Vor großen Fragen hatte Stephen Hawking keine Angst. Er brauchte sie, um sich zu motivieren. Er ist ihnen bei seinen Forschungen zu Schwarzen Löchern und zum Anfang unseres Universums begegnet. Er hat sie selbst formuliert – und sie wurden ihm von anderen gestellt.

Denn natürlich ist von Interesse, was der wohl berühmteste Naturwissenschaftler der Gegenwart zur Zukunft der Menschheit zu sagen hat oder zur Frage nach der Existenz Gottes. Zumal Hawking sich ausgiebig mit dem Universum und dessen Vergangenheit befasst hat sowie mit den physikalischen Anfängen von allem.

Glauben an Wissenschaft und Technik

Am Mittwoch wird in Berlin sein letztes Buch „Kurze Antworten auf große Fragen“ präsentiert. Es gilt als sein Vermächtnis. Als Stephen Hawking im März dieses Jahres starb, hat er, so schreibt es der Herausgeber, bereits an einem Buch zu großen Fragen gearbeitet. Das Werk wurde posthum fertiggestellt – gespeist aus seinem umfangreichen persönlichen Archiv mit seinen Antworten in Form von Reden, Interviews, Essays, Entgegnungen und Stellungnahmen.

Seine Einleitung „Warum wir die großen Fragen stellen müssen?“ ist gespickt mit humorvollen Anekdoten aus seinem (Forscher-)Leben. Der Physiker erzählt auch davon, wie die muskellähmende Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) in sein Leben trat und es mehr und mehr veränderte, nicht nur im Alltäglichen, sondern auch im Denken. So scheint die Tatsache, dass er zunehmend von technischer Hilfestellung abhängig war, die ihm sogar eine neue, eigene Stimme verlieh, als er selbst nicht mehr sprechen konnte, nicht unwesentlich zu sein für seinen unerschütterlichen Glauben an die Macht von Wissenschaft und Technik.

Gott und Naturgesetze

Diese rationale Sicht der Dinge spiegelt sich gleich im ersten Kapitel zur Frage „Gibt es einen Gott?“. Immer öfter beantworte die Naturwissenschaft Fragen, die einst in die Zuständigkeit der Religion fielen, schreibt Hawking. Auf Fragen zum Zweck unseres Dasein und unserer Herkunft liefere die Naturwissenschaft heute bessere und schlüssigere Antworten. „Aber es wird immer Menschen geben, die sich an die Religion klammern, weil sie Trost spendet und weil sie der Wissenschaft nicht trauen oder sie nicht verstehen“, heißt es in seinem Buch.

Hawking versichert, dass er nichts gegen einen Gott habe und man ihn vielleicht als Verkörperung der Naturgesetze verstehen könne. Jedenfalls aber nicht als ein menschenähnliches Wesen, mit dem man eine persönliche Beziehung unterhalten könne. Denn dazu sei das menschliche Leben im Universum zu unbedeutend und zufällig.

Ursprung des Universums

Der letzte Bereich, in dem die Idee von einem Gott der Idee der Kraft von Naturgesetzen noch überlegen zu sein scheint, ist der Ursprung des Universums. Denn wie der sich genau zugetragen hat und wodurch er ausgelöst wurde, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt. Nach jahrzehntelanger Forschung weiß man heute: Alles wurde im Urknall spontan erzeugt.

Aber wie können sich Raum und Energie aus dem Nichts materialisieren? Indem zu gleichen Teilen positive und negative Energie entsteht, sagt Hawking. Dass das möglich ist, erlaubten die Gesetze der Quantenmechanik. Einen Gott brauche man dafür nicht. Zumal es vor dem Urknall keine Zeit gab. Und ohne Zeit könne auch kein Schöpfer existieren.

Die Reise zum Ursprung des Universums setzt Hawking im Kapitel „Wie hat alles angefangen?“ fort. Dabei erzählt er von seiner eigenen und aktuellen Forschungen und bettet sie ein in andere Schöpfungsgeschichten und das, was berühmte Wissenschaftler von Aristoteles über Kant bis zu Einstein und Feynman dazu dachten und herausgefunden haben.

