Ein ambitioniertes Projekt dümpelt dahin. Das Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG) wurde 2013 gegründet, um Spitzenforscher nach Berlin zu holen und um Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in die klinische Praxis zu überführen. Zu diesem Zweck kooperieren das aus Bundesmitteln finanzierte Max-Delbrück-Centrum (MDC) für Molekulare Medizin und die landeseigene Charité. Mehr als 300 Millionen Euro flossen in den ersten fünf Jahren. Doch so richtig geht es nicht voran. Die Struktur sei zu kompliziert, sagt der Berliner Wissenschafts-Staatssekretär Steffen Krach. Nun soll korrigiert werden, damit das BIG ein Erfolg wird.

Herr Krach, das Berliner Institut für Gesundheitsforschung wurde 2013 gegründet. Das Land Berlin hat bereits fast 30 Millionen Euro in dieses Vorzeigeprojekt investiert, der Bund sogar bald 280 Millionen. Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung?

Wir sind nicht völlig zufrieden. Der Aufbau ist nicht reibungslos verlaufen. Aber wir müssen das differenziert betrachten. Das BIG hat einige Erfolge aufzuweisen. Vor allem in den letzten eineinhalb Jahren – mit Berufungen von Spitzenforscherinnen und -forschern und der Planung eigener Gebäude für das BIG, deren Bau nun beginnt. Auch der gemeinsame Technologietransfer läuft bereits erfolgreich.

Es sieht eher so aus, als liefe so einiges schief. Vor einem Jahr quittierte der wissenschaftliche Vorstand Erwin Böttinger den Dienst, nun geht auch der administrative Vorstand Rolf Zettl. Außerdem hinkt das BIG mit den Berufungen hinterher. Von den vier Schlüsselposten, den Chairs, sind erst zwei besetzt. Was ist das Problem?

Die Führungsstruktur ist sehr komplex und verbesserungswürdig. Das müssen wir jetzt ändern. Darin sind sich Bund und Land einig, die ja gemeinsam den Aufsichtsrat des BIG führen.

Charité und Max-Delbrück-Centrum sind so etwas wie Töchter des vergleichsweise kleinen BIG. Bereitet dieses Ungleichgewicht Schwierigkeiten?

Es war vor allem nicht zielführend, dass im Vorstand des BIG die Einrichtungen Charité und MDC mit ihren Vorstandsvorsitzenden vertreten sind, die Charité zusätzlich auch mit dem Dekan. Diese Zusammensetzung führt zwangsläufig zu Interessenkonflikten – ein Fehler, den wir jetzt korrigieren werden. Damit haben wir die Chance für eine echte Erneuerung. Sobald die neue Struktur steht, werden wir die notwendigen Personalentscheidungen treffen. Dadurch wird das BIG noch attraktiver und ich bin mir sicher, dass wir Topleute für die noch offenen Positionen gewinnen werden.

Wie soll sich die Struktur ändern?

Wir verfolgen das Modell der engen Verzahnung zwischen Charité und BIG. Der Aufsichtsrat hat Mitte Juni Bund und Land beauftragt für dieses Modell einen konkreten Vorschlag auszuarbeiten und zur kommenden Aufsichtsratssitzung im November vorzulegen. Alternativ wird zugleich eine Variante geprüft, in der das BIG mehr Eigenständigkeit erhält. Bund und Land werden dazu in den nächsten Wochen also intensive Gespräche führen.

Sie bevorzugen die sogenannte Vollintegration des BIG in die Charité?

Wie wir das am Ende nennen, ist für mich nicht die entscheidende Frage. Entscheidend ist für mich die enge Zusammenarbeit zwischen BIG und Charité. Das ist die Voraussetzung, um die inhaltlichen Ziele des BIG zu erreichen. Denn für die Vorhaben des BIG ist der Zugang zu großen Patientenzahlen notwendig – und dafür brauchen wir die Charité.

Unser Vorschlag ist, das BIG neben Forschung und Lehre sowie Krankenversorgung als eine weitere, eigenständige Säule in der Charité fest zu verankern. So erreichen wir, dass Patientinnen und Patienten schnell von wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Medizin profitieren können und ihnen die bestmöglichen Heilungschancen geboten werden. Dafür machen wir das schließlich – für eine erstklassige Gesundheitsversorgung der Menschen.

Vonseiten des Bundes gibt es offenbar Bedenken. Schließlich würden dann Bundesmittel an ein landeseigenes Universitätsklinikum fließen. Das ist zwar seit einer Grundgesetzänderung im Jahr 2014 möglich, trotzdem aber noch Neuland.

