Rund 20 Millionen Euro will die Bundesregierung für die Digitalisierung im Gesundheitswesen in den nächsten Jahren bereitstellen. Dabei soll es vor allem darum gehen, Forschungen und Initiativen im Großraum Berlin zu fördern. Das Konzept hat Gesundheitsminister Jens Spahn während der Kabinettsklausur in Potsdam vorgestellt. Wichtig ist dem Minister, digitale Anwendungen wie Gesundheits-Apps in der Testregion schneller als bisher im Praxisalltag einzusetzen.

Das große Thema im Bereich der Gesundheit ist der Umgang mit Patientendaten. Nur wer die Werte kennt, über Vorerkrankungen informiert ist, kann die richtigen Schlüsse für die Forschung und Behandlung ziehen, Aber es ist schwierig, den Umgang mit den Daten bundesweit zu koordinieren. Berlin bietet da besondere Möglichkeiten. In der Hauptstadt ist die stationäre Versorgung zu mehr als 40 Prozent in öffentlicher Hand. Charité und Vivantes sind gemeint. Es müssen also nicht langwierige Verhandlungen mit verschiedenen Trägern geführt werden. „Berlin eignet sich ideal als Standort“, sagt Roland Eils. Der Mathematiker und Molekularbiologe hat im April die Leitung des neuen Zentrums für digitale Gesundheit am Berliner Institut für Gesundheitsforschung übernommen – und seitdem für den Standort als Innovationszentrum geworben.

Arzt bleibt unersetzbar

Eils wünscht, dass zunächst in stationären Einrichtungen eine elektronische Patientenakte eingeführt und dann in den ambulanten Bereich ausgerollt wird. Datenschutzverordnungen machen das in Deutschland nicht so einfach, Eils ist aber davon überzeugt, dass ohne den Einsatz der digitalen Möglichkeiten Deutschland im Bereich der Forschung international an Boden verlieren würde. „Ohne Daten können wir nichts tun“, sagte er im Gespräch mit der Berliner Zeitung.

Andere Länder seien auf diesem Gebiet schon viel aktiver, sagt Eils und nennt als Beispiel die USA und dort die Stadt Boston. Dort und in der gesamten Region Neuengland ist ein dreistelliger Millionenbetrag zur Verfügung gestellt worden.

Eils erwähnt als Argument für Berlin auch die vitale Digitalszene mit ihren Start-ups und Innovationsschmieden. Genaue Zahlen, wie viele junge Unternehmen sich in Berlin mit dem Thema „Gesundheit“ beschäftigen, kann der Start-up-Bundesverband nicht liefern. Aber der Bereich sei vor allem deshalb attraktiv, weil er der größte Wirtschaftssektor in Deutschland ist und weil die Digitalisierung auch dort sehr hinterherhinke. Das bedeutet: Es gibt großes Interesse an Innovationen.

Besondere Bedeutung des direkten Kontakts zwischen Arzt und Patient

Bisher sind die jungen Unternehmen dabei, Tests zu entwickeln, Kontrollen zu vereinfachen und IT-Verwaltungsplattformen zu kreieren. Zuletzt hat das Start-up Vivy für Aufmerksamkeit gesorgt, weil es mit Krankenkassen zusammen eine elektronische Gesundheitsakte für 25 Millionen Versicherte entwickelt hat. Hinter Vivy steht der Allianz-Konzern, der zu 70 Prozent an dem Unternehmen beteiligt ist.

In den USA hat das Magazin New Yorker sich damit beschäftigt, was passiert, wenn die Technik den Arzt ersetzt. Die Anteilnahme, das persönliche Gespräch mit einer Vertrauensperson – das wurde besonders vermisst. Eils betont die besondere Bedeutung des direkten Kontakts zwischen Arzt und Patient für Heilung und Genesung. „Das ist nicht verhandelbar“, sagt er. Er prognostiziert aber: „Der Computer wird die Ärzte nicht ersetzen. Aber Ärzte, die keine Computer nutzen, werden von Ärzten mit Digitalwissen verdrängt.“