„Es ist eine ganz irrige Ansicht, dass das Blut zur Erhaltung des Lebens notwendig ist“, doziert Doktor Sangrado. Der dürre Mann mit eingefallenen Wangen erteilt einem Chirurgen die Anweisung zum Aderlass. Im Halbdunkel liegt der Patient regungslos auf dem Rücken. Der Chirurg legt ihm eine Binde an. Langsam schwellen die Venen am Unterarm an. Einem der hervorgetretenen Gefäße nähert sich der Chirurg mit einer Fiete und öffnet mit dem messerartigen Gegenstand die Vene. Der Patient zuckt, das Blut fließt am Unterarm entlang. „Eine Vene atmen lassen“, heißt die Methode.

Doktor Sangrado ist eine fiktive Figur im Roman „Die Geschichte des Gil Blas von Santillana“ des französischen Schriftstellers Alain-René Lesage (1668-1747), der damals schon den Aderlass satirisch verarbeitete. Im Mittelalter wurden Patienten zur Ader gelassen, um ihnen beispielsweise bei Fieber, Kopfschmerzen oder Lungenentzündungen zu helfen – eine Therapie, die sich als unwirksam herausstellte.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.