Die unverwüstliche Konstruktion eines genialen Flugzeugkonstrukteurs: die Ju 52.
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BerlinDie Ju 52 ist eine fliegende Legende – und war ursprünglich als Frachtflugzeug konzipiert. Allerdings war die Leistung der einmotorigen Ur-Version der „alten Tante Ju“ begrenzt. Der Erstflug der Junkers Ju 52/1m, wie sie mit vollem Namen heißt, fand am 11. September 1930 statt – fünf Monate später bekam die Öffentlichkeit das Flugzeug auf dem Flugplatz in Berlin-Tempelhof das erste Mal zu sehen. Weil die meisten Fluggesellschaften aus Sicherheitsgründen dreimotorige Flugzeuge bevorzugten, entschlossen sich der Flugzeugpionier Hugo Junkers und sein Chefkonstrukteur Ernst Zindel, die Maschinen mit drei Neunzylinder-Sternmotoren mit jeweils 600 PS von Pratt & Whitney auszurüsten – die Geburtsstunde der Ju 52/3m.

In der ersten Hälfte der 1930er-Jahre gewährte das Flugzeug bis zu 17 Passagieren Platz und stieg zum meistverbreiteten Verkehrsflugzeug der Welt auf. Der Rang wurde Tante Ju erst durch die wesentlich größere und leistungsstärkere Douglas DC-3 abgelaufen. Den Spitznamen Tante Ju verdankte der Flieger übrigens deutschen Soldaten, die mit seiner Hilfe im Zweiten Weltkrieg gerettet wurden.

Kaum ein anderes Flugzeug in der Geschichte der Luftfahrt wurde so populär wie der wartungsarme Tiefdecker im Wellblechkleid, dessen Riffelung zur erhöhten Steifheit des knapp 19 Meter langen Rumpfes beitragen sollte. Die Maschine mit einer Spannweite von fast 30 Metern und den patentierten Junkers-Doppelflügeln samt geteiltem Fahrgestell konnte mehr als zwei Tonnen Nutzlast transportieren und auch abgelegene Gegenden mit schlechten Landeplätzen anfliegen.

Tante Ju brachte es bei einer Reichweite um die 1300 Kilometer auf eine durchschnittliche Reisegeschwindigkeit von gerade einmal Tempo 170. Die Crew, bestehend aus Pilot, Co-Pilot und Flugingenieur, nahm in der leicht erhöhten Kanzel Platz, anfangs trugen sie noch Lederjacken und Fliegerhauben. Wenn alle drei Motoren auf Touren gekommen waren, wurde es in der Kabine derartig laut, dass die Passagiere sich kaum noch unterhalten konnten. Daneben gab es als „Luxus“ Ledersitze, eine Warmluftheizung und Lüftung sowie Waschraum und Toilette.

Das war noch Beinfreiheit: die Kabine der Ju 52.
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Der Erstflug der dreimotorigen Maschine fand am 7. März 1932 statt. Das erste Flugzeug des Typs Ju 52/3m war im April 1932 dem damaligen rumänischen Präsidenten der Fédération Aéronautique Internationale (FAI) übergeben worden. Bereits von 1932 an setzten viele Fluggesellschaften in aller Welt die Junkers ein. Im Mai übernahm schließlich auch die damalige „Deutsche Luft Hansa“ einige Exemplare, zu den ersten Flugzielen gehörten London und Rom. Schon 1934 landete sie in Südafrika und bewältigte im gleichen Jahr die Route Berlin–Kairo–Bagdad–Schanghai in nur acht Tagen. Später hatte die deutsche Fluggesellschaft bis zu 80 Maschinen gleichzeitig im Einsatz, insgesamt orderte sie 186 Stück.

Nach dem Machtantritt der Nazis 1933 wurde Junkers de facto enteignet, das Reichskommissariat für Luftfahrt forderte von ihm die Übertragung aller seiner Patente ohne finanzielle Gegenleistung und übernahm 51 Prozent der persönlichen Junkers-Aktien. Zu seinem Freundeskreis gehörten Liberale und Künstler wie Walter Gropius, Wassily Kandinsky und Max Liebermann, nun durfte der Chef nicht einmal mehr seine eigenen Werke betreten. Der Enkel des Flugzeugpioniers, Bernd Junkers, glaubt, dass Reichsmarschall und Luftwaffenchef Hermann Göring Hauptdrahtzieher der Aktion war: „Für Göring war mein Großvater ein Feind, denn Göring hatte sich im Jahre 1925 bei Junkers um eine Anstellung beworben und wurde abgelehnt.“ Junkers starb gedemütigt und verbittert am 3. Februar 1935, exakt an seinem 76. Geburtstag.

