Angeblich geht uns der Tod nichts an. „Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr“, sagte Epikur. Doch gerade das Nicht-Fassbare bewegt Menschen, über den Tod zu reden. Der in München lehrende Professor für Soziologie, Armin Nassehi, hat gemeinsam mit der Soziologin Irmhild Saake ungefähr 160 Interviews mit Menschen jedes Alters zu Todesvorstellungen geführt. Über seine Erfahrungen spricht er an diesem Dienstag (13. Mai) im Rahmen einer öffentlichen Vorlesungsreihe an der Freien Universität (FU) Berlin.

Professor Nassehi, Ihr Vortrag heißt „Paradoxien der Todeskommunikation“. Was verbirgt sich dahinter?

Zweierlei. Zum einen ist es paradox, über den Tod überhaupt zu sprechen. Denn nur derjenige, der nicht tot ist, kann den Satz sagen: Ich bin tot. Der Tod selbst ist nicht erfahrbar. Die zweite Paradoxie ist, dass sich Gesellschaften zum Teil komplizierte Denkgebäude, Erzählungen oder Weltbilder ausgedacht haben, um das Transzendente des Todes, also das nicht Erfahrbare zu erfassen. Das funktioniert aber nur über die Sprache. Man denke an die Religionen. Gerade, weil der Tod nicht erfahrbar ist, muss er ganz besonders geschwätzig werden.

Sie haben mit vielen Menschen Interviews über den Tod geführt. Haben Sie erwartet, dass so viel darüber gesprochen wird?

Ja, aber wir haben nicht gedacht, dass die Leute so bereitwillig darüber sprechen. Menschen aller Altersstufen oder Schichten konnten sich dazu verhalten, etwas zu ihrer eigenen Endlichkeit zu sagen. Dabei ist aber noch ganz wichtig zu sagen, dass es nicht um das Sterben ging, sondern um den Tod als Horizont der Endlichkeit des Lebens.

Hat das intensive Reden etwas mit der Religion zu tun? Reden Gläubige mehr über den Tod?

Wir haben in unseren Interviews nicht gefragt, ob Menschen gläubig sind oder nicht, ob sie diese oder jene Vorstellungen haben. Uns hat eher interessiert, wie sie mit dieser merkwürdigen Begrenzung ihres eigenen Lebens erzählerisch umgehen. Und da haben alle geredet, ohne Ausnahme.

Dabei fanden Sie drei grundlegende Erzählertypen: den Unsterblichen, den Todesexperten und den Todesforscher. Was unterscheidet diese?

Zunächst einmal: Es handelt sich nicht um einzelne Menschen, sondern um Typen. Die wir die Unsterblichen nennen, sind Leute, die in ihrem Alltag gewissermaßen den Tod gar nicht thematisieren müssen, weil sie permanent mit sich selber beschäftigt sind. Das sind oft chronisch Kranke, die sich jeden Tag medizinisch überwachen und behandeln müssen. Die an sich selbst erleben: Ach, heute geht’s wieder ein bisschen besser als gestern. Die müssen gar nicht über die Endlichkeit nachdenken, weil das Thema in eine Art Ritual integriert wird. Das gilt übrigens auch oft für Menschen, die rituell religiös sind, also jeden Tag die gleichen religiösen Handlungen vollziehen.

Ist das nicht Todesverdrängung?

Ich denke nicht, weil man ja gar nichts gegen den Tod macht, sondern ihn ins Leben integriert hat.

Was machen die Todesexperten?

Diese wissen theoretisch genau Bescheid, wie es sich mit dem Tod verhält. Interessanterweise gehören dazu sowohl die reflektiert Religiösen, die exakt wissen, dass man aus der Heiligen Schrift ableiten kann, was nach dem Tod passiert, als auch die Atheisten, die genau sagen können, dass das Leben mit dem Tod zu Ende ist. Unter den Todesexperten sind Leute, die sagen: „Ich werde natürlich von Engeln begleitet. Gar keine Frage.“ Oder die glauben, UFOs bringen einen nach dem Tod zum Weiterleben auf ferne Planeten.

