Am Wochenende wurde von acht Uhr morgens bis Mitternacht verhandelt, seit Montag früh gab es gar keine Pause. Denn irgendwann am heutigen Dienstag muss er fertig sein, der Sonderbericht des Weltklimarats IPCC, der zurzeit bei der 51. Plenarsitzung des Gremiums in Monaco erstellt wird. Schließlich ist geplant, das Werk am Mittwoch der Öffentlichkeit zu präsentieren. Parallel zum UN-Klimagipfel in New York, der am Montag zu Ende ging, diskutierte man also auch in dem Stadtstaat am Mittelmeer über die Folgen der globale Erwärmung.

In dem IPCC-Sonderbericht geht es um den Ozean und die Kryosphäre – also den vereisten Teil der Erde – in einem sich wandelnden Klima. 104 Autoren aus 36 Ländern haben fast 7.000 wissenschaftliche Veröffentlichungen zu dem Thema durchforstet, um den Sachstand zur Erwärmung der Ozeane, zum Meeresspiegelanstieg und zum Abschmelzen des Eises in Gebirgen und an den Polen der Erde zusammenzutragen.

Infos für wissenschaftsbasierte Entscheidungen

Denn dafür ist der IPCC als Institution der Vereinten Nationen zuständig: Wissenschaftler tragen für das Gremium aktuelle Erkenntnisse der Klimaforschung zusammen und bewerten sie in Hinblick auf den Klimawandel. Damit liefert der IPCC, in dem 195 Länder Mitglied sind, die Grundlagen für wissenschaftsbasierte Entscheidungen der Politik.

Dem Kernteam von Forschern, das den Sonderbericht seit drei Jahren vorbereitet hat und nun in Monaco den finalen Entwurf mit den Delegierten der Länder verhandelt, gehört ein Berliner an: Jochen Hinkel vom Global Climate Forum, einem gemeinnützigen Interessenverband von Forschungsinstituten, Nichtregierungsorganisationen und Firmen, die sich mit Klimafragen beschäftigen.

Er hat am Freitag von Monaco aus die weltweiten Klimastreiks und die Vorstellung des Klimaschutzprogramms der Bundesregierung verfolgt – und hatte dabei sehr gemischte Gefühle. Der Wissenschaftler ist begeistert, dass allein in Berlin rund 270.000 Menschen für mehr Klimaschutz demonstriert haben. Und er ist enttäuscht von dem Paket, das das Klimakabinett geschnürt hat.

Kritik am deutschen Klimapaket

„Es ist ein Flickwerk von kleinen Maßnahmen. Damit lassen sich die Klimaziele für 2030 nicht erreichen“, sagt Hinkel, der sich als Wirtschaftswissenschaftler seit zwanzig Jahren mit dem Klimawandel, der Anpassung daran und dem Risikomanagement befasst. Wie andere Klimaforscher findet er, dass die Entscheidungen von politischer Mutlosigkeit zeugen und moniert vor allem die viel zu niedrige Bepreisung von CO2 . „Mit 10 Euro pro Tonne CO2 einzusteigen ist viel zu wenig um die notwendigen starken Anreize zur Emissionsminderung zu geben“, sagt Jochen Hinkel.

Allerdings waren seine Erwartungen an das Klimakabinett auch nicht besonders hoch. Denn der 49-Jährige hat im Laufe seiner Tätigkeit beim World Climate Forum und zuvor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung miterlebt, wie Entscheidungsfindungen in der Politik zustande kommen und ist ernüchtert. „Der Einfluss von Interessengruppen, die den Status quo beibehalten wollen, ist sehr groß. Deshalb hätte mich ein großer Wurf auch sehr überrascht“, sagt er.

Trotzdem investiert Jochen Hinkel viel Zeit in die Arbeit für den IPCC. Denn es ist ihm wichtig, dass die Grundlagen für wissenschaftsbasierte Entscheidungen der Politik geschaffen werden. Hinkel ist beim Sonderbericht über die Ozeane und die Kryosphäre thematisch verantwortlich für das Kapitel über den Meeresspiegelanstieg und die Folgen für niedrig gelegene Inseln, Küsten und Gemeinden. „Darin geht es sowohl um die physikalischen Erkenntnisse zum Meeresspiegelanstieg als auch um die Folgen und die Möglichkeiten der Anpassung“, sagt der Berliner Forscher.

In dem Kapitel wird also nachzulesen sein, wo Überschwemmungen und Sturmfluten zunehmend Probleme bereiten können, in welchen Regionen Land verloren zu gehen droht und wie sich Ökosysteme wie Marschen und Mangroven verändern. Doch die Experten zeigen auch auf, welche Möglichkeiten die Menschen haben, sich zu wappnen. „Seit Jahrhunderten schützen sich die Menschen vor Sturmfluten durch Deichbau. In den Tropen kommt aber auch zum Beispiel das Aufforsten von Mangrovenwäldern infrage, mit dem sich Überschwemmungen verhindern lassen“, sagt Hinkel.

Details aus dem Bericht darf der Forscher vorab nicht verraten. Ohnehin wird auch Hinkel erst diesen Dienstag den genauen Wortlaut der einzelnen Kapitel kennen. Denn der wird zurzeit verhandelt. Schließlich wurde der Sonderbericht von den 195 Regierungen der IPCC-Mitgliedsländer in Auftrag gegeben und sie alle haben Mitspracherecht.

