Serie: Coworking : Darum gibt es im rent24 nie Ruhe

Hoch über der Potsdamer Straße erzählen die Vertreter des neuen Arbeitens davon, wie Ideen und gemeinsame Projekte allein dadurch entstehen, dass man den Schreibtisch teilt. „Wir pushen die Community“, sagt auch Robert Bukvic, der Gründer des Berliner Coworking-Unternehmens rent24. Durchaus aus Eigeninteresse: Wenn das Geschäft der ansässigen Start-ups gut läuft, expandieren sie – und das bringt neue Kunden.

Unterschied zum Großraum-Büro

Und doch stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass die Freelancer und Start-ups mit dem Konzept Großraumbüro gar kein Problem haben? Denn diese neue Gemeinschaft haben auch die etablierten Unternehmen entdeckt – und kürzlich einer nach dem anderen von Yahoo über IBM bis hin zu Microsoft und Apple ihre Mitarbeiter nach einer Phase des „Jeder-kann-arbeiten-wo-er-Will“ wieder zurück in die Großraumbüros geholt, große moderne Büros, oft ähnlich wie jene von rent24. Schließlich sagt die neueste Forschung, dass echte Innovationen eher in der Gemeinschaft entstehen und eben nicht, wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht.

Doch von beinahe allen dieser großen Unternehmen drangen Gerüchte über klagende Mitarbeiter an die Öffentlichkeit. Großraumbüro, das sei doch Legehennen-Haltung, hieß es beispielsweise. Wo bleibe denn da die Privatsphäre?

Die Vorteile des Arbeitsplatzes

Bei rent24 gibt es diese riesigen Räume auch: Man kann von einem Raumende zum anderen schauen. Und wenn es voll ist, sitzen die Coworker nahezu Schulter an Schulter. Dennoch gibt es keine Beschwerden, weder über schlechte Luft noch über laute Gespräche oder die fehlende Privatsphäre.

Christian, der Gründer eines E-Bike-Online-Magazins klappt am späten Nachmittag seinen Laptop zu, geht zum Kühlschrank und nimmt zwei Flaschen Bier heraus. Eine davon ist für Betrand, den französischen Fotografen, der für einen dänischen Kamerahersteller arbeitet und gerade mit seinem Chef in Denver geskypt hat. Die beiden Mittvierziger stehen zwischen den Tischen und unterhalten sich über die Vorteile ihres neuen Arbeitsplatzes, als da wären: kostenloses Feierabendbier, Kaffee- und Popcorn-Flatrate, Putzfrau.

„Uns fehlte nicht das Büro, uns fehlten die Leute aus dem Büro“

Und die Gemeinschaft. „Du lernst hier einige nette Leute kennen“, sagt Christian – und zeigt auf Bertrand. Der lacht. Ohne dieses große Büro wäre er verloren zwischen Skype-Konferenzen mit seinem Auftraggeber in Dänemark, Chef in den USA, Kunden in Tokio. „Irgendwann musst du auch mal Menschen treffen und ein bisschen mit ihnen reden“, sagt er. Bald packen die beiden ihre Sachen zusammen, sie haben Familie in Berlin, Work-Life-Balance ist ihnen wichtig.

Andere, die immer unterwegs sind, suchen nicht nur einen Arbeitsplatz. Zu ihnen gehört Julia, 27, die an diesem lauen Sommerabend in der Lounge im zweiten Stock mit ihrem Laptop sitzt. Sie ist Expertin für Online-Marketing und hat Erfahrung als digitale Nomadin. Dieses ganze Herumreisen von einem Coworking-Space zum nächsten Hub sei schön und gut, „aber man hat eben nur immer Urlauber um sich herum“, sagt sie. Und die haben nicht nur wenig Verständnis für Menschen mit Laptop an den schönsten Orten der Welt – sie führen auch ein gänzlich anderes Leben. Das macht einsam. „Uns fehlte nicht das Büro, uns fehlten die Leute aus dem Büro“, sagt sie.

„Nichts für Familien“

Als ihr das klar wurde, hat sie kurzerhand den „Wifi-Tribe“ gegründet, einen Club von Menschen aus aller Welt auf der Suche nach WLAN in schöner Umgebung und Gemeinschaft. Vier Wochen bleibt der Club jetzt in Berlin, die 15 Leute schlafen im Coliving-Space, arbeiten tagsüber im Großraumbüro. Danach geht’s weiter nach Budapest, im Winter nach Südamerika, alles in der Gruppe, immer auf der Suche nach Gemeinschaftsbüros.

Bukvics Plan geht also bisher auf: Die ersten Spaces waren schnell ausgebucht, inzwischen betreibt der Jungunternehmer 24 Coworking-Einrichtungen, auch in Tel Aviv, Amsterdam und New York. „Ich brauche keine Forschung“, sagt er, „ich bin seit 17 Jahren Gründer und Freelancer. Ich weiß, was man braucht, um kreativ zu arbeiten.“

Ruhig wird es hier nie

23 Uhr, das Community-Kochen ist gerade vorbei, Putzfrauen beseitigen die Reste in der modernen Küche, Coworker sitzen mit Weingläsern auf Barhockern. Auf der Dachterrasse hat sich eine intensive Debatte über Künstliche Intelligenz entsponnen. Irgendwer ist immer wach, aber so ist es ja auch gedacht.

Die Schlafräume des Coliving-Bereichs sind nur ein paar Schritte entfernt von den Schreibtischen. Die Menschen hier sind gekommen, um zu bleiben. Auch rund um die Uhr. Diese neue Gemeinschaft führt zu Innovationen – aber auch zu einer recht unausgeglichenen Work-Life-Balance. Bukvic beantwortet die Frage dazu zunächst mit einem Stöhnen. Dann sagt er: „Das ist echt die Standardfrage. Das ist natürlich nichts für Familien!“ Es entspricht aus seiner Sicht eher einem Konzept für eine bestimmte Lebensphase.

Diese Schlaflosigkeit, ja, die ist auch nachts zu spüren. Ruhig wird es hier eigentlich nie – auch nicht für diejenigen, die gerne irgendwann schlafen würden.