Wohin gehören Menschen, die Nahtoderfahrungen gemacht haben?

Darunter gibt es auch Todesexperten, die genau sagen können, wie es sich beim Übertritt in die andere Welt verhält. Aber man findet unter ihnen auch Todesforscher, die alles Mögliche zu interpretieren versuchen. Die sagen zum Beispiel: Ich habe bei meiner Nahtoderfahrung ein Déjà-vu-Erlebnis gehabt. Das ist womöglich ein Hinweis darauf, dass ich früher einmal als Caprifischer gelebt habe. Man hat ja immer als was Schönes oder Besonderes gelebt, nie als etwas Unangenehmes.

Was erleben Sie noch bei den Todesforschern?

Unter ihnen gibt es viele Esoteriker, die letztlich in der Lage sind, in allem ein Zeichen zu entdecken, überall eine Bedeutung zu sehen, in jedem Selbsterleben, in jeder Naturerscheinung, in jedem Zufall. Da ist mitunter die Grenze zum Pathologischen recht fließend. Es gibt unter den Todesforschern auch die Intellektuellen, die sagen: Wir wissen genau, dass wir nichts genau wissen, und machen daraus eine komplizierte Philosophie. Intellektuelle Todesexperten wiederum würden fragen: Was wäre denn die Welt ohne die Endlichkeit des Menschen?

Würden Sie sich selbst unter einen dieser Typen einordnen?

Das ist eine schwierige Frage. Ich wäre wahrscheinlich jemand, der für eine religiöse Ästhetik sehr empfänglich ist, weil darin die Paradoxie des Sagens des Nicht-Sagbaren gut zum Ausdruck kommt. Aber ich würde keine Sicherheiten formulieren. Wahrscheinlich hätte meine Kollegin Irmhild Saake mich eher als Todesforscher denn als Todesexperten typisiert.

Offenbar gibt es einen Widerspruch zwischen dem individuellen Drang, über den Tod zu reden, und dem, wie er sich in der Gesellschaft widerspiegelt. In Lehrplänen an der Schule findet der Tod nur am Rande statt.

In der Tat. Was unsere moderne Kultur nicht mehr kennt, ist tatsächlich so etwas wie ein kollektiv geteiltes Bild des Todes. Wahrscheinlich beschäftigen wir uns deshalb auch so sehr damit, richtig oder gut zu sterben. Man könnte es auf die Formel bringen: In früheren Gesellschaften ging es eher um das postmortale Schicksal, also das, was „danach“ passiert. Heute geht es hauptsächlich darum, angemessen, also schmerzfrei und mit guter Lebensbilanz, zu sterben. Man kann aber nicht sagen, dass das Thema der Endlichkeit aus der modernen Welt verschwunden ist. Schauen Sie sich einen gediegenen Fernsehabend an. Der kommt nicht ohne die Produktion von Toten und nicht ohne die Drohung mit dem Tod aus.

Aber gerade beim Fernsehen denkt man kaum über die eigene Endlichkeit nach. Hier ist der Tod doch abstrakt und betrifft andere.

Das stimmt schon. Und es ist interessant, dass auch in religiösen Praktiken der Umgang mit dem Tod so stark ritualisiert werden kann, dass er mit dem eigenen Schicksal kaum noch etwas zu tun haben muss. Denken Sie an das „Memento mori“ aus dem Mittelalter. Stellen Sie sich vor, wir würden, wenn wir andere treffen, nicht „Guten Tag“ sagen, sondern „Gedenke des Todes“. Dann würden wir spätestens nach drei Wochen gar nicht mehr wissen, was wir da sagen. So wie in der lateinischen Messe von „Hoc est corpus“, also dem Verweis auf den Leib Jesu Christi, für die Gläubigen nur noch „Hokuspokus“ übriggeblieben ist, schon weil sie das Lateinische gar nicht verstanden haben.

Das Gespräch führte Torsten Harmsen