Wenn das Herz nur noch mit reduzierter Kraft pumpt, wird es gefährlich. Der Körper lagert Wasser ein, Betroffene leiden schon bei geringer Belastung unter Atemnot und Schlappheit, Herzversagen droht. Herzschwäche, im Fachjargon Herzinsuffizienz, ist in Deutschland seit zehn Jahren mit Abstand der häufigste Grund für Krankenhausaufnahmen. Aus der Klinik Entlassene haben ein mehr als 50-prozentiges Risiko, binnen eines Jahres zu sterben. Etwa jeder Vierte muss sich schon innerhalb eines Monats wieder in stationäre Behandlung begeben.

Damit es nicht so weit kommt, müssen Patienten mit Herzschwäche, nachdem sie aus dem Krankenhaus heimgekehrt sind, engmaschig überwacht werden. Üblicherweise suchen sie dafür in regelmäßigen Abständen den behandelnden Arzt auf. Doch wenn sich in der Zwischenzeit die Pumpleistung des Herzens wieder verschlechtert und niemand die Zeichen rechtzeitig erkennt, kann es beim nächsten Termin schon zu spät sein.

Krankenhausbesuche werden seltener

Diese Lücke füllt die Telemedizin – mit Erfolg, wie das Forschungsprojekt Fontane der Berliner Charité gezeigt hat. Das Ergebnis, kürzlich im Fachblatt Lancet publiziert: Patienten, deren Werte täglich digital erfasst und zentral überwacht wurden, mussten seltener wegen akuter Verschlechterung erneut ins Krankenhaus als Patienten in der regulären Versorgung. Die Sterblichkeit verringerte sich gegenüber der Kontrollgruppe um fast ein Drittel.
Deutschland hinkt hinterher

Telemedizin ist kein eigenes Fachgebiet. Friedrich Köhler, Leiter des Zentrums für kardiologische Telemedizin an der Charité und verantwortlich für die Studie, legt Wert darauf dies klarzustellen: „Telemedizin ist nur eine Arbeitsweise in bestimmten Fachgebieten. Sie ersetzt nicht die persönliche ärztliche Betreuung, sondern ergänzt diese, um Patienten besser zu versorgen.“

Deutschland auf Rang 16 von 17

Der in den 70er-Jahren geprägte Begriff Telemedizin, vom griechischen „tele“ für „fern“ abgeleitet, steht laut Weltgesundheitsorganisation für die „Erbringung von Dienstleistungen im Gesundheitswesen“ über beliebige Entfernungen hinweg mithilfe moderner Informations- und Kommunikationstechnik.
Eine internationale Vergleichsstudie der Bertelsmann-Stiftung befand im November, das deutsche Gesundheitswesen hinke bei der Digitalisierung generell hinterher. Die Bundesrepublik landete auf Rang 16 von 17 untersuchten Ländern. In vielen Ländern ist es längst üblich, Rezepte digital zu übermitteln, elektronische Gesundheitsakten mit allen Verschreibungen und früheren Behandlungen zu nutzen oder Arzt-Patienten-Gespräche per Videoschaltung zu führen.

Deutschland ist davon noch weit entfernt – obwohl seit 2016 offiziell gilt, dass telemedizinische Netzwerke grundsätzlich geeignet sind, die Versorgung zu verbessern. Bis vor kurzem untersagte die Berufsordnung Ärzten in Deutschland, Patienten von ferne zu betreuen, ohne sie vorher persönlich kennengelernt zu haben – oder gar eine Diagnose auf Distanz zu stellen. Erlaubt – und damit von den Kassen vergütbar – waren bisher lediglich sogenannte Telekonsile, bei denen Ärzte Röntgen- oder Computertomografie-Aufnahmen beurteilen, und Videosprechstunden, bei denen der Arzt nach der ersten persönlichen Begegnung mit dem Patienten beispielsweise den weiteren Verlauf einer Erkrankung oder die Heilung von Operationswunden kontrollieren kann.

