Die Anwältin Laura Holmes, 28 Jahre, knallroter Mantel, dunkelroter Schal, eilt durch die Menschenmenge der Londoner Innenstadt. Ans Ohr hält sie ihr rosa Handy mit weißen Punkten. Holmes telefoniert mit einer Freundin, in ihrer Stimme liegt ein Lächeln. Es ist ein Lächeln, das auch die App in ihrem Smartphone registriert.

Holmes Arbeitgeber hat sie mit der App ausgerüstet, die ihren Gemütszustand überwacht. Die Anwaltskanzlei Wragge, Lawrence, Graham und Co, eine Großkanzlei mit mehr als tausend Angestellten, gehört zu den ersten Kunden von Soma Analytics, einem Start-up aus München. Firmengründer Johann Huber, 28 Jahre, hat eine App entwickelt, die grundsätzlich verändern soll, wie Arbeitgeber mit ihren Arbeitnehmern umgehen. Huber sagt: „Der Arbeitgeber kann zum ersten Mal verstehen, wie sich Leute in der Firma fühlen.“

Telefongespräche werden ausgewertet

Hubers App analysiert nicht nur die Frequenz der Stimme von Holmes und wertet dabei die mitschwingenden Emotionen aus. Das Programm wertet auch aus, wie sie mit ihrem Smartphone umgeht: Wenn sie etwa oft und schnell hintereinander nach neuen Nachrichten schaut, gibt das Auskunft darüber, wie gestresst sie ist. Auch der Schlaf wird getrackt: Wälzt sie sich vor einem wichtigen Termin im Bett herum, registriert das der Bewegungssensor des Smartphones und die Daten werden von Hubers Algorithmen ausgewertet. Hubers App will wissen, wie gestresst ein Mitarbeiter ist.

Holmes stört es nicht, dass ihr Arbeitgeber diese Informationen erhält. Sie findet: „Wenn es ein Problem gibt, sollte der Arbeitgeber davon wissen.“

Auch Arbeitnehmer können sich über seine App freuen, findet Soma Analytics-Chef Huber: „Die Informationen, die Arbeitgeber bekommen, helfen ihnen, die Arbeitnehmer glücklicher und gesünder zu machen.“ Auf diese Weise hoffen sie zudem, Milliarden Euro einzusparen, die durch die krankheitsbedingten Ausfälle der Mitarbeiter entstehen. Das Interesse ist stark: Im britischen Markt, auf den Huber sich derzeit konzentriert, gehören neben Anwaltskanzleien bereits Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Beratungen und Telekommunikationsunternehmen zu den ersten Kunden. Auch die britische Telekom ist darunter. In Deutschland gebe es erste Testläufe, sagt Huber. Über Kunden möchte er nicht sprechen.

Unternehmen wollen kostenintensive Krankentage reduzieren

Holmes Arbeitgeber hat seinen Hauptsitz in einem der Glastower an der Themse – mit exklusivem Blick auf die London Bridge. Bleddyn Rees, 53 Jahre alt, ist für die App zuständig. Der Mann im mittelblauen Anzug ist Partner in der Kanzlei und der Spezialist für Gesundheit. Die Entwicklung des Stresses der Mitarbeiter kann er mit ein paar Klicks auf einer Website aufrufen.

Rees sagt, es gehe nicht darum, nicht-belastbare Mitarbeiter auszusortieren. Vielmehr sollten mit den von der App aggregierten und anonymisiert gelieferten Daten Problemfelder identifiziert werden, um kostenintensive Krankentage zu reduzieren. „Wenn durch solche Gesundheitstechnologien die Krankentage in der Firma reduziert werden können, dann wirkt sich das direkt aus – auf den Reingewinn des Geschäftes.“ Für Rees ist die Sache klar: „Die App zeigt uns die Potenziale auf, die wir realisieren können, wenn wir mit unseren Mitarbeitern zusammen an ihrem Schlaf arbeiten.“

Huber ist nicht der Einzige, der auf das gestiegene Interesse der Arbeitgeber an der Gesundheit der Mitarbeiter setzt. Smarte Fitnessarmbänder und Schrittzähler-Apps halten Einzug in immer mehr Unternehmen. In den USA lassen bereits Konzerne wie BP oder Yahoo die Schritte ihrer Mitarbeiter zählen. In Deutschland haben Opel, SAP oder IBM entsprechende Programme, um ihre Mitarbeiter zu mehr Fitness anzuregen. Opel und SAP erklärten auf Anfrage, dass sie keinen Zugriff auf persönliche Daten von Mitarbeitern haben. IBM möchte sich nicht äußern.

Die Nachfrage ist so groß, dass Wearables-Anbieter inzwischen begonnen haben, gesonderte Produkte für Arbeitgeber zu entwickeln. Die Firma Jawbone, einer der führenden Fitnesstrack-Hersteller weltweit, hat dafür extra das Programm „Up for groups“ entwickelt. Es basiert auf dem Up-Fitnessarmband, wie es Jawbone auch bisher verkaufte – nur dass der Arbeitgeber nun auch alle Informationen erhält, die über die Mitarbeiter gesammelt werden: Tagsüber weiß der Arbeitgeber, wie aktiv seine Mitarbeiter sind, und nachts wie gut sie schlafen. Die Daten erhält der Chef in aggregierter und anonymisierter Form. So weiß der Arbeitgeber, wie einsatzfähig und belastbar seine Mitarbeiter sind.

Starkes Interesse aus Deutschland

Auch Fitbit, die Konkurrenz von Jawbone, will die Arbeitgeber dabei unterstützen, die Fitness ihrer Mitarbeiter genauer zu beobachten. Deutsche Unternehmen zeigten ein starkes Interesse, sagt Gareth Jones, Vizepräsident von Fitbit für Europa. Namen will er keine nennen. „Das ist streng vertraulich.“

Gareth Jones sagt, das Angebot von Fitbit helfe den Unternehmen, Personalentscheidungen mit mehr Informationen zu treffen. Zugleich würden die Mitarbeiter aufmerksamer für ihre Gesundheit. „Es motiviert sie zusätzlich, ein effektiver Kollege zu sein, indem sie gesünder leben.“ Den Unternehmen verspricht er: „Sofort-Zugriff auf die Daten des gesamten Personals in Echtzeit, sowie auf frühere, aufgezeichnete Daten.“ Der Echtzeit-Zugriff sei wichtig, um zu bestimmen, ob die Maßnahmen der Personalabteilung auch wirkten. „Sie könnte etwa die Aufzüge abstellen.“

Mehr zu dem Thema an diesem Donnerstag (23.04.2015) um 21.45 Uhr im ARD-Magazin „Panorama“.