Schlechter Atem kann Folgen haben: Ehen zerbrechen, Arbeitsplätze gehen verloren. Solche Dramen hat der Mundhygieneexperte Andreas Filippi von der Universität Basel schon miterlebt. Denn als einer der wenigen Spezialisten für Mundgeruch, auch Halitosis genannt, behandelt er tagtäglich Patienten mit diesem Problem. Betroffene sollten nicht zögern, Expertenrat zu suchen. „Hilfe ist in den meisten Fällen möglich“, sagt Filippi. Zur Vorbeugung empfiehlt er vor allem eine ordentliche Mundhygiene.

Herr Professor Filippi, wie viele Menschen haben Mundgeruch?

Etwa ein Viertel der Bevölkerung, wenn man die Menschen, die ständig Mundgeruch haben, zusammenrechnet mit denen, die nur gelegentlich betroffen sind.

Wie kann man sich selbst auf Mundgeruch testen?

Man liest zuweilen, dass man den eigenen Mundgerufrech wahrnehmen könne, wenn man in die hohle Hand atmet, mit dem Esslöffel über die Zunge streicht und danach an diesem riecht oder wenn man an benutzter Zahnseide schnüffelt. Aber das ist alles Humbug, das funktioniert nicht.

Was sollte man stattdessen machen, wenn man befürchtet, Mundgeruch zu haben?

Am besten funktioniert das, was am schwierigsten umzusetzen ist – jemanden zu fragen, dem man vertraut. Alles andere ist unsicher und führt eventuell zu falschen Ergebnissen. Wenn man es professioneller haben will, sollte man eine Mundgeruch-Sprechstunde aufsuchen.

Wie stellen Sie Mundgeruch fest?

Wir machen das standardisiert. Wir prüfen, wie stark der Mundgeruch in einem Abstand von einem Meter oder 30 Zentimetern ist. Wir stellen Schweregrade und Arten von Mundgeruch fest. Daraus kann man auf die Ursache schließen. Und es gibt auch professionelle Messgeräte.

Aber Sie müssen schon riechen. Ist das nicht belastend?

Das gehört zum Job – das geht auch dem Hautarzt so oder dem Urologen. Die Krux ist, dass es sehr wenige Mundgeruch-Sprechstunden gibt. Die meisten Zahnärzte haben leider keine Ahnung von dieser Thematik. Man sollte sich aber unbedingt jemanden suchen, der sich mit Mundgeruch auskennt.

Warum kennen sich selbst Zahnärzte nicht aus mit Mundgeruch?

Das kann man den Kollegen kaum vorwerfen. Mundgeruch ist kein Teil des Zahnmedizin-Studiums. Kurioserweise, obwohl es die Menschen beschäftigt, spielt es im Ausbildungskatalog deutscher Universitäten keine Rolle. Es gibt nur einzelne Hochschullehrer, die das Thema in Eigeninitiative vermitteln.

Mundgeruch ist sehr stark tabuisiert – wie gehen Sie damit um?

Zu uns in die Sprechstunde kommen Menschen aus ganz Europa – wenn ich diese persönlich fragen würde, ob sie trotz Mundgeruch Beziehungen eingehen können, ist es sehr wahrscheinlich, dass ich nicht nur authentische Antworten bekäme vor Scham. Deshalb füllen die Patienten vor der Behandlung zuhause einen Fragebogen aus. Menschen mit Mundgeruch geht es zum Teil unfassbar schlecht. Ehen gehen in die Brüche, Arbeitsplätze gehen verloren – es zerbrechen Leben wegen des blöden Mundgeruchs. Das würden sie mir kaum ins Gesicht sagen, aber aufschreiben, das geht.

Sollte man jemand darauf ansprechen, dass er Mundgeruch hat?

Klar wäre das gut. Aber die Realität ist – das bringt fast keiner. Auch Zahnärzte haben Hemmungen, ihren Patienten zu sagen, dass sie Mundgeruch haben. Wenn der Patient wüsste, dass er in der Zahnarztsprechstunde auf Mundgeruch angesprochen werden kann, wäre es niemandem mehr peinlich. Das fiele unter die ärztliche Schweigepflicht. Das Problem ist, dass das völlig unüblich ist, in der Zahnarztpraxis über Mundgeruch zu sprechen.

Welche Ursachen kann Mundgeruch haben?

Bei etwa 90 Prozent der Patienten entsteht der Mundgeruch in der Mundhöhle – es gibt allein dort etwa 200 mögliche Ursachen, oft kommen mehrere zusammen. Häufige Ursachen sind die Zungenoberfläche, parodontale Taschen oder eine Reduktion der Speichelflussrate.

Die restlichen zehn Prozent?

