Ein kleines Experiment: Versuchen Sie mal, die Stimme von jemanden zu beschreiben, den Sie gerade zum ersten Mal getroffen haben. Da fällt Ihnen nichts ein? Aber an die Krawattenfarbe können Sie sich noch erinnern? Dann geht es Ihnen wie den meisten Menschen. Unsere Gesellschaft ist von visuellen Eindrücken geprägt. Trotzdem hat die Stimme eines Menschen großen Einfluss darauf, wie wir ihn wahrnehmen.

Fast legendär ist eine Studie von 1971, durchgeführt von dem amerikanischen Psychologen Albert Mehrabian, die auf die Formel 7–38–55 kommt: Demnach entfallen nur ernüchternde sieben Prozent des ersten Eindrucks auf das, was gesagt wird, also den Inhalt; aber 38 Prozent darauf, wie es gesagt wird, zum Beispiel durch Stimmklang, Betonung und Aussprache. Die restlichen 55 Prozent des Eindrucks prägt das Erscheinungsbild. Es könnte sich also lohnen, vor einem wichtigen Termin nicht nur zu überlegen, was man anzieht, sondern auch, wie man klingen will.

Genau das übt die Berliner Sprechtrainerin Bettina Schinko mit ihren Kunden. Auch sie kennt die Mehrabian-Studie, und obwohl die Erhebungsmethode von damals inzwischen umstritten ist, ist sich Schinko sicher: Die Tendenz stimmt. Schon deshalb, weil in der Evolution Körpersprache und Laute vor der eigentlichen Sprache kamen. Wenn wir Stimmen hören, läuft ein unbewusstes Analyseprogramm in unserem Kopf ab, das signalisiert, ob unser Gegenüber uns aufrichtig, kompetent, erotisch oder sympathisch erscheint. Aber die Stimme in Worte zu fassen, ist gar nicht so einfach. Wie beim Wein behelfen wir uns mit ausgeborgten Metaphern: rau, warm, metallisch, dunkel, rauchig.

Auch Bettina Schinko nutzt Vergleiche, wenn sie Menschen an ihre eigene Stimme heranführt: „Wenn ich ein Seminar mache, sollen die Teilnehmer sich gegenseitig zuhören und einschätzen: Welche Farbe hätte die Stimme? Welches Tier wäre sie?“ Aber kann man durch Training aus einer Maus einen Elefanten machen? Das nicht, sagt Bettina Schinko, aber einen „Speedy Gonzales“.

Eine perfekte Stimme ist langweilig

Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich Stimmtrainer bewegen. Nicht alles, was man verändern kann, sollte man verändern. Christine Kugler, ebenfalls Stimmtrainerin und selbst auch Sprecherin, findet: „Nichts ist so langweilig wie eine scheinbar perfekte Stimme. Die Person muss durchklingen, in ihrer vollen Bandbreite.“ Es geht ihr darum, das stimmliche Potenzial voll auszuschöpfen.

Den Rahmen dafür gibt allerdings die Natur vor. Männer sprechen mit einer mittleren Stimmlage von 120 Hertz deutlich tiefer als Frauen, die im Schnitt bei 220 Hertz liegen. Das liegt an der Anatomie des Stimmapparats: Stimme entsteht, wenn der Atem an zwei parallel laufenden Muskelsträngen – den Stimmlippen – im Kehlkopf vorbeiströmt und sie in Schwingungen versetzt. Je größer der Kehlkopf, desto länger und dicker sind die Stimmlippen und desto schwerer sind sie in Bewegung zu setzen. Sie schwingen langsamer und erzeugen so einen tieferen, „männlicheren“ Ton.

