In den ersten Jahren als Lehrerin sah Corinna Müller* kein Licht am Ende des Tunnels. „Das war teilweise ein Horrortrip“, sagt die 58-Jährige heute. Das Studium hatte die Naturwissenschaftlerin auf vieles vorbereitet, aber nicht auf Situationen wie diese: Im Unterricht standen alle Schüler auf und ließen die Berufsanfängerin allein in der Klasse zurück. „Ein Albtraum.“

Heute kann die hessische Pädagogin über das pubertäre Verhalten der Jugendlichen von damals lachen. „Auch ich habe falsch reagiert, bin nicht genug auf die Schüler eingegangen“, reflektiert sie ihr Verhalten. Gelernt hat sie das nicht in der Schule, sondern bei einem Psychiater, bei dem sie und andere Kollegen sich regelmäßig zur Supervision anmeldeten. Dass sie heute souverän ihren Job meistere, habe sie auch diesem „Blick von außen“ zu verdanken, sagt Corinna Müller: „Supervision müsste für alle Pflicht sein im Lehrerberuf.“

Einzelkämpferdasein

Doch während die Reflexion über die eigene Arbeit bei Psychologen, Ärzten oder Sozialpädagogen üblich oder verpflichtend ist, gibt es bei den Lehrern nichts Vergleichbares. Im Fokus stehen seit einigen Jahren allenfalls die Schulleitungen. An den Schulen dominiert immer noch das Bild des souveränen Wissensvermittlers, der keine fremde Hilfe braucht.

Auch die Strukturen sind auf ein Einzelkämpferdasein angelegt. „Die Vorbehalte sind groß“, sagt Josef Grubmüller, Supervisor in Frankfurt am Main. Er begleitet unter anderem Referendare. Viele Lehrer hätten, anders als etwa Sozialpädagogen, den Anspruch, „immer komplexere Aufgaben ganz allein zu lösen“.

Experten sehen in der Vereinzelung einen der Hauptgründe dafür, dass Schule viele Lehrer krank macht. Sie leiden laut Studien häufiger als andere Arbeitnehmer unter Beschwerden, die auch bei Depressionen oder Burn-out auftreten. Coaching und Supervision könnten ein probates Mittel sein, um ihre Gesundheit zu schützen. Belege dafür lieferte 2010 eine Freiburger Arbeitsgruppe um den Neurobiologen und Psychotherapeuten Joachim Bauer. Er konnte nachweisen, dass Lehrer, die an einem von medizinischen oder psychologischen Experten geleiteten Coaching teilnahmen, ihre Gesundheit objektiv verbessern konnten. Ziel des Freiburger Coachings war es, Lehrern den Umgang mit schwierigen schulischen Situationen beizubringen.

Bauer und seine Kollegen sind davon überzeugt, dass Lehrer nicht nur ihr Fach beherrschen müssten, sondern „auch die Kunst der Beziehungsgestaltung“. Und das gelingt nicht immer ohne Hilfe von außen. Zwar gibt es zarte Ansätze, Coaching, Supervision oder sogenannte kollegiale Fallberatungen (bei denen Lehrer geschult werden, sich gegenseitig zu unterstützen) in den pädagogischen Alltag oder die Lehrerausbildung zu integrieren. Doch von einem flächendeckenden Angebot kann keine Rede sein. Gleichzeitig gibt es kommerzielle Beratungen aller Art – vom „Seelenflüsterer“ bis zur Burn-out-Behandlung „in sieben Tagen“. Viele Angebote sind schon auf den ersten Blick unseriös.

Theoretisch könnten fundiert ausgebildete Schulpsychologen den Lehrern den Rücken stärken. Doch in vielen Bundesländern sind sie bereits mit der Betreuung der Schüler völlig überlastet. „Wir sind bundesweit unterversorgt“, sagt der Vorsitzende der Sektion Schulpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP), Stefan Drewes. Nach den jüngsten Zahlen müsste ein Schulpsychologe im Bundesdurchschnitt 700 Lehrer betreuen.

Für viele junge Lehrer sei es inzwischen selbstverständlich, ihre Arbeit zu reflektieren, sagt Drewes. Wichtig sei jedoch, dass die Pädagogen sich an „neutrale Stellen“ wenden könnten. Wer einmal professionelle Unterstützung für den Lehreralltag erfahren hat, will meist nicht mehr darauf verzichten.

Nein sagen lernen

„Man wird als Junglehrer total verheizt“, sagt Tanja Weber. Die 34-jährige Berufsschullehrerin sollte bei ihrem Einstieg an sechs verschiedenen Schulen eingesetzt werden. Ihren Frust über allzu forsche Rektoren wurde sie nicht in der Schule, sondern bei einer externen Supervision kurz nach dem Referendariat los. „Ich musste erst lernen, auch gegenüber Vorgesetzen mal Nein zu sagen.“ Heute trifft sie sich regelmäßig mit Kollegen zum Austausch – außerhalb der Schule. Als Einzelkämpferin versteht sie sich schon lange nicht mehr.

*Lehrernamen geändert