Der Ingenieur und Unternehmer Hugo Junkers.
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Zwischen 1930 und 1944 wurden fast 5000 Ju-52-Flieger in Deutschland gebaut, nach dem Krieg dann noch mal rund 300 Stück bei Casa in Spanien sowie weitere etwa 400 Exemplare in Frankreich. Nur rund 500 aller Flugzeuge standen im zivilen Einsatz, der Rest flog im Kriegsdienst unter erschwerten Bedingungen. Wie auch 1942/43, als 120.000 verwundete Soldaten aus dem eingekesselten Stalingrad gerettet wurden. Augenzeugen berichteten, selbst mit halbem Flügel habe sie noch sicher landen können. Junkers’ Chefingenieur Zindel sagte allerdings rückblickend: „Alle Überlegungen waren ausschließlich auf einen Einsatz im friedlichen Luftverkehr gerichtet […]. Wir hatten bei Junkers mit der Entwicklung der Ju 52 keinen Augenblick an eine militärische Verwendung gedacht.“

Auch nach jahrzehntelangem Einsatz schien Tante Ju schier unverwüstlich. Eine im April 1936 auf den Namen „Fritz Simon“ getaufte Maschine überlebte abenteuerliche Jahre in Europa und Amerika und landete schließlich in Hamburg. Sie war 1984 in desolatem technischem Zustand in Florida gekauft worden. Nach kostspieliger Restauration, die fast einem Neubau gleichkam, bot sie unter dem amtlichen Kennzeichen D-AQUI ab April 1986 pro Jahr für rund 10.000 Passagiere sommerliche Rundflüge.

Die Junkers Ju 52 D-AQUI im Jahr 2008 auf der ILA in Berlin-Schönefeld.
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Mehr als 30 Jahre lang setzte die Deutsche Lufthansa Berlin Stiftung (DLBS) den beliebten Veteranen der Lüfte ein. Jeweils von Oktober bis April wurde der Oldtimer gewartet. Am 4. August 2018 stürzte eine von der Schweizer Ju Air betriebene Ju 52 in den Alpen ab. Dabei fanden zwei Piloten und alle 18 Passagiere den Tod.

Zum Zeitpunkt des Unglücks existierten von Tante Ju weltweit gerade noch sieben flugfähige Exemplare: Neben den vier in der Schweiz (eine davon in Mönchengladbach stationiert) und der Maschine in Deutschland eine in Südafrika von der SAA und eine weitere von der EADS in Frankreich. Nach dem Crash verloren alle betagten Junkers-Flieger ihre Lizenz für den kommerziellen Betrieb. Außerdem entzog die Deutsche Lufthansa der DLBS die Zuschüsse für den Passagierverkehr mit der Ju 52. Das bedeutete in Deutschland das Aus für die historischen Rundflüge.

Anders als moderne Flugzeuge hatten die alten Ju 52 keine Blackbox an Bord, die Gespräche im Cockpit und technische Daten wie Flughöhe, Geschwindigkeit und mögliche Geräteausfälle dokumentiert. Auch mehr als zwei Jahre nach dem Absturz gibt es noch keinen Abschlussbericht der Schweizer Behörden. Der soll erst im Oktober 2020 vorliegen, Details zu den Ergebnissen sollen bis dahin nicht veröffentlicht werden.

Auch die Ju 52 im historischen Lufthansa-Design wird vermutlich nie mehr fliegen. Die Maschine wurde zerlegt und nach Bremen transportiert. Laut Lufthansa soll sie künftig in einem Museum „in einem angemessenen Rahmen bewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden“. Die D-AQUI war bei ihrer Stilllegung im August 2018 mit 82 Jahren das älteste noch im kommerziellen Luftverkehr eingesetzte Verkehrsflugzeug der Welt. Am 30. Oktober 2008 startete sie als letzte Maschine vom Flughafen Berlin-Tempelhof, ehe dieser offiziell geschlossen wurde.