Wissenschaftler kritisieren die flächendeckende Sprachstandserhebung – so die offizielle Bezeichnung – von Vorschulkindern. Das Ziel dieser Sprachtests ist es, möglichst früh Defizite beim Umgang mit der deutschen Sprache zu erkennen – und Fördermaßnahmen einzuleiten. Ein Auslöser dafür war die Pisa-Studie, die gezeigt hatte, dass ein viel zu großer Teil der deutschen 15-Jährigen Probleme mit der Sprache hat, was sich auf alle Schulfächer auswirkt. Betroffen sind davon überdurchschnittlich viele Kinder aus Migrantenfamilien.

„Deutsch und Zähne schlecht“

Doch die daraufhin eingeführten Sprachstandserhebungen seien viel zu schnell und kurz, um wirksam zu sein. Dies behaupten zwei Sprachwissenschaftlerinnen. Eine von ihnen, Rosemarie Tracy, lehrt anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Mannheim. Die 62-Jährige forscht auf den Gebieten Spracherwerb und Mehrsprachigkeit. Gemeinsam mit ihrer Frankfurter Kollegin Petra Schulz entwickelte sie ein Verfahren zur Sprachstandserhebung für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen.

Die Testbearbeitung dauert zwischen 20 und 30 Minuten, die Auswertung durch Fachleute wie Linguisten, Pädagogen oder Ärzte eine halbe Stunde. Die Kosten pro Test betragen 448 Euro. Zum Vergleich: Ein in Bayern beim Schuleintritt angewendeter Test kostet 13,50 Euro. „Ob jemand Fahrrad fahren kann, das sehen Sie“, sagt Tracy, „bei Sprache ist das nicht möglich.“ Denn Sprache sei ein solch komplexes System, dass ein Screeningverfahren, wie es beispielsweise in Berlin, Bayern und Niedersachsen angewendet wird, nicht ausreiche. Auch die meisten anderen Bundesländer verwenden ähnliche Verfahren.

Kompetenz ist nicht in fünf Minuten zu erfassen

Die tatsächliche Sprachkompetenz eines Kindes, bestehend aus Wortschatz, Grammatik und Phonologie, sei in fünf bis zehn Minuten nicht erfassbar, sagt Rosemarie Tracy. „Es gibt keine Normtabelle“, ergänzt Petra Schulz. Die Forscherinnen fordern von den Ländern vor allem mehr Personal. Das gegenwärtige Screening bezeichnet Petra Schulz als Aktionismus. Es erwecke den Eindruck, alles sei gut. Dabei werde lediglich der Ist-Zustand abgebildet und fehlerhaft gemessen. Nach der Veröffentlichung der Testergebnisse stehe dann in der Zeitung: „Deutsch und Zähne schlecht“.

Über diese unreflektierte Entwicklung und wie man Kinder mit Sprachproblemen besser unterstützen könnte, diskutierte bis Freitag die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft bei ihrer 34. Jahrestagung an der Frankfurter Goethe Universität.

Unterstützung erhalten die Sprachwissenschaftlerinnen unter anderem vom Frankfurter Entwicklungspsychologen Marcus Hasselhorn, der sich intensiv mit den gängigen Tests beschäftigt. „Aufgrund der Kurztests weiß ich nicht, welche Kinder nur durch geschickte Fortbildung in Kleingruppen gefördert werden können und welche eine sprachtherapeutische Förderung benötigen“, sagt der Bildungsleiter des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung. Hasselhorn schätzt, dass von den etwa 20 Prozent der Kindergartenkinder, die über keinen ausreichenden Bildungsstand verfügten, mindestens ein Drittel therapiert werden müsste. Bei den Sprachstandserhebungen müsse unbedingt beachtet werden, welcher Gruppe die Kinder mit Sprachproblemen angehörten. Hasselhorn unterscheidet zwischen Kindern, die in zwei sprachlichen Umfeldern aufwachsen und Kindern, deren sprachliches Umfeld sehr schwach ist.

Keine Angst vor Extragruppen

Die Idee, mit den Sprachtests objektive Daten sammeln zu wollen, sei richtig, sagt der Psychologe. Doch er sieht noch ein weiteres Problem bei den Förderbemühungen der Bundesländern. Diese testeten nämlich nicht nur „möglichst zeitökonomisch“, wie es in der Erläuterung zum Berliner Screeningverfahren heißt, sondern verfassten auch Leitlinien für frühkindliche Bildung, die den Pädagogen in den Kitas zur Verfügung gestellt werden. Hier herrsche allerdings die Meinung vor, die spezielle Förderung einiger weniger widerspreche dem Inklusionsgedanken. „Die Wahrnehmung ist, dass alles böse ist, was separiert“, sagt Hasselhorn. Er sieht aber keine Alternative zur kompensatorischen Förderung.

Die Sprachwissenschaftlerin Tracy fordert mehr Zeit für Gespräche. „Es geht nicht um eine permanente Trennung.“ Aber die Erzieher sollten die Angst vor Extragruppen ablegen und förderungsbedürftige Kinder getrennt fördern. Kinder würden am besten von guten Vorbildern lernen. Deshalb lehnt Tracy auch den Vorschlag ab, dass fremdsprachige Eltern zu Hause Deutsch sprechen sollten, besonders, wenn sie die Sprache erst lernen müssten. „Kindern sollten von Menschen lernen, die es können“, sagt Tracy.