Zwei bis drei Prozent kommen aus dem HNO-Bereich, da spielt die Nebenhöhlenentzündung eine Rolle. Wichtiger ist noch die Entzündung der Rachenmandeln, insgesamt aber auch nur verantwortlich für etwa ein Prozent der Mundgeruchsfälle. Dann gibt es noch die psychiatrischen Fälle – das heißt, Menschen, die das Gefühl haben, sie hätten starken Mundgeruch, der sich aber nicht nachweisen lässt.

Man hört immer wieder, dass der richtig schlimme Mundgeruch aus dem Magen käme?

Ich frage mich wirklich, warum dieses Ammenmärchen in der Bevölkerung und sogar unter den Medizinern kursiert. Denn die wissenschaftliche Literatur bestätigt das überhaupt nicht. Die Zahl der Magenspiegelungen, die wegen Mundgeruch gemacht werden, ist unfassbar hoch. Dabei kommt Mundgeruch kommt fast nie aus dem Magen! Und auch nicht von dem Bakterium Helicobacter pylori, das Magengeschwüre verursacht. Bei vielen Medizinern fehlt auch heute noch fundamentales Wissen über die Entstehung von Mundgeruch.

Wie wird Mundgeruch behandelt?

Es gibt keine Standardbehandlung. Man muss zunächst Ursachenforschung betreiben. Wenn man die Ursachen kennt, kann man diese konsequent ausschalten. Sonst macht man mit Mundwasser und Zungenschaber rum – ganz furchtbar.

Zungenschaber sind nicht sinnvoll?

Stellen Sie sich die Zungenoberfläche wie einen staubigen Teppich vor – wenn sie dort mit einem Schneeschieber drüber schaben, bekommen Sie den Schmutz nicht heraus. Genauso ist es mit dem Zungenschaber, er kratzt an der Oberfläche, das Problem aber sind Bakterien, die tief in der rauen Zungenoberfläche sitzen. Da kommt man nur mit einer Zungenbürste und einer Zungenpaste vernünftig ran. Zungenschaber dagegen sind Unfug. Niemand würde mit Plastikschabern die Zähne abkratzen – und auf der Zunge ist der gleiche Biofilm wie auf den Zähnen.

Wie sollte man die Zunge dann reinigen?

Man nimmt dazu eine Zungenbürste, auf die man eine Zungenpaste aufträgt – genau wie beim Zähneputzen. In der Prophylaxe kann das auch die normale Zahnpasta sein. Diese wird in die Zungenoberfläche einmassiert – mit spiralförmigen oder serpentinenartigen Bewegungen. Damit betreibt man nicht nur Mundgeruchprophylaxe, sondern verringert auch das Karies-Risiko.

Was ist von Mundwässern zu halten?

Mundwässer, die damit werben, Mundgeruch zu bekämpfen, sind häufig lokal desinfizierend. Damit tötet man bestimmte Bakterienstämme, andere dagegen überleben. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht der Bakterienflora in der Mundhöhle. Die aber hat eine Funktion – es ist nicht so, dass die Bakterien alle schädlich wären. Bakterien verursachen nicht nur Karies und Parodontitis, sondern helfen auch bei der Vorverdauung und bei der Körperabwehr.

Sie raten also wirklich von Mundwasser bei Mundgeruch ab?

In der Akutphase, wenn ein Patient starken Mundgeruch hat, kann man für ein bis zwei Wochen mit einem solchen Präparat spülen. Aber das ist keine dauerhafte Lösung, weder in der Therapie, noch in der Prophylaxe, denn dauerhaft die Mundhöhle zu desinfizieren, kann definitiv nicht gesund sein.

Was kann man stattdessen tun, um Mundgeruch vorzubeugen?

Eine ordentliche Mundhygiene betreiben, um keine Plaque in Zahnfleischtaschen zu bekommen – also gründliches Zähneputzen plus Verwendung von Zahnseide. Außerdem nicht nur süßes, weiches, klebriges Essen zu sich nehmen.

Einer der Gründe für Mundgeruch kann mangelnder Speichelfluss sein – sollte man prophylaktisch mehr trinken?

Es gibt sehr viele Erwachsene, die eindeutig zu wenig Wasser trinken. Aber man kann einem 70-Jährigen nicht sagen, er soll zwei Liter Wasser am Tag trinken, das schafft der überhaupt nicht. Am besten sollte man immer wieder kleine Schlucke trinken, um die Schleimhäute im Mund feucht zu halten. Chronischer Stress reduziert die Speichelflussrate genauso wie etwa 1 800 in Deutschland zugelassene Medikamente – dann hilft es nicht, mehr zu trinken. Es geht darum, herauszufinden, warum ein Mensch zu wenig Speichel produziert.

Das Gespräch führte Frederik Jötten.