Harald Amelung kommt gerade aus Magstadt zurück. Der Bürgermeister der kleinen Gemeinde hatte ihn eingeladen. „Die wollen was für Gründer tun“, sagt Amelung nach der Rückkehr. Und da fällt den Menschen in der Region eben der Mann aus Stuttgart ein, der den ersten Coworking-Space „Coworking0711“ in der Landeshauptstadt gegründet hat.

Sowas will man nun auch in kleinen Orten wie dem schwäbischen Magstadt.
Dabei ist „Coworking0711“ eigentlich keine große Sache, zumindest nicht, wenn man die Location mit Berliner Anbietern vergleicht. Harald Amelung hatte als Web-Entwickler gearbeitet und war nach Stuttgart gekommen, weil seine Frau einen Job „beim Daimler“ bekommen hatte.

Zu Hause fiel ihm die Decke auf den Kopf, gleichzeitig sah er die wachsende Coworking-Bewegung in Berlin und die Lücke in Stuttgart – also gründete er im März 2010 den ersten Coworking-Space Stuttgarts in der Annahme, dass bald weitere folgen würden.

Wenig Konkurrenz

Tatsächlich folgte kaum etwas hinterher. Inzwischen gibt es zwei Konkurrenten in Stuttgart – und jede Menge, das sich Coworking nennt, aber irgendwie etwas anderes ist. Bei meiner Suche nach einem Coworking-Space war ich beim ersten Googeln auf ein Business-Center gestoßen, das wortreich mit Coworking warb und einer weltweiten Gemeinschaft. Beim Besuch vor Ort entpuppte sich der Coworking-Bereich allerdings als tristes, weißes Büro mit lieblos darin verteilten Schreibtischen – und ohne einen einzigen Menschen darin.

So bin ich bei Harald Amelung gelandet, eine große helle Fabriketage, 350 Quadratmeter mit großzügigen Tischen, Regale mit IT-Büchern und Pflanzen als Raumtrenner, im Hof ein Bioladen, in der Küche eine Kaffeemaschine, die Flat ist im Preis inbegriffen. Was will man mehr?

Die Nutzer: Bauingenieure und Übersetzerinnen statt Nerds 

Die Start-ups, die mit ihren Innovationen die Welt wahlweise retten, schneller oder besser machen wollen und das Coworking zur modernen Arbeitsform gemacht haben, sucht man allerdings vergeblich. Hier sitzen nicht die Nerds und Kreativen zusammen, um eine digitale Sensation zu planen.

„Wenn ich ehrlich bin, haben wir genau ein echtes Start-up bei uns“, sagt Amelung. Dann räumt er die vielen Magazine für Start-up-Gründer beiseite, die täglich per Post ankommen. „Irgendwie glauben die alle, wir hätten das Publikum dafür“, sagt er und grinst. „Dabei interessiert das hier niemanden.“

Die Nutzer sind Mitarbeiter von Unternehmen, die ihren Sitz in einer anderen Stadt haben und hier arbeiten statt zu Hause. Auch Selbstständige mit äußerst soliden Berufen gehören zu den Kunden: Bauingenieure, Übersetzerinnen, Unternehmensberater, App-Entwickler, eine Ernährungsberaterin, ein Architekt.

Wir kommen gut miteinander klar, vielleicht auch, weil wir eben keine Start-ups sind, sondern letztlich mit unseren etablierten Geschäftsmodellen zwar inhaltlich verschieden aber eben doch irgendwie ähnlich sind – außerdem ist es für Stuttgart verwegen genug, sich überhaupt selbstständig zu machen. „Hier gibt es die großen Arbeitgeber mit attraktiven Angeboten“, sagt Amelung, und das sei vermutlich der Grund, weshalb die jungen Leute hier nicht gründen, sondern sich lieber ins gemachte Nest setzen.

Gemeinsames Feierabendbier

Immer mal wieder fragen die großen Unternehmen bei Amelung an, ob sie zeitweise eine Abteilung ausgliedern können oder wenigstens eine Arbeitsgruppe dort unterbringen können. Coworking gilt schließlich als besonders innovativ und kreativitätsfördernd. Vielleicht färbt ja was ab? „Das ist natürlich Unsinn: Die Veränderung muss im Kopf beginnen, nicht beim Raum“, sagt Amelung.

Abgesehen davon, dass er nicht den Platz hat für Daimler-Abteilungen, weiß er von den Erfahrungen anderer, dass diese Mischung auch selten gutgeht: Wenn ein Team im Coworking-Office sitzt, bleibt es meist unter sich. Dann färbt schon gar nichts ab, eher noch ist die Community der Freelancer irritiert – und die Gemeinschaft ist Amelung wichtig: Regelmäßig gibt es Aktionen, vom gemeinsamen Mittagessen übers Grillen bis zur gemeinschaflichen Teilnahme am Stadtlauf. Nicht zu vergessen: das Feierabendbier auf dem Balkon.

Die Provinz wird gründerfreundlich

Dennoch bleiben die Nutzer Exoten. Regelmäßig stehen Forscher auf der Matte, um uns wenige „Gründer“ zu interviewen, und auch der Begriff Coworking ist alles andere als etabliert. „Immer wieder denken Menschen, sie mieten sich hier ein abgeschlossenes Büro“, sagt Amelung. Stuttgart ist in Bezug auf Coworking eben Provinz. Obwohl: Die Stadt ist immerhin die sechstgrößte in Deutschland – und die Region bildet mit ihren 2,7 Millionen Einwohnern einen der größten Ballungsräume.

Ein wenig tut sich doch, was auch Amelungs Besuch in Magstadt zeigt. Der Bürgermeister dort hat Amelung verschiedene Räume gezeigt, in denen er gerne Gründer unterbringen würde. Das Land hat die Initiative „Gründerfreundliche Kommune“ ausgeschrieben, da kann man sich einen Namen machen.

20 Kilometer weiter in Herrenberg hat Amelung einen Space eröffnet, und schließlich bat ihn eine alteingesessene Immobilienfirma aus Esslingen, ihr altes Hauptgebäude in einen Coworking-Space zu verwandeln – kürzlich ist dort der erste Mieter eingezogen. Amelung reibt sich manchmal verdutzt die Augen und wundert sich, was das alles doch nach sich zieht.