Eine längere Bildung senkt das Risiko, an einer typischen Volkskrankheit zu erkranken und frühzeitig zu sterben. Das haben Wissenschaftler bei einer Analyse von Millionen schwedischer Datensätzen herausgefunden.

Seit langem ist bekannt, dass chronische Erkrankungen wie Fettleibigkeit bei Menschen mit einem niedrigen Bildungsstand, häufiger auftreten als bei Gebildeten. Auch verschiedene Todesursachen sind in Bevölkerungsschichten mit geringer Bildung überproportional häufig. Allerdings war es bislang nicht möglich, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen niedrigem Bildungsstand und einer Erkrankungen nachzuweisen.

Bisher hatten die Gesundheitsforscher nämlich nur die Möglichkeit, bei einer erkrankten Person oder nach dem Tod eines Patienten rückwärts auf der Zeitachse nach Risikofaktoren, wie beispielsweise eine familiäre Krankheitshäufung, Beruf, Einkommen oder Bildung, zu suchen. Mit einem solchen Studiendesign lassen sich Ursache-Wirkungs-Beziehungen immer nur vermuten, jedoch nie beweisen. Dafür benötigt man Untersuchungen, in denen zwei Kohorten über einen längeren Zeitraum beobachtet werden

Ende der 40er-Jahre entschied sich das schwedische Erziehungsministerium, die Grundschulausbildung umzukrempeln. Die Zahl der Pflichtschuljahre wurde von acht auf neun angehoben mit dem Ziel, den Anteil der Schüler, die auf eine weiterführende Schule gehen, das Abitur machen und möglicherweise anschließend studieren, deutlich zu erhöhen. Allerdings wurde die Verlängerung der Pflichtschulzeit nicht an einem Stichtag umgesetzt, sondern sukzessive über einen Zeitraum von 19 Jahren: jedes Jahr wurde das neue System in einer bestimmten Zahl von Städten und Landgemeinden nach dem Zufallsprinzip über ganz Schweden verteilt eingeführt.

Einzigartiges Experiment

Dadurch entstand ein in seiner Art einzigartiges Experiment mit zwei Bevölkerungsgruppen, die sich nur dadurch unterschieden, dass die erste acht Pflichtschuljahre absolviert hatte, die andere dagegen neun. Insgesamt 1.247.000 Kinder wurden in den pädagogischen Großversuch eingeschlossen, die mittlerweile zwischen 47 und 69 Jahre alt sind.

Das Potenzial dieser Daten haben Anton Carl Jonas Lager und Jenny Torssander vom schwedischen nationalen Institut für öffentliche Gesundheit in Östersund erkannt und die öffentlich zugängige Datenbank genutzt, um dem Zusammenhang zwischen Bildung und Gesundheit auf den Grund zu gehen. Als Messgröße nutzten sie einen frühzeitigen Tod von Mitgliedern der beiden Kohorten. Dem liegt die Überlegung zugrunde, dass ein frühzeitiger Tod in der Regel ein zuverlässiges Merkmal für eine über längere Zeit bestehende schlechte Gesundheit ist.

Möglich wurde die Analyse von Millionen von Datensätzen, weil in Schweden Todesursachen zentral erfasst werden, und die Datenschützer keine Bedenken hatten, die Datenbanken des Erziehungs- und des Gesundheitsministeriums miteinander zu verknüpfen.

In einem ersten Schritt verglichen die Forscher die Todesfallrate der rund 92.000 Individuen der beiden Gruppen, die seit Beginn des Experiments verstorben waren. Nahm man alle Personen, die älter als 40 Jahre geworden waren, als Bezugsgröße, so wurde deutlich, dass die Todesfallrate bei ehemaligen Kindern mit neun Pflichtschuljahren signifikant kleiner war als bei Kindern mit einer kürzeren Schulzeit. Noch deutlicher wurden die Unterschiede, wenn nur Todesursachen betrachtet wurden, bei denen vermutlich ein direkter Bezug zu besserer Bildung besteht.

So waren ehemalige Schüler aus der Experimentgruppe signifikant seltener an Krebs – vor allem an Lungenkrebs – gestorben als Schüler aus der Kontrollgruppe.

Tod durch Herzinfarkt war bei der besser gebildeten Bevölkerungsgruppe ebenfalls überproportional selten. Durch eine detaillierte Datenanalyse ließ sich sogar zeigen, dass das Todesfallrisiko umso kleiner wurde, je länger die Ausbildung in allen Schultypen – Grundschule, Mittelschule, Gymnasium – gedauert hatte.

Die Wissenschaftler folgern aus ihrer Untersuchung, dass eine längere und damit bessere Bildung die Wahrscheinlichkeit typischer Volkskrankheiten und eines daraus resultierenden frühzeitigen Todes senkt. Eine längere Schulbildung sei eine wesentliche Grundlage für eine bessere Gesundheit im Erwachsenenalter.

Wenn das so ist, müsste das derzeitige Konzept zur Vorbeugung von Volkskrankheiten auf den Prüfstand. Statt voll auf Erwachsene als Zielgruppe für Gesundheitsberatung zu setzen, wäre es sinnvoller Kinder besser auszubilden, damit Risikofaktoren für einen frühzeitigen Tod erst gar nicht entstehen.