Ich habe absolutes Verständnis dafür, dass der Bund ganz genau wissen will, was mit seinem Geld passiert. Daher sichern wir dem Bund zu, dass es eine maximal große Eigenständigkeit des BIG innerhalb der Charité geben wird – etwa mit getrennten Finanz- und Wirtschaftsplänen. Die Führung des BIG wäre in der Lage, unabhängig über die Verteilung der BIG-Gelder zu entscheiden, nicht der Dekan der Charité. Wir gehen sogar einen Schritt weiter und bieten dem Bund einen Platz im Aufsichtsrat der Charité an. So gewährleisten wir insgesamt die notwendige Transparenz und räumen Zweifel aus, Bundesmittel könnten in dem großen Universitätsklinikum für andere Zwecke eingesetzt werden.

Warum lässt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek trotzdem den Weg zu einem eigenständigen Institut prüfen?

Alternativen zu prüfen, ist immer sinnvoll. Wenn der eine Weg nicht umsetzbar ist, dann brauchen wir einen anderen. Das Land Berlin wirbt aber auf jeden Fall für die enge Verzahnung. Ich glaube, dass wir dafür richtig gute Argumente haben. In Berlin haben wir im Gesundheitsbereich mit der Charité und vielen weiteren Einrichtungen ein bundesweit einmaliges Umfeld. Ich bin mir sicher, dass die damit verbundenen Möglichkeiten auch für die Zielsetzung des Bundes sehr attraktiv sind.

Es sieht allerdings so aus, als bliebe das MDC auf der Strecke.

Das MDC ist eine international anerkannte Top-Wissenschaftseinrichtung. Es wäre in der neuen Struktur auch weiterhin eingebunden. Wie das genau ausgestaltet wird – ob als privilegierter Partner oder als Partner mit anderen Grundlagenforschungseinrichtungen – werden die Verhandlungen zeigen.

Offenbar favorisiert der Wissenschaftliche Beirat des BIG die komplette Eigenständigkeit. Er scheint zu fürchten, dass die Grundlagenforschung sonst zu kurz kommt. Sollten Sie nicht mehr auf die Wissenschaftler hören?

Wir beachten natürlich auch die Hinweise des Wissenschaftlichen Beirats. Wir werden sicherlich eine Lösung finden, bei der die Grundlagenforschung in angemessener Form integriert und involviert ist.

Wenn es beim Plan der Vollintegration bleibt, müssen der Bund und sämtliche Länder in der gemeinsamen Wissenschaftskonferenz zustimmen. Wie gut sind die Chancen?

Wir würden dafür zusammen mit dem Bund werben, und ich bin optimistisch, dass es klappt. Denn auch die anderen Bundesländer profitieren, wenn dieses Projekt gelingt. Es könnte ähnliche Projekte in anderen Ländern geben. Und wenn wir in Berlin deutliche Fortschritte im Gesundheitsbereich machen, strahlt das auch auf andere Regionen aus und eröffnet Kooperationsmöglichkeiten.

Ein weitere r Makel ist der geringe Bekanntheitsgrad der Marke BIG. Wie wäre es, konsequent den international verständlichen Namen Berlin Institute of Health (BIH) zu verwenden, anstatt zwischen BIG und BIH zu wechseln?

Die entscheidende Marke im Gesundheitsbereich ist die Charité. Sie steht weltweit für hervorragende Krankenversorgung und wissenschaftliche Exzellenz. Ich setze voll auf die Marke Charité.

Würden Sie die Namen BIG und BIH also tilgen?

Nein, das nicht. Der Bund hat natürlich auch Interesse an einer Sichtbarkeit des Bereiches, den er fördert. Aber wie auch immer wir die Einrichtung nennen: Sie kann und sie wird von der Marke Charité profitieren. Es lässt sich eben nicht innerhalb von drei oder vier Jahren ein neuer Name etablieren, der mal kurz 300 Jahre Tradition aufholt.

Im November könnte sich also die neue Struktur des BIG entscheiden. Bekommt das Institut dann endlich eine neue Leitung?

Ich würde mich freuen, wenn es in diesem Jahr zu einer eindeutigen Strukturentscheidung kommt. Dann können wir so schnell wie möglich die Personalentscheidungen treffen und richtig durchstarten.

Was ist das nächste Leuchtturm-Projekt von Bund und Land?

Unser Verbundantrag für die Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder, den die drei großen Berliner Universitäten gemeinsam mit der Charité einreichen werden. Die finale Entscheidung dafür fällt im Juli 2019. Der Verbundantrag ist für uns als Land Berlin von großer Bedeutung. Wir tun alles dafür, ihn zu unterstützen und zum Erfolg zu führen. Für den Standort Berlin wäre das eine sensationelle Weiterentwicklung. Noch vor 10 oder 15 Jahren wäre ein solches Zusammenspiel undenkbar gewesen. Dass die Universitäten nun auf diese Weise kooperieren, ist wunderbar.