Alle lieben Erica, den menschlichsten Roboter der Welt

In Japan wurde vor Kurzem ein Roboter vorgestellt, der mit sozialer Intelligenz Gespräche führen kann. Nun soll Erica in der Altenpflege eingesetzt werden.

Interessiert sich auch bestimmt für Fashion: Erica, hier bei einer Modenschau in Tokio.
Interessiert sich auch bestimmt für Fashion: Erica, hier bei einer Modenschau in Tokio.imago images

Als Koji Inoue von seinem jüngsten Missgeschick berichtet, muss Erica kichern. „Ich hatte so viel für den Test gelernt!“, erzählt Inoue und schaut rüber zu Erica. „Aber als ich zum Prüfungsort ging, sagte man mir, dass der Test erst nächste Woche ist. Ich hatte mich im Tag vertan!“ Erica, die wie für eine höfliche Frau in Japan üblich ihre Hände auf dem Schoß geparkt hat, nickt: „Tja, so war das wohl, nicht?“ Und Inoue entgegnet: „Ja, so war das!“

Diese Unterhaltung, die seit einiger Zeit in Japan kursiert, könnte man für ziemlich banal halten. Aber sie ist zugleich beeindruckend, wenn man weiß, dass sich der Ingenieur Koji Inoue darin nicht mit einem Menschen unterhalten hat, sondern mit einem Roboter. Und in dem kürzlich veröffentlichten Video kommentiert Erica, die maßgeblich von Inoue entwickelt wurde, verblüffend menschenähnlich: „Letztens hatte ich in einer Prüfung null Punkte“, erzählt Inoue ihr einen Moment später. Erica reagiert typisch wortkarg: „Hm … Schade, oder?“

Ungesagte Botschaften übersehen

Erica ist so etwas wie der neue Stern am Roboterhimmel. Seit die Universität Kyoto in einer Pressekonferenz Ende September von dieser neuen Entwicklung berichtete, ist die Öffentlichkeit zumindest in Japan begeistert. „Erica kann verschiedene Lachtypen beurteilen“, staunte das im ostasiatischen Land populäre Newsportal Yahoo. „Ich will mit Erica reden“, schwärmte die Wirtschaftszeitung Nikkei schon, als Erica noch nicht vorgestellt war. Und seit ihrer Präsentation lobt der öffentliche Rundfunksender NHK Erica als „sozialverträglicher als ein durchschnittlicher Android“.

Das Vorhaben, an dem die Informatikschule der Universität Kyoto rund um Assistenzprofessor Koji Inoue über mindestens dreieinhalb Jahre gearbeitet hat, ist jedenfalls enorm. Gerade in der von subtilen Regeln geprägten japanischen Sprache ist die Entwicklung eines Roboters mit sozialer Intelligenz schwierig. „Kuuki wo yomenai“ (deutsch: Kann die Luft nicht lesen), lästert man in Japan oft über Personen aus anderen Kulturen, die diverse ungesagte Botschaften übersehen. Erica soll aber genau dies können: Kleinigkeiten verstehen und entsprechend reagieren.

Damit das gelingt, ist Erica, ein Humanoid mit weißer Bluse, schwarzem Pony und einem ziemlich menschenähnlichen Gesicht, mit einer Künstlichen Intelligenz (KI) und einer präzisen Audioaufnahmefunktion ausgestattet. Denn Erica beurteilt anhand der Frequenz der Stimme des Gegenübers, wie sie reagieren soll. Bisher hat sie nur drei emotionale Funktionen: ein herzliches Kichern, ein eher paraphrasierendes, freundliches Lächeln oder gar kein Lachen. Hinzu kommen Sprachantworten, die zu dem vom Gegenüber Gesagten passen sollen.

Rapide alternde Gesellschaft

Bei genauerem Hinsehen ist Erica also weniger sozial versiert, als es im von der Universität Kyoto vorgeführten Gespräch erscheint. Beachtlich sind die Fähigkeiten dennoch, denn einen Roboter, der nicht nur passende Antworten gibt, sondern auch auf emotionaler Ebene reagieren kann, gab es bisher nicht. Erica hat dies erlernt, indem die in ihr installierte KI verschiedene Unterhaltungen zwischen 82 Personen angehört hat. Darin wurden die Audiofrequenzen der Gelächter verglichen und quasi in Emotionskategorien unterteilt, die Erica nun als Entscheidungsgrundlage dienen.

„Indem wir einen Roboter entwickeln, der auf natürliche Weise lachen kann, wollen wir einen Roboter schaffen, der mit Menschen zusammenleben kann“, hat Inoue dieser Tage gegenüber japanischen Medien gesagt. In Zukunft soll Erica in der Altenpflege eingesetzt werden. Wann dies geschehen kann, ist noch nicht klar. Zunächst plant die Forschungsgruppe eine Untersuchung dazu, wie sich das Kommunikationsverhalten von Erica psychologisch auf Menschen auswirkt.

Der Lackmustest für die Einsatzfähigkeit des Roboters dürfte schließlich die Frage sein, ob Erica das „uncanny valley“ (deutsch: Tal des Unheimlichen) schon durchquert hat. Dieses in der humanoiden Roboterentwicklung bekannte Kriterium soll beurteilen, ob Menschen einen Roboter für unheimlich halten oder nicht. Die Faustregel: Nur sehr menschenunähnliche Kreaturen oder absolut menschengleiche Entwicklungen stoßen auf Zutrauen. Alles dazwischen ist zwar menschenähnlich, aber eben doch nicht menschlich, und erscheint deshalb unheimlich.

So ist es kein Wunder, dass in Japans rapide alternder Gesellschaft, die gerade in der Seniorenpflege seit mehreren Jahren auch auf die Hilfe von Robotern zählt, bisher vor allem menschenunähnliche Entwicklungen erprobt werden. Schon seit den Nullerjahren wird etwa die plüschige Roboterrobbe Paro bei Demenzpatienten eingesetzt. Das mit taktilen und auditiven Sensoren ausgestattete Paro kommt wie ein Kuscheltier daher, beginnt sich niedlich zu winden, wenn man es anfasst, und ruft positive Emotionen hervor.

Vor einigen Jahren kam auch der Android Pepper des Techkonzerns Softbank in japanische Seniorenheime. Pepper hat zwar ein Gesicht und Arme, sieht aber eher aus wie ein Zeichentrickheld als wie ein Mensch, wirkt daher nicht unheimlich. Pepper ist ein Kommunikationsexperte, kann durch installierte Kameras eigenständig Kontakt zu Personen aufnehmen, mit ihnen in verschiedenen Sprachen sprechen und ihnen Auskünfte erteilen. Allerdings versteht Pepper keine Botschaften zwischen den Zeilen, sondern nur deutlich Artikuliertes.

Weil seine Erica das kann, ist Koji Inoue begeistert: „Als ich den Roboter zum ersten Mal im richtigen Moment lachen hörte, kam es mir vor, als könnten wir wirklich miteinander kommunizieren.“ Für den Forscher war es ein Moment erleichterter Freude. Bei anderen Personen könnten die noch leicht blecherne Stimme, die nicht ganz geschmeidigen Gesichtsbewegungen und früher oder später wohl auch die baukastenartigen Lach- und Wortreaktionen des Roboters dennoch Momente der Angst auslösen. Aber Erica dürfte ja noch einige Upgrades erhalten.