Berlin Die Menschheit lebt sehr energieintensiv. Diese Aussage ist nichts Neues. Nun haben sich sich Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern zusammengetan, um die Entwicklung des sogenannten ökologischen Fußabdrucks der Menschheit zu errechnen. Den Forschungsergebnissen zufolge habe die Menschheit seit 1950 mehr Energie verbraucht als in den 12.000 Jahren zuvor, teilt die Freie Universität (FU) Berlin mit, die auch an der Untersuchung beteiligt ist.  Die Studie erschien im Open-Access-Journal „Communications Earth and Environment“, das von „Nature Research“ herausgegeben wird.

Der Energieverbrauch während der letzten 70 Jahre beträgt den Berechnungen des Forschungsteams zufolge etwa 22 Zettajoule (ZJ), so die FU in ihrer Mitteilung. Im Zeitabschnitt vom Ende der letzten Eiszeit vor 11.700 Jahren bis 1950 seien hingegen nur etwa 14,6 Zettajoule verbraucht worden, die Muskelkraft mit eingerechnet. Zum Vergleich: 10,7 Zettajoule entspricht der von der Sonne auf die gesamte Erdoberfläche abgestrahlte Energie pro Tag. Angetrieben worden sei das beträchtliche Wachstum der letzten Jahrzehnte hauptsächlich durch das Verbrennen fossiler Energien, so die Forscher.

Spuren menschlicher Einflüsse im Erdsystem

Der außergewöhnliche Ausbruch von Produktivität und Energieverbrauch zeige, „wie das Erdsystem seit etwa 1950 von seinem holozänen Zustand abgewichen ist und abrupte physikalische, chemische und biologische Änderungen an den stratigraphischen Aufzeichnungen der Erde erzwungen hat“, schreiben die Autoren. Das Holozän ist der gegenwärtige Abschnitt der Erdgeschichte. Es begann vor etwa 11.700 Jahren. Die Forscher sehen in den Ergebnissen ihrer Studie die Rechtfertigung, eine neue Epoche zu benennen: das Anthropozän als menschengemachtes Zeitalter.

Die Studienautoren gehören zur Anthropocene Working Group, einer interdisziplinären Forschungsgruppe, die sich der Erforschung des Anthropozäns als geologische Zeiteinheit widmet. Zu ihr gehören etwa 40 Forscher aus aller Welt, darunter Reinhold Leinfelder, Professor für Paläontologie und Geobiologie an der FU Berlin und Koautor der Studie. „Unsere Studie zeigt, wie alles mit allem im Anthropozän zusammenhängt“, sagt Leinfelder.

Die Forscher untersuchten die Spuren, die die menschlichen Einflüsse im Erdsystem hinterlassen haben, unter anderem durch „die Erschöpfung nicht erneuerbarer Energieressourcen, die Produktion riesiger Mengen fester Abfälle, den Abfluss saurer Wässer aus dem Bergbau oder die  Luftverschmutzung und Freisetzung von Radionukliden“, wie die Koautorin Agnieszka Gałuszka in einem Beitrag zusammenfasst.

Die Forscher rechnen auch vor, in welchem Maße der Ausstoß von Kohlendioxid zum Haupttreiber der Erwärmung des Planeten geworden ist. Um 1750 produzierte der Mensch noch 0,009 Gigatonnen atmosphärisches Kohlenstoff pro Jahr. 1850 waren es etwa 0,2 Gigatonnen, 1950 etwa 5,3 Gigatonnen. Seitdem erhöhten sich die Emissionen auf 36,1 Gigatonnen im Jahre 2017.

Bessere Zukunft durch Energiewandel und neue Werte

„Ich fühlte mich wie eine Kriegsberichterstatterin, als wir unsere Daten auswerteten“, sagte Jaia Syvitski, Geologin an der University of Colorado Boulder und Erstautorin der Studie. Die Forschungsarbeit mache es unmöglich, den großen Einfluss des Menschen auf die Erde und die globale Klimaerwärmung zu leugnen, ergänzte Colin Summerhayes, Geologe der Cambridge University.

Eine bessere Zukunft der Menschheit sieht der FU-Forscher Reinhold Leinfelder „mit der Etablierung neuer Werte, der Anwendung neuer Technologien und vor allem mit der Einsicht, uns als integrierten Teil des Erdsystems zu akzeptieren, welches funktionsfähig bleiben muss, um uns mitzutragen“. Zu den ermutigende Trends des Energiewandels gehörten: sinkende Kosten für Sonnen- und Windenergie, wasserstoffbetriebene Züge und möglicherweise Flugzeuge.