Wenn die Gäste im passenden Moment auf den Auslöser drücken, bekommen sie ein Bild, auf dem sie über die Mauer fliegen.
Foto: Bernd Friedel

Berlin-Prenzlauer BergSpielplätze gibt es in Berlin reichlich – in den meisten Fällen sind sie für Kinder gedacht. Zumindest war das bisher so. Denn in Prenzlauer Berg, direkt am S-Bahnhof Greifswalder Straße, öffnet am Freitag der erste Spielplatz für Erwachsene. Genauer gesagt: Für all jene, die ihre Freizeit mit Vorliebe in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram & Co. verbringen – und sich dafür gern selbst fotografieren.

Die „Wow! Gallery“ will das neue Mekka genau dieser Hobby-Models werden: Dort gibt es auf etwa 1000 Quadratmetern 25 verschiedene Foto-Sets. Jeder, der möchte, kann sich gegen Eintritt in den bunten Kulissen selbst ablichten.

Eintritt zahlen für Selfies? Das klingt nach einem Scherz – und ist doch bereits ein Erfolgsmodell. In anderen Städten auf der ganzen Welt – hauptsächlich in Asien und Amerika – sind solche Selfie-Museen seit Jahren beliebt. Populärstes Beispiel ist das „Museum of Ice Cream“, das 2016 in New York eröffnet wurde und das nun auch in San Francisco vertreten ist. Mit dem Museum „Supercandy“ in Köln erreichte das Phänomen im vergangenen Jahr auch Deutschland. Und nun: Berlin.

Foto-Sets für Jedermann

Gegründet wurde die Galerie in der Greifswalder Straße von fünf Leuten, die aus dem Filmgeschäft kommen. „Wir beschäftigen uns jeden Tag mit dem Schaffen von Kulissen“, sagt Chef Torsten Künstler, der eigentlich als Regisseur tätig ist. „Uns gefiel die Idee, dass man in so einer Galerie Foto-Sets anbietet, die nicht nur von Filmstars genutzt werden können, sondern von jedermann.“

Alles sieht verrückt aus und ist bonbonbunt gestaltet. „Wir haben vor allem darauf geachtet, dass die Sets interaktiv sind", sagt Thorsten Künstler.
Foto: Bernd Friedel

Die Idee ist einfach: In dem denkmalgeschützten Gebäude zimmerte das Team 25 professionell konstruierte und ausgeleuchtete Kulissen. Das Ganze ist eine begehbare Kunstinstallation, die voller möglicher Fotomotive steckt. Klingt komisch, „wird aber von der jungen Generation einfach gebraucht“, sagt Torsten Künstler. „Für die Leute zwischen 14 und 30 ist es heute normal, sich permanent selbst zu dokumentieren – sie sind mit dem Smartphone aufgewachsen. Diese jungen Leute brauchen eine Fläche, auf der sie das professionell machen können. Denn wenn auf allen Fotos, die jemand auf Instagram postet, die gleichen Möbel im Hintergrund stehen, wird es irgendwann langweilig.“

Von den 20er-Jahren über Berliner Mauer zu Bällebädern

Schon beim Betreten der Galerie werden die Besucher von viel Farbe geradezu erschlagen. Hier steht ein nachgebauter Späti in Knallrosa – mit Regalen voller Pakete, die als Requisiten genutzt werden können. Direkt daneben: ein 20er-Jahre-Set mit goldenem Mond, edlen Tapeten und Glitzer-Vorhang. Ein Stück weiter links ein Nachbau der Berliner Mauer mit Hauptstadt-Skyline im Hintergrund. Dahinter versteckt ist ein Trampolin: Wenn die Gäste im passenden Moment auf den Auslöser drücken, bekommen sie ein Bild, auf dem sie über die Mauer fliegen.

Das Zimmer daneben ist gefüllt mit goldenem Glitzer-Konfetti, das in ein Gebläse gefüllt werden kann und dann von der Decke regnet. Und unten, im Keller, warten gleich drei Bälle-Bäder in verschiedenen Farben inklusive Flamingo-Schwimmring.

Alles sieht verrückt aus und ist bonbonbunt gestaltet. „Wir haben vor allem darauf geachtet, dass die Sets interaktiv sind. So macht es am meisten Spaß“, sagt Torsten Künstler.

Erst einmal ist der Spielplatz für Erwachsene als Pop-up-Galerie ausgelegt und soll nur sechs Monate lang geöffnet bleiben.
Foto: Bernd Friedel

Ausgedacht haben sich die einzelnen Kulissen die beiden Set-Designer Saskia van de Calseijde (42) und Christian Pralle (44). „Für uns war besonders, dass wir dieses Mal das Drehbuch selbst schreiben konnten“, sagt van de Calseijde. Sonst bekämen sie als Kulissen-Designer ein Buch vorgelegt und entwerfen dann, was gewünscht sei. Doch nun gestalteten sie von Anfang an alles selbst, bastelten erst Entwürfe, dann 3D-Modelle. Die Gestalter freuen sich auch, dass ihre Arbeiten langlebiger sind als sonst. „Denn diese Sets stehen länger als die für Filme, die nach einem Drehtag abgebaut werden.“

Zunächst als Pop-Up-Galerie angelegt

Die Macher wollen mit ihrer Idee Berlins Social-Media-Jünger einfangen. Ob das funktioniert? Wer mit ihm spricht, gewinnt den Eindruck, dass Torsten Künstler um die Beantwortung kritischer Fragen nicht verlegen ist. Denn: Auf den ersten Blick scheint ein Eintritt von knapp 30 Euro pro Person etwas hoch für einen Nachmittag zwischen bunten Wänden.

„Haben Sie mal darüber nachgedacht, was man für ein professionelles Fotostudio bezahlt? Bei dem Preis bedeutet das, dass unsere Gäste pro Profi-Set einen Euro zahlen“, sagt Torsten Künstler. Er sieht die Galerie auch nicht nur als Anlaufstelle für die Instagram-Generation. „In Köln kommen sogar ältere Ehepaare mit ihren Enkelkindern, um nette Familienfotos zu machen.“ Fördert das Projekt nicht die Oberflächlichkeit im Internet? „Im Gegenteil: Wir wollen, dass die Leute zusammen herkommen, in Gruppen durch die Kulissen streifen und sich fotografieren.“

Erst einmal ist der Spielplatz für Erwachsene als Pop-up-Galerie ausgelegt und soll nur sechs Monate lang geöffnet bleiben. „Wir haben die Option, später zu verlängern. Und es können auch noch weitere Foto-Sets eingebaut werden, wenn es funktioniert.“ Verwunderung über den Trend lässt er kaum zu. „Ich hatte sehr früh ein Handy. Als ich damit telefonierte, fragten mich alle: Was soll das denn? Bei Trends ist es so, dass sie zu Beginn kritisch beäugt werden.“