngeren Zeit ergaben, haben Mädchen die besseren Noten und Prüfungsergebnisse, schaffen häufiger den Sprung aufs Gymnasium. An den Hochschulen sind sie mittlerweile in der Überzahl. Auf der anderen Seite konstatierten Forscher eine Jungenkrise. Wie die Pisa-Studie ergab, liegen 15-jährige Jungen in ihren Leseleistungen ein Jahr hinter ihren Altersgefährtinnen zurück. Die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU), verkündete, ein „Jungen-Referat“ einzurichten, um den aus der weiblich geprägten Pädagogik entstandenen Nachteilen für Jungen entgegenzuwirken.

Doch was ist wirklich dran an den Thesen? Doktoranden aus Berlin und Mannheim haben sich jüngst die Ergebnisse internationaler Studien vorgenommen, darunter der Iglu-Studie, die 2003 bis 2005 bundesweit die Lese- und Rechenkompetenz von Schülern der 4.bis 6. Klasse erfasste. Die Forscher kamen zu dem Schluss: Die weibliche Dominanz im Lehrerberuf wirkt nicht auf die Chancen und Leistungen der Jungen. „Es ließen sich keine nennenswerten Unterschiede feststellen, egal ob die Schüler von männlichen oder weiblichen Lehrern unterrichtet wurden“, sagte Martin Neugebauer vom Zentrum für Europäische Sozialforschung der Uni Mannheim. Mit ihm werteten sein Kollege Andreas Landmann und Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) für Sozialforschung die Studien aus.

Mädchen sind selbstbewusster

Nicht die Jungen haben sich verschlechtert, vielmehr treten die Mädchen selbstbewusster auf, streben häufiger als früher einen Abschluss oder ein Studium an, lautet das Ergebnis. Von den 50er- bis 70er-Jahren stellten die Jungen bei den Abiturienten und Studenten noch die Mehrheit. 1981 lag erstmals die Abiturientenquote bei Mädchen höher – ein Vorsprung, der sich stetig vergrößerte. 2007 machten etwa 30 Prozent aller Mädchen ihr Abitur, bei den Jungen waren es nur 21 Prozent.

Doch wie ist es mit der weiblichen „Prägung“ in den frühen Jahren? Marcel Helbig vom WZB kennt die Einwände, Jungen würden häufiger als „Störenfriede“ auffallen, da sie sich mit den weiblich angehauchten Praktiken im Schulalltag nicht arrangierten. Aber ob Jungen in der Schule fleißig seien oder nicht, hänge von ganz anderen Faktoren ab. „Untersuchungen haben ergeben, dass Eltern ihre Söhne fast immer als intelligenter einschätzen als ihre Töchter“, sagt Helbig.

Eine Folge davon ist, dass die Jungen sich auf ihrem Ruf ausruhen. Das funktioniere auch andersherum, so Helbig: Kinder befinden ihre Väter für schlauer als die Mütter und die Großväter für klüger als die Großmütter. Männer hätten den Expertenstatus inne. Das beginne schon, wenn Kinder mit fünf Jahren behaupteten, sie würden gerne Feuerwehrmann oder Krankenschwester werden. „Eine realistische Berufsorientierung ist das natürlich nicht“, sagt Helbig. Frauen sind auch nicht biologisch auf Pflegeberufe abonniert. Es werden lediglich die traditionellen Männer- und Frauenbilder gespiegelt.