Christine Kugler bietet regelmäßig für Frauen das Seminar „Talk Like A Man“ an. Die Idee dazu bekam sie, als sie für eine Fernsehsendung Männer und Frauen trainierte, die optisch und akustisch jeweils ins andere Geschlecht wechseln sollten. Sie übt mit den Teilnehmerinnen, typisch weibliche und typisch männliche Kommunikationsmuster zu erkennen und zu durchdringen. Denn nur wer die Spielregeln kennt, kann auch mitspielen. Frauen lernen dabei zum Beispiel, kurze Sätze zu sprechen, Pausen auszuhalten, nicht zwanghaft zu lächeln und, ganz wichtig, am Ende des Satzes mit der Stimme nach unten zu gehen. „Sonst klingt jeder Satz wie eine Frage. Das wirkt unsicher.“

Ziel ist es, in Gesprächen, Meetings oder Präsentationen selbstbewusst aufzutreten und die eigene Stärke zu zeigen. Es geht nicht darum, Frauen zu vermännlichen, sondern auf männliche Dominanz eine persönliche, weibliche, adäquate Antwort zu finden.

Stimmung ändert die Stimme

Und noch eines rät Christine Kugler allen Teilnehmerinnen: Weg mit der piepsigen Kleinmädchenstimme, die für viele Frauen anerzogene Gewohnheit und zugleich Selbstschutz ist! „Da gehört Mut dazu, weil man sich mit einer tieferen und kräftigeren Stimme mehr zeigt und unter Umständen auch mehr Kritik aushalten muss“, sagt die Stimmtrainerin. Beim Abschied von der hohen Kleinmädchenstimme kommt Frauen auch die Zeit zu Hilfe. In den Wechseljahren bewirken hormonelle Veränderungen, dass die Stimme nach unten rutscht, während sie bei Männern im Alter höher wird. Davon profitierte etwa die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher, die sich zu Beginn ihrer politischen Karriere den Vorwurf gefallen lassen musste, dass sie mit ihrer „Heulsirenenstimme“ die Wähler verschrecke. Sie nahm Sprechtraining, wurde älter und hatte am Ende eine Stimme, die eine ganze Oktave tiefer lag – und die ganze Nation im eisernen Griff hatte. Auch Angela Merkel sprach, als sie noch „Kohls Mädchen“ war, wesentlich höher als heute.

Sogar die gesellschaftliche Stimmung ändert die Stimme. Stimmforscher haben gemessen, dass die mittlere Stimmlage von Frauen in Mitteleuropa in den letzten Jahrzehnten um eine Terz abgesunken ist: Frauen sprechen heute tiefer und damit näher am „männlichen Stimmbereich“ als früher. Auch zwischen Ländern gibt es große Unterschiede: Norwegerinnen sprechen mit einer tieferen Stimme als Italienerinnen. Ein mögliche Erklärung dafür: Je emanzipierter eine Gesellschaft ist, desto weniger Grund gibt es für Frauen, sich eine mädchenhafte Piepsstimme zuzulegen.

Es kann also sein, dass sich das Training „Talk Like A Man“ irgendwann von selbst erledigt. Die Stimme aber wird in unserer Gesellschaft immer wichtiger, weil sie häufig den äußeren Eindruck ersetzt. Telefonkonferenzen und Call-Center treten im Beruf an Stelle der persönlichen Begegnung. Große Firmen lassen sich bei Bewerbungen sogar von „Business-Stimmanalysen“ unterstützen. Die Stimme, so wirbt ein Anbieter, „gibt über die Soft Skills Auskunft, die weder auf dem Papier stehen, noch im persönlichen Gespräch herauszufinden sind.“

Somit überrascht nicht, dass sich rund um das richtige Sprechen ein riesiger Markt entwickelt hat. Bis hin zum „Stimm-Lifting“, bei dem die Stimmlippen für einen volleren Klang mit Injektionen aufgepolstert werden. Daneben gibt es Rhetorik-Ratgeber mit Titeln wie „Gut klingen, gut ankommen“. Selbst ernannte „Rhetorik-Päpste“ oder „Voice Coaches“ füllen Turnhallen und versprechen schnelle Ergebnisse. Wobei durchaus Skepsis angebracht ist. Denn „Sprechtrainer“ ist kein geschützter Beruf, sondern ein Feld, in dem sich Sänger, Schauspieler und allerlei andere Quereinsteiger tummeln – oft mit ganz unterschiedlichen Methoden.

„Die Arbeit an der Stimme ist ein Prozess, auf den man sich einlassen muss“, sagt die Trainerin Christine Kugler. Aber es ist ein Prozess, von dem ihre Kunden oft nicht nur beruflich profitieren.