Nairobi - Derrick Muturis Karriere begann, wie so mancher Höhenflug, mit einem Desaster. Auf der Suche nach einem Job stolperte der frisch diplomierte Betriebswirtschaftler und Informatiker über die Anzeige eines Kaninchenhändlers mit folgendem Vorschlag: Er verkaufe ein Zuchtkaninchenpaar für umgerechnet 80 US-Dollar und nehme dem Käufer anschließend jedes nachgewachsene Tier für sieben Dollar ab. Angesichts des legendären Vermehrungsdrangs der Rammler hörte sich das nach einem guten Deal an. Bereits nach drei Monaten, rechnete Muturi aus, könnte sein Zuchtbetrieb profitabel sein.

Er schlug ein und hatte bald über mehr als hundert Karnickel, die sich in den viel zu kleinen Käfigen im Erdgeschoss des väterlichen Hauses am Rand der kenianischen Hauptstadt Nairobi drängelten. Als Muturi den Händler kontaktieren wollte, musste er feststellen, dass der längst über alle Berge war – nicht ohne noch andere gutgläubige Möchtegernzüchter um ihre 80-Dollar-Einlage gebracht zu haben. Doch Muturi wusste aus seiner Not eine Tugend zu machen: Er beschloss, sich um den Absatz seines Kaninchenfleisches eben selbst zu kümmern.

Kenias Lebensmittel-Amazon

An dieser Stelle kam dem Jungunternehmer sein Informatikstudium zugute. Als Computerfreak hat Muturi eine große Facebook-Gemeinde. Fortan bekamen seine sozialen Netzwerkfreunde frisches Kaninchenfleisch direkt vom Züchter angeboten. Das Geschäft lief so gut, dass Muturi beinahe seinen gesamten Tierbestand geschlachtet hätte. Gerade noch rechtzeitig kam ihm die Idee, andere Kaninchenzüchter anzusprechen und sich vom Produzenten zum Händler zu entwickeln. Später fügte der findige Entrepreneur seinem exklusiven Sortiment noch Rinderfilet und frischen Tunfisch bei, dann auch Obst und Nüsse. Längst hat der IT-Experte eine eigene Website. Sie heißt www.herdy.co und schickt sich an, zum kenianischen Amazon für Lebensmittel zu werden.

Derrick Muturi ist erst 27, und er macht sich die vierte industrielle Revolution auf beispielhafte Weise zunutze. Er ist nicht der einzige Vertreter dieser neuen Unternehmer-Generation in Kenia. Digitale Start-ups werden in Nairobi reichlich gegründet: Ob es sich dabei um zwei junge Frauen handelt, die Tickets für Fernbusse übers Internet verkaufen, einen Tüftler, der eine Handy-App für Milchfarmer geschrieben hat, oder die Freundin eines Gehörlosen, die gegenwärtig eine Applikation für Zeichensprache entwickelt.

Meist stehen die Jungunternehmen mit einem der drei Dutzend iHubs in Verbindung, die in den vergangenen Jahren in Nairobi aus dem Boden geschossen sind: vom Staat oder privaten Institutionen gesponserte Einrichtungen, in denen man preiswert ins weltweite Web gelangen, sich mit Kollegen austauschen oder Rat von erfahrenen Business-Mentoren einholen kann. Auch Muturi wäre ohne iLab nicht weit gekommen. „Die haben mir immer wieder die entscheidenden Impulse gegeben“, sagt er.

18 Millionen Menschen verfügen über Breitbandanschluss

Noch vor zehn Jahren lebten die Kenianer im Land der Ahnungslosen. Ihre Internetverbindungen waren betulich wie der Gang eines Chamäleons und noch teurer als ein Schengen-Visum. Solange der ostafrikanische Staat durch kein Unterseekabel mit der Welt verbunden war, funktionierte der Zugang zum weltweiten Netz nur über Satelliten – zu Preisen, die für die meisten Kenianer meist unerschwinglich waren.

Ein Ministerialdirektor im Kommunikationsministerium sorgte schließlich dafür, dass der Staat gegen den Widerstand der Weltbank mit dem globalen Kabelnetzwerk im Ozean verbunden wurde. Heute wird Bitange Ndemo als Vater der kenianischen Digitalisierung verehrt.

