"Tag der Überlebenden" in Berlin: Krebs macht das Leben kostbar

Jessica Schloth erwartete ihr zweites Kind. Fünf Wochen vor dem errechneten Geburtstermin kam sie mit vorzeitigen Wehen ins Krankenhaus. Dort fiel auf, dass ihre Lymphknoten am Hals stark geschwollen waren. Unter lokaler Betäubung wurden sie entfernt und das Gewebe untersucht. Die Diagnose, die sie zwei Tage später erhielt, war niederschmetternd: Krebs der Lymphknoten, Hodgkin-Lymphom genannt. Am nächsten Tag sollte die Geburt eingeleitet werden, danach die Tumortherapie starten.

Jessica Schloth, die in Essen als Ärztin arbeitet, rief vom Krankenbett aus ihren Mann im Büro an, um ihm von der Diagnose zu berichten. „Es war schwierig, das meinem Mann am Telefon zu sagen“, erinnert sie sich. Tränen schwimmen in ihren Augen, man merkt, wie schwer es ihr fällt weiterzusprechen, wenn sie von diesem Tag vor knapp zwei Jahren berichtet.

Zu sehen ist diese Szene in einem Kurzfilm, der zusammen mit drei weiteren am heutigen Dienstag anlässlich des ersten „German Cancer Survivors Day“ im Berliner Hauptbahnhof gezeigt wird. Die Deutsche Krebsstiftung möchte an diesem Tag ehemalige Krebspatienten, Langzeitüberlebende genannt, in den Blickpunkt rücken.

In den Kurzfilmen (abrufbar auch unter www.du-bist-kostbar.de) berichten die Patienten, wie sie mit ihrer Tumorerkrankung umgehen. Die Filme berühren – und machen Mut. Denn sie zeigen, wie erstaunlich gut es nach der Krebsdiagnose weitergehen kann mit dem Leben.

Nach der Geburt zur Chemo

Jessica Schloths Sohn Leopold zum Beispiel kam komplikationslos zur Welt und ist heute ein fröhliches und gesundes Kleinkind. „Mein Wunderkind“, nennt sie ihn. Zwei Tage ließ man die beiden nach der Geburt in Ruhe, eine Woche konnte die junge Mutter noch stillen. Dann begann die halbjährige Chemotherapie. Besonders die zweite Hälfte sei körperlich extrem anstrengend gewesen. „Ohne Chemotherapie wäre ich jedoch gestorben – und das schnell“, sagt Jessica Schloth.

Inzwischen sind ihre Haare nachgewachsen, die zweifache Mutter arbeitet wieder Vollzeit in der Klinik. Über ihre Krankheit spricht die 33-Jährige offen und sachlich. Bei der Kampagne der Krebsstiftung macht sie gerne mit, reist dafür sogar extra nach Berlin. Denn sie möchte andere Tumorpatienten dazu ermuntern, offen mit ihrer Erkrankung umzugehen. „Das nimmt viel Druck weg“, sagt sie. „Sich ständig verstellen zu müssen, kann sehr belastend sein.“

Jessica Schloths Chancen gesund zu bleiben, sind recht gut. Wenn kein neuer Schicksalsschlag sie ereilt, wird sie in ein paar Jahren zu den Langzeitüberlebenden von Krebs zählen, auf Englisch Cancer Survivors genannt. Dank der Fortschritte in der Onkologie erhöht sich deren Zahl von Jahr zu Jahr rapide. Derzeit sind es in Deutschland gut 3,2 Millionen Krebs-Überlebende, in wenigen Jahren könnten es mehr als 4 Millionen sein.

Wie sich das Leben anfühlt, wenn man eine Krebserkrankung mit all den körperlichen Therapiestrapazen und seelischen Ängsten durchgestanden hat, kann ein Nicht-Krebskranker sich nur annähernd vorstellen.

Um diese besonderen Menschen, die oft eine unglaubliche Zuversicht, Entschlossenheit und Kraft ausstrahlen, stärker in den Blickpunkt zu rücken, hat die Deutsche Krebsstiftung vor, den Cancer Survivors Day fortan jährlich zu begehen. Mit der Kampagne will sie Menschen Mut machen, mit der Krankheit Krebs selbstbewusst umzugehen und sie als Lebenssituation in den Alltag zu integrieren.

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass die Krankheit sogar das Leben in gewisser Hinsicht verbessern kann, liefert eine andere Protagonistin der Kurzfilme, Helena Grabowizki. Sie erkrankte an Brustkrebs, verlor bei der Operation eine Brust und während der Chemotherapie ihre langen lockigen Haare. Nun ist es überstanden und die 31-Jährige sagt: „Die Krankheit hat mein Leben verändert, aber positiv, denn ich bin offener geworden.“ So habe sie zum Beispiel keine Hemmungen mehr, ins Schwimmbad zu gehen – was sie seit dem Teenageralter vermieden hatte. Sie hatte Komplexe, fühlte sich zu blass und zu dick. Solche Probleme lösen sich in Luft auf, wenn man es mit Krebs zu tun hatte.

