Studie des Berlin Instituts: Hohes Alter ist oft ein Privileg der Reichen

Wir werden stetig älter. Um 1900 betrug die globale mittlere Lebenserwartung geschätzte 30 Jahre, heute ist sie bei fast 71 Jahren angelangt. Vergleichbares hat es in der Geschichte der Menschheit nicht gegeben. Kann das so weitergehen? Dieser Frage geht die Studie „Hohes Alter, aber nicht für alle“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung nach, die am Montag vorgestellt wurde.

Klar ist zunächst: Es gab zwar schon immer Einzelne, die ein sehr hohes Alter erreichten. Aber der Durchschnitt wurde bis in die frühe Neuzeit nicht sonderlich alt, weil viele schon in den ersten Lebensjahren an Infektionen oder Hunger starben. Der Rückgang der Kindersterblichkeit – durch hygienische Maßnahmen wie die Sanierung von Kloaken und bessere Ernährung, durch Impfungen und Antibiotika – verlieh der mittleren Lebenserwartung gewaltigen Schub.

Wohlstand, Bildung und medizinische Fortschritte haben von Mitte des 20. Jahrhunderts an dazu geführt, dass Herzkrankheiten, Schlaganfall und Krebs die Infektionen als Haupttodesursache verdrängt haben. Deshalb werden die meisten Menschen heute erst später ernsthaft krank beziehungsweise bleiben immer länger am Leben.

Wie geht es also weiter? Der Anstieg hält an, sagen alle Prognosen für die nächsten 20, 25 Jahre. Die Trends der Vergangenheit sprechen dafür. Betrachtet man etwa nur die in jedem Kalenderjahr höchste erreichte Lebenserwartung weltweit, geht es seit Ende des 19. Jahrhunderts aufwärts. Ganz Optimistische glauben, dass sich dank biomedizinischer und technischer Erfindungen die Alterung künftig aufhalten und der Tod immer weiter hinausschieben lässt.

Obergrenze bei 105 Jahren?

Doch manches spricht auch gegen die ungebrochene Fortsetzung des Trends. Neuere Berechnungen legen nahe, dass bei etwas mehr als 105 Jahren eine biologische Obergrenze erreicht sein könnte. Vielleicht ist der menschliche Körper nicht dafür gemacht, länger zu funktionieren. Hinzu kommt: Die Alterung der Gesellschaft könnte die Gesundheitssysteme an ihre finanziellen Grenzen bringen – was den Anstieg bremsen dürfte.

Vor allem aber gibt es enorme regionale und soziale Unterschiede. Hohes Alter gibt es nicht für alle. Bildung und soziale Lage spielen dabei eine wesentliche Rolle. Wenn sich die Unterschiede nicht verringern, kann dies die weitere Entwicklung der Lebenserwartung dämpfen.

Auch innerhalb Berlins finden sich solche Unterschiede. Im Bezirk Mitte werden männliche Neugeborene im Schnitt 76,1 Jahre alt, in Steglitz-Zehlendorf leben sie 3,3 Jahre länger. In Friedrichshain-Kreuzberg oder Neukölln geborene Mädchen erreichen im Mittel 81,6 Jahre, während sie in Treptow-Köpenick mit 2,2 Jahren mehr Lebenszeit rechnen können. Einer Analyse von 2012 zufolge klafft im bundesweiten Vergleich eine noch größere Lücke: Im gut situierten bayerischen Landkreis Starnberg können neugeborene Jungen im Mittel ein Alter von 81,5 Jahren erreichen, während es im pfälzischen Pirmasens nur 73,4 Jahre sind. Unter den Industrienationen weisen die USA eine besonders krasse Kluft auf: Die Differenz zwischen dem Bezirk (County) mit der niedrigsten und jenem mit der höchsten Lebenserwartung beträgt rund 20 Jahre.

Bei dieser Spaltung geht es nicht allein um Arm und Reich. Viele Studien belegen, dass sich die Unterschiede bei der Lebenserwartung auf den sozioökonomischen Status zurückführen lassen. Neben dem Einkommen, der Erwerbs-, Familien- und Wohnsituation, der gesellschaftlichen Teilhabe und der Lebenszufriedenheit spielt dabei der Bildungsabschluss eine zentrale Rolle. So leben in fast allen Ländern, für die Daten verfügbar sind, Hochschulabsolventen im Durchschnitt zwei bis zwölf Jahre länger als Landsleute, die höchstens eine Grundschule besucht haben. Zwar haben alle Bildungsschichten davon profitiert, dass neue Therapien und Vorbeugungskampagnen die Sterblichkeit für Herz-Kreislauf-Krankheiten massiv gesenkt haben, aber nicht in gleichem Maße. Die Gebildeten hatten stets höhere Zugewinne an Lebenszeit.