Zwischen Optimismus und Pessimismus

Mit der Frage „Wird uns künstliche Intelligenz überflügeln?“ berührt Hawking ein aktuelles Thema, das ihn selbst in den letzten Jahren umgetrieben hat. Seine Antwort lautet: Ja, und zwar in den kommenden 100 Jahren. Denn Computer könnten im Prinzip menschliche Intelligenz nachahmen oder sie sogar verbessern. Dabei könnten sie sich als sehr nützlich erweisen – das Leben erleichtern, Menschen und Technik verbinden, Krankheiten wie ALS heilen.

Allerdings mahnt Hawking bei aller Euphorie zu großer Vorsicht. Denn er ist überzeugt, dass Computer auch lernen, sich selbst zu verbessern – bis sie den Menschen überflügeln. „Die erfolgreiche Hervorbringung künstlicher Intelligenz wäre das größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Fatalerweise könnte es auch das letzte … werden, außer wir lernen, Risiken zu vermeiden“, schreibt er. Und das bedeute, die Kontrolle über die Systeme zu behalten.

Mehrfach im Buch erklärt Hawking, ein Optimist zu sein. Hinsichtlich der Frage „Werden wir auf der Erde überleben?“ entpuppt er sich jedoch als veritabler Pessimist. Insbesondere die wachsende politische Instabilität auf der Welt war für Hawking Anlass, als Wissenschaftler und Weltbürger mahnend die Stimme zu erheben. Denn die Bedrohungen für Erde und Menschheit sind vielfältig – insbesondere durch Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Atomwaffen und einen Meteoriteneinschlag.

Ein Durcheinander an Argumentationsschnipseln

Obwohl er überzeugt ist, dass technologisch viel möglich ist, glaubt Hawking nicht an eine Zukunft der Menschen auf der Erde. Stattdessen müssten sie in neue Welten außerhalb ihrer eigenen aufbrechen und den Weltraum erobern. „Wir riskieren, ausgelöscht zu werden, sollten wir bleiben“, schreibt er.

Leider entpuppt sich dieses Kapitel im weiteren Verlauf als ziemliches Durcheinander an Argumentations- und Informationsschnipseln, in denen die Quantenmechanik ebenso wie geschlossene Partikelschleifen und die ultimative Weltformel herumgeistern, ohne dass so recht klar wird, welchen Bezug das zur gestellten Frage hat. Diese Kritik muss sich das Buch auch sonst gefallen lassen – vor allem in den Kapiteln, in denen sich Hawking (oder die Herausgeber) Fragen widmen, die nicht direkt mit seiner naturwissenschaftlichen Forschung zu tun haben.

Erfülltes Forscherleben

Insgesamt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Werk etwas eilig zusammengestellt wurde. Und man merkt ihm an, dass die großen Fragen nicht aus einem Guss beantwortet werden. Bisweilen gibt es auch recht wenig oder recht wenig originelle Antwort auf die gestellten Fragen. Das mag auch daran liegen, dass die Fragen zum Teil eher philosophischer Natur sind und Hawking sie vornehmlich aus der Sicht des Naturwissenschaftlers zu beantworten sucht.

Trotzdem lohnt sich die Lektüre. Gut dargestellt ist etwa, wie sich Wissenschaft entwickelt, wie Forschende mit der Kraft ihrer Gedanken und mit Hilfe von Experimenten um Antworten auf große wissenschaftliche Fragen ringen. Und wie Ideen entstehen, diskutiert und wieder verworfen werden. Darüber hinaus ist es berührend zu lesen, wie dankbar Hawking für sein erfülltes Forscherleben ist.

Mit Technologie in die Zukunft

„Unsere mächtigste Eigenschaft ist nach wie vor die Fantasie“, sagt Hawking im zehnten und letzten Kapitel, in dem es um die Gestaltung unserer Zukunft geht. Es überrascht nicht, dass für den Physiker die freie Entfaltung der Wissenschaft und die kontrollierte Entwicklung von Technologie für die Gestaltung der Zukunft eine Schlüsselrolle spielen.

Hawkings tiefer Glaube an die Kraft von Forschung und Technologie bei der Gestaltung der Zukunft beeindruckt – wenn auch nicht durchweg im positiven Sinne. Sein darin begründeter Appell, den nachfolgenden Generationen Bildung und Interesse für Naturwissenschaften zu ermöglichen, ist dagegen uneingeschränkt unterstützenswert. Ebenso wie die Ermunterung, die Welt zu entdecken und Fragen zu stellen.

Stephen Hawking: Kurze Antworten auf große Fragen, Klett Cotta Verlag 2018, 255 Seiten, 20 Euro.