Inzwischen ist das Land gleich mit fünf Unterseekabeln versorgt, fast 18 Millionen Menschen verfügen über einen Breitbandanschluss. In Nairobis Straßen kann man übers Handy ein Taxi bestellen, in Hunderttausenden von abgelegenen Hütten sorgen die Sonne und die Mobilfunktechnologie für Strom. Nirgendwo in Afrika wurden mehr neue Apps als in Kenia entwickelt. In Anlehnung an den Begriff Silicon Valley gaben Fachleute dem Land den Beinamen „Silicon Savannah“. Was Jahrzehnte von Entwicklungshilfe nicht ausrichten konnten, scheint die Informationstechnologie in wenigen Jahren zu schaffen: Afrika wird von der Digitalisierung in die Moderne katapultiert.

„Wenn Safaricom scheitert dann scheitert der kenianische Staat“

Was den meisten der kenianischen Startups gemein ist: Sie sind verbunden mit dem bargeldlosen Bezahlsystem M-Pesa. M-Pesa ist der große Stolz der Kenianer. Die einzigartige Methode ermöglicht es, mit dem Handy per SMS Geld zu überweisen. M-Pesa wurde in Nairobi erfunden und entwickelt, dann begann der Siegeszug des Systems über zahlreiche afrikanische Staaten hinweg bis nach Europa und Asien. Es handelt sich um die erste bedeutende Erfindung in der Digitaltechnologie, die aus Afrika kommt und das Potenzial hat, das Geldwesen weltweit durcheinanderzuwirbeln.

Davon ist zumindest Kenneth Okwero überzeugt, der Chefstratege des kenianischen Mobilfunkkonzerns Safaricom. Er empfängt seine Gäste im siebten Stockwerk eines der diversen Bürohochhäuser der Firma in Nairobis schmuckem Geschäftsviertel „Westlands“. Okweros Besucher werden mit Croissants und Cappuccino verwöhnt: Als größter privater Arbeitgeber des Landes versorgt die Vodafone-Tochter mehr als 50.000 Menschen mit Arbeit und trägt 6,5 Prozent des gesamten Bruttoinlandproduktes bei. „Wenn Safaricom scheitert“, sagt Okwero, „dann scheitert der kenianische Staat.“

Wer genau auf die Idee kam, Geld per Handy zu überweisen, ist noch heute umstritten: Jedenfalls spielten Safaricoms Kunden eine bedeutende Rolle. Sie hatten die Möglichkeit, Gesprächsguthaben von einem Handy zum anderen zu übertragen, bereits seit längerer Zeit als inoffizielles Zahlungsmittel genutz. Ein Software-Entwickler von Safaricom kam schließlich auf die Idee, das informelle Bezahlsystem offiziell zu etablieren.

Fortan kann man in den übers ganze Land verteilten M-Pesa-Büros Geld auf sein M-Pesa-Konto laden lassen und dann mit dem Handy in alle Welt verschicken. In einem Land, in dem – wie in den meisten Staaten Afrikas – nur gut zehn Prozent der Bevölkerung über ein Bankkonto verfügten, musste diese Idee eine Revolution auslösen. Endlich konnten berufstätige Städter ihren auf dem Land lebenden Familien Geld zukommen lassen, ohne einen womöglich unzuverlässigen Busfahrer um Hilfe bitten zu müssen.

M-Pesa breitete sich flink in dem Savannenstaat aus. Schon nach einem Jahr nutzten mehr als zwei Million Menschen das Transfersystem. Heute werden täglich 16 Millionen Transaktionen zwischen 28 Millionen M-Pesa-Konten abgewickelt, im vergangenen Jahr wechselten auf diese Weise 50 Milliarden Euro den Besitzer. Inzwischen kann man sein Benzin an der Tankstelle, das Bier in der Kneipe und selbst die Bananen vom Straßenhändler mit M-Pesa bezahlen. Viele fragen sich bereits, wie lange es in Nairobi überhaupt noch Banknoten geben wird.