In vielen Fällen kann Telemedizin ausreichen

Im Mai 2018 hat der Deutsche Ärztetag eine Lockerung des Fernbehandlungsverbots beschlossen: Künftig dürfen Ärzte im Einzelfall auch Patienten, die sie noch nicht kennen, telemedizinisch beraten und behandeln. In den meisten Bundesländern, jüngst auch in Berlin, haben die Ärztekammern diese Lockerung inzwischen übernommen.

Auf dieser Grundlage entstand in Baden-Württemberg das Modellprojekt Docdirect. Gesetzlich Versicherte können dort, wenn sie ihren Hausarzt nicht erreichen, bei Beschwerden oder Fragen zur Gesundheit den Online-Sprechstundenservice eines privaten Anbieters kontaktieren. Medizinisch geschulte Fachangestellte nehmen die Anfrage entgegen und leiten sie an den passenden Tele-Arzt weiter. Dieser meldet sich per Telefon oder Video beim Patienten. In einfachen Fällen kann diese Konsultation ausreichen. Wenn nicht, verweist der Tele-Mediziner den Patienten an eine real existierende Praxis. Über ein eigens geschaffenes Internetportal kann dieser gleich einen Termin vereinbaren.

Uni-Kliniken Aachen und Münster bieten Telemedizin an

Das erspart Patienten, sich ohne Termin ins Wartezimmer setzen zu müssen – oder, wie in letzter Zeit häufiger, selbst für Bagatellfälle gleich die Notaufnahme aufzusuchen. In vielen Ländern haben sich solche Angebote längst etabliert. Erfahrungen aus der Schweiz zeigen, dass die Krankenversicherungen damit bis zu 17 Prozent der ambulanten Behandlungskosten einsparen.

Bundesweit erproben zurzeit Wissenschaftler telemedizinische Anwendungen auf ihren Nutzen in unterschiedlichen Fachgebieten. Einige Projekte präsentierten sich kürzlich beim Fachkongress der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed) in Berlin. Zum Beispiel Telnet NRW: Zwei Teams aus Infektiologen und Intensivmedizinern an den Universitätskliniken Aachen und Münster bieten telemedizinische Visiten für 17 Krankenhäuser und rund 130 Arztpraxen in Nordrhein-Westfalen an. Der Dienst kommt zum Einsatz, wenn sich etwa eine Blutvergiftung anbahnt, insbesondere wenn Krankenhauskeime im Spiel sind, die sich mit gängigen Antibiotika nicht bekämpfen lassen.

Wichtig für Überwachung

Die Spezialisten für solche heiklen Fälle können die Gefahr rechtzeitig erkennen und die richtige Behandlung einleiten. Sie wissen aber auch, welches Antibiotikum bei einem bestimmten Infekt sinnvoll ist oder ob überhaupt eines gebraucht wird. Allerdings stehen entsprechende Fachärzte nicht überall und jederzeit zur Verfügung. „Es gibt in Deutschland etwa 300 Infektiologen, die klinisch arbeiten, und 2000 Krankenhäuser – wie soll das ohne Telemedizin gehen?“, sagt Gernot Marx, Direktor der Aachener Klinik für Intensivmedizin und Vorstandsvorsitzender der DGTelemed. Er verweist darauf, dass im Telnet-Projekt die Sterblichkeit bei schwerer Blutvergiftung um rund 20 Prozent zurückging.

Telemedizin kann dazu beitragen, in Zeiten knapper Ressourcen und zunehmender Alterung die Gesundheitsversorgung auch künftig zu gewährleisten. Sie bietet vor allem bei chronischen Erkrankungen Vorteile, die regelmäßige Überwachung und Kontrolle erfordern, bei Diabetes oder Herzschwäche, nach Schlaganfall oder Nierentransplantation. Aber auch psychisch Erkrankte gewinnen mit Online-Behandlung, Beratung oder Krisenintervention zusätzlichen Nutzen, insbesondere in unterversorgten Regionen.