Zähe Verhandlungen

Dabei stünden nicht die wissenschaftlichen Fakten zur Debatte, sondern es gehe um politische Aspekte bei der Wortwahl und den Formulierungen, betont Hinkel. „Wenn im Text zum Beispiel Städte genannt werden, die mit Blick auf den steigenden Meeresspiegel besonders vulnerabel sind, dann kann es vorkommen, dass kleine Inselstaaten aus dem Pazifik darauf bestehen, auch erwähnt zu werden.“

Jedes Land hat die Möglichkeit, Kommentare und Wünsche einzubringen. Deshalb dauert die Verhandlung des Entwurfs auch so lange. „Das Dokument wird per Beamer an die Leinwand des Saals projiziert und dann geht es Satz für Satz. Wenn ein Land einen Änderungswunsch hat, beraten sich die Autoren kurz, machen einen Vorschlag wie der Satz geändert oder ergänzt werden könnte und dann muss die Änderung einstimmig angenommen werden“, berichtet der Forscher.

Das klingt nach einem Vorhaben, das sich endlos hinzieht. Aber für gewöhnlich kommt ein Konsens zustande. „Die Vertreter der einzelnen Regierungen sind zumeist sehr erfahrene Diplomaten – etwa von Umweltministerien oder Umweltämtern. Und es gibt im Vorfeld schon zwei Runden, in denen Kommentare abgegeben werden“, sagt Hinkel.

Beschleunigt sich der Anstieg des Meeresspiegels?

Viel Beachtung wird am Mittwoch vermutlich der Sachstand zum Ausmaß des Meeresspiegels finden. Auch zu diesem Aspekt darf Hinkel vorab nichts sagen. Aber schon die Zahlen aus dem 2014/2015 vorgestellten allgemeinen fünften Sachstandsbericht des IPCC sind besorgniserregend: Demnach steigen die Ozeane derzeit im globalen Mittel um rund drei Millimeter pro Jahr und damit 30 Zentimeter in hundert Jahren. Doch der Anstieg beschleunigt sich. Das zeichnete sich bereits im letzten IPCC-Bericht ab. Damals wurde unter der Annahme, dass die Menschheit weiter wie bisher viel CO2 in die Atmosphäre entlässt, die Wahrscheinlichkeit, dass der Meeresspiegel bis 2100 um 0, 5 bis 1 Meter ansteigt, mit 66 Prozent beziffert.

Nun ist also die Frage, ob sich die Situation verschärft hat. „Es gibt seit dem fünften Sachstandsbericht viele neue Forschungserkenntnisse zur Antarktis. Dort gibt es instabile Gletscher, bei denen eine große Unsicherheit darüber herrschte, unter welchen Bedingungen sie abtauen“, erläutert Hinkel. Fest steht, dass die Antarktis ein wichtiger Faktor ist. „Wenn dort mehr Eis taut als bisher angenommen, wird sich der Anstieg des Meeresspiegels sehr stark beschleunigen“, sagt Hinkel.

Im Vergleich zur vorindustriellen Zeit liegt der Level der Ozeane bereits um 20 Zentimeter höher. „Das macht sich am meisten dort bemerkbar, wo es wenig Gezeiten gibt – also in den Tropen“, berichtet Hinkel. Die Malediven zum Beispiel liegen im Schnitt 1,5 Meter über Normalnull. „Dort hat man mit drei bis vier Meter hohen Wellen zu kämpfen, die auf die den Inseln vorgelagerten Korallenriffe prallen“, berichtet Hinkel. „50 Zentimeter Meeresspiegelanstieg, zusammen mit dem erwarteten Absterben von schützenden Korallenriffen stellen eine existenzielle Bedrohung für viele Atoll-Inseln dar, die nicht das Geld haben sich zu schützen“, ergänzt er.

Mehr Schutz für die Ostseeküste

Selbst bei einem Anstieg von einem Meter oder mehr bis 2100 seien die deutschen Küstenlinien weitgehend zu sichern. „An der Nordsee gibt es bis zu acht Meter hohe Deiche, die müssten erhöht werden, was technische Herausforderungen mit sich bringt. Aber dann ist man dort gerüstet für die nächsten hundert Jahre“, sagt Hinkel. Handlungsbedarf gebe es auch an der Ostseeküste, die größtenteils bislang nicht geschützt ist. „Dort wird man neue Deiche bauen, vorhandene Deiche erhöhen und zunehmend in Sandvorspülungen investieren müssen, mit denen die Dünen gesichert werden.“ Fraglich sei allerdings, ob alle Agrarflächen in Küstennähe erhalten bleiben können.

In Deutschland wäre also auch ein beschleunigter Anstieg des Meeresspiegels zu managen. „Global sind die Risiken aber sehr ungleich verteilt“, sagt Hinkel. Kleine Atoll-Inseln wie die Malediven zum Beispiel seien besonders stark in Gefahr und hätten zugleich oft nicht die wirtschaftliche Kraft, Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Jakarta sinkt

Auch Metropolen am Meer wie Jakarta, Manila, Bangkok und Shanghai seien besonders gefährdet. „Sie alle sind an Fluss-Deltas gelegen, deren Sedimente hauptsächlich durch Förderung von Trinkwasser kompakter werden. Deshalb sinken sie derzeit ohnehin unter den Meeresspiegel“, berichtet der Forscher. Besonders rasch schreite dieser Prozess zum Beispiel im indonesischen Jakarta voran – und die Regierung habe noch keine Lösung für das Problem gefunden.

Global gesehen könne es sehr unangenehm werden, wenn sich die Erde weiter wie bisher erwärmt, warnt der Berliner Forscher. Es sei nötig, die Treibhausgasemissionen stark zu reduzieren. „Mir ist klar, dass es schwer ist, ein Energiesystem umzubauen“, sagt er. Aber es bleibe nicht mehr viel Zeit. Die soziale Bewegung, die im vergangenen Jahr rund um den Klimaschutz entstanden ist, lässt ihn hoffen, dass wir die Kurve doch noch kriegen.