Am ersten Tag kam niemand, auch nach einer Woche war nichts los und nach einem Monat sah es immer noch mau aus für Brad Neuberg, der bald daran zweifelte, ob seine Idee des Coworkings wirklich so genial war wie er zunächst dachte. Aber er gab nicht auf, der gelernte Programmierer zog los, machte Werbung, verteilte Flyer, sprach junge Menschen in Cafés an – und langsam, ganz langsam ging es aufwärts, kamen die ersten Interessenten vorbei.

Charme einer Jugendherberge

In einem Blog-Eintrag hat Brad Neuberg von der Entstehung des Coworkings vor 13 Jahren in San Francisco erzählt. Inzwischen gelten Coworking-Spaces als die Arbeitsplätze der Zukunft. In einer globalen Welt, in der die meisten Aufgaben am Laptop erledigt werden können, brauchen die digitalen Nomaden kaum mehr als einen WLAN-Anschluss und eine Steckdose. Auch in Deutschland, vor allem in Berlin, entstehen immer mehr neue moderne Arbeitsplätze dieser Art.

Deshalb wird die Berliner Zeitung in einer Serie Coworking-Konzepte vorstellen. Es geht in der kommenden Woche los mit Eindrücken aus Brandenburg, wo junge Menschen das Landleben genießen, um ihre Gedanken zu ordnen. In der Hauptstadt, genau in der Potsdamer Straße, proben junge Menschen neue Formen des Zusammenlebens. Nicht mehr der Luxus von Edelhotels ist gefragt, bei Rent 24 herrscht eher der Charme einer Jugendherberge, wenn fremde Menschen sich Zimmer und Waschgelegenheiten teilen. Wie sich das anfühlt, hat unsere Autorin selbst ausprobiert.

Produktives Arbeiten in kreativer Atmosphäre

Es geht dann weiter nach Stuttgart, wo Coworking-Spaces eher noch als exotisch betrachtet werden. Anders als in München, wo der weltweit wohl aktivste Anbieter Wework zeigt, wie professionell der Markt sich entwickelt hat. Am Ende berichtet Tobias Kremkau, der im Berliner Café St. Oberholz die Coworking-Themen steuert und zum erweiterten Vorstand des Coworking-Bundesverbandes gehört, über die Trends der Zukunft. Im Interview sagt er: „Wenn ich an das klassische Bürogebäude denke, einen langen Flur mit Büros, dann weiß ich schon, wer ganz am Ende sitzt: die wichtigsten Leute. Bei uns gibt es das nicht, denn es ist wichtig, dass sich Menschen verschiedener Hierarchie-Ebenen begegnen.“ Und ergänzt: „Wir machen die Zukunft der Arbeit.“

Noch allerdings macht Coworking selbst im Berliner Büromarkt nur 0,02 Prozent aus – und da sind die großen kommerziellen Anbieter wie WeWork schon mit drin. Ein Nischenmarkt also, aber die Wahrnehmung ist inzwischen enorm, auch weil es die verschiedensten Möglichkeiten der Zusammenarbeit gibt. Einzelkämpfer finden Ruhebereiche, Teamworker treffen auf Gleichgesinnte zum Gedankenaustausch, Workaholics können von früh bis spät arbeiten und selbst Dax-Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter an die flexiblen Arbeitsorte, damit sie Kontakte zu den jungen Kreativen der Start-up-Welt aufbauen. Der neueste Trend: Rent 24, der große Berliner Anbieter, will Fachkompetenz bündeln. Wer sich auskennt beim Thema Blockchain, soll ab Oktober ins Themenhaus am Alexanderplatz kommen.

Brad Neuberg hatte am Anfang aus Eigennutz die Idee, produktives Arbeiten in kreativer Atmosphäre unabhängig von den üblichen Bürozeiten zu ermöglichen. Er hatte beim Start-up Rojo gelernt, im Büro mit Kollegen zu arbeiten und unterwegs auf sich alleine gestellt zu sein. Aber beides zusammen gab es nicht. So ging es los. In seinem Blogeintrag erwähnt er auch, dass es schon vorher Versuche gab, die Arbeitspraktiken zu verändern. Neuberg erwähnt zwar nicht ausdrücklich das c-Base in Berlin, aber Kenner der Szene bezeichnen die Location an der Rungestraße als eigentliche Keimzelle des Coworkings.

Sofa im Raumschiff

Hinter einer dicken Stahltür in einem Hinterhof tut sich eine galaktische Welt auf. Die Etagen sind wie eine Raumstation eingerichtet. Es gibt Schleusen, überall blinkt und flackert es. Auch Filmteams waren schon hier, in der Amazon-Serie „You are wanted“ wurde die Location als Drehort genutzt. Die Geschichte vom Raumschiff ist lang und hat viele Details. Der Legende nach soll die c-base zufällig auf die Erde gestürzt sein, der Fernsehturm am Alexanderplatz ist deshalb auch in der Sage kein Fernsehturm, sondern war die Antenne des Raumschiffs.

Die Nachfolger der Besatzung, also Berliner Kreative und Hacker, haben an dem Ort von Anfang an Sofas für Diskussionen, Tische für gemeinsames Arbeiten und Nischen für individuelles Tun geschaffen. Die Leute im c-base würden nie behaupten, dass sie die Keimzelle des Coworkings waren. Aber dass ein futuristisches Arbeitsmodell in einem Raumschiff in Berlin begonnen haben könnte, hat durchaus Charme.