Natürlich meistern nicht alle Betroffenen ihre Krankheit so vorbildlich. Krebs nagt an der Psyche und führt zu Depressionen und Angsterkrankungen. Er kann zu lähmender Erschöpfung führen, Fatigue genannt. Und vor allem die Therapien haben Spätfolgen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen zum Beispiel. Angesichts der rapide wachsenden Zahl von Überlebenden gibt es also neuerdings viel therapeutischen Bedarf im Nachhall von Krebs. Und viele offene Fragen.

Über die speziellen Bedürfnisse und Probleme von Cancer Survivors wurden bislang jedoch kaum wissenschaftliche Erkenntnisse gesammelt. „Es ist noch nicht einmal klar definiert, wer zu den Krebs-Langzeitüberlebenden zählt“, sagt Jutta Hübner von der Deutschen Krebsgesellschaft in Berlin. Oft gelte eine Überlebenszeit von fünf Jahren nach der ersten Therapie als Maßstab. Noch üblicher sei inzwischen jedoch eine bewusst vagere Definition, nach der all jene als Cancer Survivors zählen, die seit mehreren Jahren geheilt von Krebs sind, sowie diejenigen, die mehrere Jahre mit Krebs überlebt haben.

Patienten, die dauerhaft Medikamente einnehmen, um ihre Krebserkrankung in Schach zu halten, zählen also auch zu den Überlebenden. Krebs ist für sie wie eine chronische Krankheit. „Immerhin können wir in Deutschland mittlerweile aber die Hälfte aller Krebspatienten definitiv heilen“, sagt Jutta Hübner.

Von welchem Zeitpunkt an sich ein Patient als geheilt ansehen kann, ist von Tumor zu Tumor unterschiedlich. Hodenkrebs beispielsweise tritt fast immer in jungen Jahren auf. Rückfälle, Rezidive genannt, geschehen in der Regel innerhalb der ersten zwei, spätestens fünf Jahre. „Wenn mich ein Hodenkrebspatient zehn Jahre nach der Therapie fragt, ob er nun geheilt ist, dann kann ich das mit gutem Gewissen bestätigen“, sagt Jutta Hübner. Anders sei die Lage beim Brustkrebs. Denn bei dieser Tumorart kommt es auch nach 15 Jahren noch zu Rezidiven.

Nach erfolgreicher Therapie müssen Krebspatienten also viele Jahre damit leben, dass die Krankheit sie wieder befallen könnte. Sie müssen lernen, mit dieser Unsicherheit umzugehen. „Viele schwanken dabei ständig zwischen dem Gedanken, sie seien geheilt, und der Angst davor, was wohl als Nächstes kommt“, sagt Jutta Hübner. Aufgabe der Ärzte und Therapeuten sei es, die Patienten zu begleiten und ihnen Sicherheit in dieser unsicheren Situation zu bieten.

Allerdings gibt es hierzulande kaum Strukturen für eine langfristige Begleitung von Krebs-Langzeitüberlebenden. Für den Onkologen sind sie abgehakt, viele andere Ärzte kennen sich nicht aus mit den speziellen Problemen. Viele Patienten haben zum Beispiel jahrelang mit Fatigue zu tun, sind chronisch erschöpft. „Meistens gehört Glück dazu, in kompetente Hände für die Behandlung zu kommen“, sagt Hübner.

Seit Kurzem kommen weitere Langzeitfolgen, vor allem der Krebstherapien, ans Licht. Etwa erhöhte Risiken für Stoffwechsel- und Herzkreislauferkrankungen. Hübners Wunsch: „Wir bräuchten deutschlandweit rund um die Tumorzentren ein Netzwerk von Experten: Onkologen, Hausärzte, Betriebsärzte, Vertreter von Sportvereinen und Psychologen müssten kooperieren und Krebs-Langzeitüberlebende individuell begleiten.“

Jessica Schloth würde derartige Strukturen sehr begrüßen. Spätfolgen der Therapie sind für sie kein akutes Thema. Sie ist vollauf damit beschäftigt, den Alltag zu meistern mit ihrer Arbeit und zwei Kindern. Sie lebt jetzt bewusster, schiebt Dinge nicht mehr lange vor sich her. Und sie hat sich fest vorgenommen, ihr Leben nicht von den Gedanken an die Krankheit bestimmen zu lassen. „Ich bin gesund – bis zum Beweis der Gegenteils“, sagt sie. Das Leben sei nun mal lebensgefährlich. Eine Krebserkrankung zeigt, wie kostbar es ist.