CEO Elon Musk bei der letzten Präsentation des Modells Y. 
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Berlin Elon Musk, der charismatische Tesla-Chef und Mobilitätsvisionär, hat es mal wieder geschafft. Mit wirkungsvoll gesetzter Scheinbeiläufigkeit kündigte er am Dienstagabend in Berlin an, hier die Gigafactory Nummer vier zu bauen und elektrisierte ein Land. „Giga Berlin“ twitterte er wenig später samt schwarzen, roten und gelben Herzen. Wer nahm eigentlich zur Kenntnis, dass Volkswagen in der vergangenen Woche in Zwickau den ersten vollelektrischen VW auf Band legte und in Wolfsburg eine Batteriefertigung startete?

Tesla kommt! Jenes Unternehmen, das erst vor 13 Jahren ein Lotus Coupé ausweidete, Vierzylinder und Getriebe auf den Müll warf, um im Gegenzug einen Elektromotor und eine Unzahl an Laptop-Batterien zu implantieren, während bei Volkswagen ein 16-Zylinder-Bugatti mit über 1000 PS auf die Räder gestellt wurde. Inzwischen ist Tesla der wertvollste amerikanische Autobauer. An der Börse wird der E-Mobil-Pionier auf gut 60 Milliarden US-Dollar taxiert und ist damit sechs Milliarden Dollar teurer als General Motors.

Tesla ist kein neuer Player am Automobilmarkt

Tesla ist kein Außenseiter mehr, sondern ein ernstzunehmender und profitabel agierender Herausforderer. Musk hat die Elektromobilität wie kein anderer vorangetrieben, und wenn er sich nun ins Mutterland des Automobils aufmacht, dann wird er zweifelsfrei den Werteverfall der einstigen Kernkompetenzen des deutschen Automobilbaus beschleunigen, der zugleich auch Arbeitswelten und ganze Regionen verändern wird. Tesla ist der Stachel im Fleisch. Aber bei der Fabrik in Brandenburg wird es nicht bleiben.

Musk will darüber hinaus in Berlin ein Entwicklungs- und Designzentrum einrichten. Im Roten Rathaus hat der Tesla-Chef mit dieser Ankündigung die wohl größtmögliche Überraschung ausgelöst. Tatsächlich aber ist diese Entscheidung fast zwangsläufig. Denn längst hat die Stadt einen guten Ruf als Schmelztiegel neuer Mobilitätsideen, die sich keineswegs im Fahrrad als vermeintlicher Allzweckwaffe der Verkehrswende erschöpfen. Großkonzerne des Automobilbaus haben hier ihre Denkfabriken installiert. Volkswagen etwa bezog im Sommer ein ganzes Bürohaus in Mitte, um dort junge Menschen nach Transportlösungen suchen zu lassen, in denen die Maßeinheit PS keine Rolle mehr spielt. BMW und Daimler tun dies ebenfalls, weil sie hier die klügsten und kreativsten Köpfe finden und die wichtigsten Universitäten und Institute.

Im Ullsteinhaus in Tempelhof haben sich insgesamt mehr als 60 Jungfirmen angesiedelt. Auch koreanische und japanische Unternehmen sind darunter. Eine Start-up-Kommune, die bereits heute als die größte Mobilitäts-Community Europas gilt. Tatsächlich wird in Berlin gerade Geschichte geschrieben. In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts erlebte die Stadt einen vergleichbaren Aufschwung. Damals fanden sich im Berliner Gewerberegister nicht weniger als 200 Automobil- und Motorradfabrikationen. Daimler betrieb in Marienfelde seine erste Fabrik. AEG und Siemens machten die Stadt nicht nur zu Elektropolis, sondern konkurrierten auch mit eigenen Automobilen.

Tesla lockt Experten nach Berlin

Während AEG Karossen in Schöneweide fertigte, hatte Siemens Autos namens Protos im Programm. Und während es mit der Avus 1921 hier die erste ausschließlich für Autos gebaute Straße der Welt gab, ist heute die Straße des 17. Juni die weltweit längste Teststrecke für automatisiertes Fahren. Elon Musk und Tesla dürften Berlin auf diesem Weg weiter beschleunigen. Das Unternehmen wird mit eigenen Experten kommen und zugleich neue Köpfe in die Stadt locken, die nach neuen Ansätzen suchen. Das wird mehr sein müssen als der Tausch von Auspuff-Autos gegen Elektromobile.

Denn Autos werden nicht weniger, nur weil sie eine Steckdose haben, wo früher ein Tankstutzen war. Und sicher werden wir uns auch auf weitere Fehlentwicklungen wie den motorisierten Stehroller gefasst machen müssen und zugleich noch den gelasseneren Umgang mit ihnen lernen. Musk hat sich für Berlin entscheiden, weil es eine spannende Stadt ist. Berlin rockt, sagte er. Na, dann.