Wie kommt das? Menschen mit einem höheren Bildungsabschluss haben leichter Zugang zu dem Wissen darüber, welche Verhaltensweisen der Gesundheit zuträglich sind. Sie sind eher motiviert, dieses Wissen vorbeugend umzusetzen und können damit im Durchschnitt Risikofaktoren besser beherrschen als gering Gebildete. Das lässt sich an der Veränderung der Rauchgewohnheiten in Deutschland zeigen: Seit die Wissenschaft in den 60er-Jahren den Zusammenhang mit Lungenkrebs und krankhaften Veränderungen der Herzkranzgefäße belegen konnte, ist der Tabakkonsum in der Oberschicht deutlich zurückgegangen. Er ist überwiegend zu einem Merkmal wenig Gebildeter, Geringverdienender und sozial Benachteiligter geworden.

Ebenso kommen ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel und krankhaftes Übergewicht in Gruppen mit höherem sozioökonomischem Status seltener vor. Zu einem längeren Leben scheint zudem ein Netzwerk von Angehörigen und Freunden beizutragen, auf die man sich verlassen kann. Auch hier sind besser Gebildete im Vorteil.

Die Auswirkungen der sozialen Spaltung auf die Gesundheit lassen sich auch biologisch begründen. Je niedriger der sozioökonomische Status, desto höher die subjektiv erlebte Stressbelastung. Der Körper reagiert darauf mit der Ausschüttung des Stresshormons Cortisol, was bei akuten Gefahrensituationen schützend wirkt. Hält der Alarmzustand jedoch an, erhöht sich die Insulinausschüttung, Organe werden schlechter durchblutet, der Blutdruck steigt. Das Immunsystem wird gehemmt und Entzündungsprozesse verstetigen sich, die wiederum die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen. Zudem kann chronischer Stress Schlaf, Lernen, Gedächtnis und Aufmerksamkeit beeinträchtigen und das Risiko für Depressionen und andere psychische Störungen erhöhen.

Vermeintliche Stressbewältigungsstrategien wie Rauchen, Alkoholkonsum und übermäßiges Essen verschlimmern diese Wirkungen noch. Forscher haben Hinweise gefunden, dass Faktoren wie Bewegungsmangel, Übergewicht und Rauchen die natürliche Verkürzung der Chromosomen-Schutzkappen, der Telomere, verstärken, was den natürlichen Alterungsprozess beschleunigen und die Entstehung von Krebs begünstigen würde.

Ungesunde Ernährung und Übergewicht erhöhen zudem nicht nur das Risiko für Übergewicht, Diabetes und andere Erkrankungen im späteren Leben. Über epigenetische Veränderungen der Erbsubstanz – also Veränderungen der Genregulation – wirken sie sich noch bei den Nachkommen auf deren Erkrankungsrisiko im mittleren bis hohen Alter aus.

10.000 Schritte und Zuckersteuer

Was folgt daraus? Anstatt über Möglichkeiten zur weiteren Verlängerung der Lebensspanne nachzusinnen, sollten wir uns der Frage stellen, wie sich die bestehenden und teilweise wachsenden Unterschiede bei der Gesundheit und Sterblichkeit von sozialen Gruppen und ganzen Bevölkerungen verringern lassen.

Dazu gehört unter anderem, die Anstrengungen zur Prävention zu verstärken. Auch Maßnahmen wie eine Besteuerung von hochgezuckerten Limonaden, die Eliminierung von herzschädigenden sogenannten Transfettsäuren in industriellen Produkten oder verschärfte Tabakwerbeverbote können einen Beitrag dazu leisten, dass wir immer mehr von der uns zur Verfügung stehenden Lebenszeit bei guter Gesundheit verbringen. Denn darauf kommt es vor allem an. Das Rezept dafür ist eigentlich einfach: Nicht rauchen, täglich 10.000 Schritte gehen, viel Gemüse und Obst essen.

Die Studie „Hohes Alter, aber nicht für alle ist im Internet kostenlos abrufbar: www.berlin-institut.org