„Unser Geschäftsmodell kann beliebig erweitert werden“

Schon jetzt hat das Transfersystem die kenianische Wirtschaft wachgerüttelt und eine ganze Reihe bisher undenkbarer Geschäftsmodelle hervorgebracht. M-Kopa zum Beispiel. Das Produkt der Firma ist gleich neben der Rezeption in Nairobis Stadtteil Kilimani aufgebaut: ein aus einem kleinen Solarpanel, einer Batterie, einer Lampe, einem Radio, Relais und Stecker bestehendes Set, das aus einer strom- und lichtlosen Hütte einen modern ausgerüsteten Wohnraum machen kann.

Endlich müssen die Dorfbewohner nicht mehr kilometerweit zum Aufladen ihrer Handy-Batterien marschieren, ruinieren sich Hüttenbewohner ihre Lungen nicht mehr mit Paraffin-Lampen, können Familien den Nachrichten und Wettervorhersagen im Radio folgen – und das alles zu einem erschwinglichen Preis von umgerechnet 30 Euro-Cents am Tag. „Nennen Sie mir ein Entwicklungsprojekt, das etwas Ähnliches hingebracht hat“, fragt die M-Kopa-Direktorin Pauline Githugu rhetorisch.

M-Kopa wäre ohne M-Pesa nicht möglich gewesen. In jedem Solar-Set befindet sich ein Mobilfunk-Chip, der die tägliche Rückzahlungsrate über M-Pesa abrechnet. Würde die Firma ihr Produkt im Direktkauf anbieten, müsste sie mehr als 70 Euro pro Set verlangen – kaum ein Dorfbewohner könnte auf Anhieb eine derartige Summe aufbringen. Dagegen sind 30 Cent am Tag selbst für arme Kleinfarmer drin, und nach 250 Tagen ist die Anlage auch schon abbezahlt. Dann kommt der Strom zum Nulltarif, von allfälligen Reparaturen einmal abgesehen.

„Und unser Geschäftsmodell kann beliebig erweitert werden“, sagt die Direktorin Githugu. Für einen Aufpreis kann der Kunde sein Radio- zu einem Fernseh-Set nachrüsten, und wem auch das nicht genügt, der soll bald einen Kühlschrank einschließlich des dafür nötigen größeren Solar-Panels abstottern können. Die Anschaffungen müssen nicht einmal mit dem Stromnetz verbunden sein. Auch ein Fahrrad, sagt Pauline Githugu, könne schon heute mit dem Telefon-Chip und dem M-Pesa-Konto vorfinanziert werden. Der Stromdienstleister ist auf diese Weise zum Kreditinstitut geworden. Sein Solar-Set hat M-Kopa schon mehr als 600.000 Mal verkauft.

Selbst hier stoppt die von M-Pesa ins Rollen gebrachte Lawine noch nicht. Auch M-Tiba, eine Krankenversicherung, wird in Kenia schon über M-Pesa angeboten: Kunden können vom Handy-Konto aus monatliche Geldbeträge in beliebiger Höhe einzahlen, aus dem dann Arzt- und Hospitalbesuche beglichen werden.

Besuch von neugierigen Ausländern

Kenias ICT-Sektor macht mittlerweile acht Prozent des Bruttoinlandprodukts aus und sorgt für 180.000 Arbeitsplätze. Die digitale Branche hat bereits 500 Millionen US-Dollar an Investitionen und zahlreiche neugierige Ausländer ins Land gelockt, die in der Digitalisierung den unaufhaltbaren wirtschaftlichen Aufbruch des Kontinents sehen.

Auch Derrick Muturi profitiert vom weltweiten Interesse an der Silicon Savannah. Kürzlich fand der einstige Karnickelzüchter holländische Investoren für herdy.co. Jetzt kann er sein Start-up-Unternehmen, das bisher nur drei Verpacker und einen Motorrad-Kurier beschäftigte, weiter vergrößern. Muturi möchte mehr Leute einstellen, sein Sortiment erweitern und den Betrieb auf andere kenianische Städte ausweiten. Zur Ruhe kommen will Derrick Muturi erstmal nicht. „Der Himmel ist die Grenze“, sagt er.