Der Datenskandal um Facebook und die Analysefirma Cambridge Analytica hatte vor drei Jahren ein gewaltiges mediales Echo ausgelöst: Die Analysefirma soll illegal Daten von 87 Millionen Facebook-Nutzern abgegriffen und sie den Beratern von Donald Trump für personalisiertes Targeting während des US-Wahlkampfs zur Verfügung gestellt haben. Facebook-Chef Mark Zuckerberg musste vor dem US-Kongress aussagen, die dubiose Datenfirma hat in der Zwischenzeit Insolvenz angemeldet.

„The Great Hack“ zeigt keine neuen Erkenntnisse über Cambridge Analytica

Die Netflix-Doku „The Great Hack“, die seit vergangener Woche bei dem Streaming-Dienst zu sehen ist, rollt den Datenskandal neu auf. In dem Film kommen die Hauptprotagonisten der Affäre zu Wort: die ehemalige Cambridge-Analytica-Mitarbeiterin Brittany Kaiser, die aus dem Unternehmen ausstieg und im thailändischen Exil von den Machenschaften erzählt. Auch die britische Journalistin Carole Cadwalladr, die die Affäre für die britische Zeitung The Observer aufarbeitete, und der Whistleblower Christopher Wylie werden interviewt.

Die Dokumentation schildert, wie Cambridge Analytica aus Facebook-Profilen detaillierte Psychogramme erstellte und bis zu 5000 Datenpunkte für jeden US-Bürger sammelte. „Wir bombardierten sie über Blogs, soziale Netzwerke (…), bis sie die Welt so sahen, wie wir es wollten und für unseren Kandidaten stimmten“, erzählt die Datenspezialistin Kaiser, die so etwas wie die Hauptfigur des Filmes ist. Wirklich Neues erzählt der Dokumentarfilm von Narim Amer und Jehane Noujaim, die mit ihrer Tahrir-Platz-Doku „The Square“ für einen Oscar nominiert waren, aber nicht. Dass Internetkonzerne alles über ihre Nutzer wissen und mit Big-Data-Analysen Präferenzen antizipieren, mitunter sogar steuern, ist keine neue Erkenntnis. Sie wurde in Büchern wie Yvonne Hofstetters „Sie wissen alles“ (2014) oder Frank Schirrmachers „Payback“ (2009) schon hinreichend thematisiert.

Auch Obama und Hillary Clinton setzten auf Algorithmen

Die Doku wirft wichtige Fragen auf, etwa, ob es nach Facebook noch freie Wahlen geben kann, bleibt aber in der Analyse schwach. Die Filmemacher setzen mehr auf psychologisierende und emotionalisierende Effekte: Sie wollen die Datenanalysten als Kulissenschieber der Macht demaskieren. Doch kann man einen Bundesstaat von Rot (Republikaner) so einfach auf Blau (Demokraten) umpolen, so wie man einen Lichtschalter an- und ausschaltet? Auf die Frage, ob die behavioristischen Modelle tatsächlich funktionieren oder doch nur pseudowissenschaftliches Palaver sind, gibt die Doku keine Antwort. So bleibt „The Great Hack“ ein Geraune über die dunkle Macht der Datengurus, die Menschen wie Marionetten in die eine oder andere Richtung schieben können.

Etwas einseitig ist auch die Fokussierung auf das Trump-Lager und beim Brexit auf die Leave-Unterstützer geraten. Bereits die Obama-Kampagne nutzte 2012 bei dessen Wiederwahl Big-Data-Methoden und heuerte dazu sogar den damaligen Google-Chef Eric Schmidt als Berater an. Seltsamerweise wurden damals keine Manipulationsvorwürfe in der Öffentlichkeit erhoben. Hillary Clinton setzte bei ihrer Kampagne auf einen komplexen Computeralgorithmus, der bei strategischen Entscheidungen der Clinton-Kampagne eine wichtige Rolle spielte. Die Fragen dazu: Wo sollte die Kandidatin auftreten, wo sollte Wahlkampfwerbung gemacht werden. Der Algorithmus wurde mit riesigen Datenmengen von Umfragezahlen und Wahlbeteiligung beim „early voting“ gefüttert. Auf Grundlage der Daten führte der Computer täglich 400.000 Simulationen durch, wie das Rennen gegen Trump aussehen würde. Offensichtlich halfen die Gesetze der Mathematik aber nicht weiter – Clinton verlor die Wahl.

„The Great Hack“ zeigt, wie die Politik datengetriebener wird

Die Auswertung von Wählerdaten ist kein neues Phänomen. Als der Republikaner und spätere Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney 2002 erstmals für das Amt des Gouverneurs in Massachusetts kandidierte, griff sein Wahlkampfteam auf die Hilfe der Beratungsfirma TargetPoint zurück, die Konsumentendaten von Handelsketten mit Daten aus Wählerverzeichnissen verknüpfte und daraus Vorhersagemodelle erstellte. Der CEO von TargetPoint Alexander Gage, der als Pionier der Datenanalyse gilt, prägte damals den Begriff des Microtargeting. Solche Techniken gab es also schon, als Facebook noch nicht mal in seiner Campus-Version „Face-Mash“ verfügbar war.

Trotzdem zeigt diese Geschichte, wie Politik immer datengetriebener und marktförmiger wird: Politiker machen Politik mit Methoden des Marketings. Und sie denken wie Börsianer gerne in Modellen.

Die Frage ist: Wie konnte es soweit kommen? Wie konnte der Traum einer vernetzten Welt die Öffentlichkeit derart polarisieren, dass sich die verfeindeten Lager in digitalen Schützengräben gegenüberstehen? Es gibt eine Szene, ganz am Anfang der Doku, die den Niedergang der Netzutopien gut veranschaulicht: Brittany Kaiser hängt beim „Burning Man“, einem Hippie-Festival in der Wüste von Nevada, wo sich jedes Jahr die Tech-Elite zu einer riesigen Party trifft, einen Zettel an eine Holzkonstruktion, die später in Flammen aufgeht.

Facebook steckt in einem Dilemma - das hat der Datenskandal um Cambridge Analytica gezeigt

Das Event, das in der Gegenkultur der 1960er-Jahre wurzelt, ist eine Art Experimentierfeld für soziale Utopien. Google-Gründer Larry Page, wie Mark Zuckerberg, Elon Musk und Eric Schmidt ein regelmäßiger Besucher des Festivals, sagte einmal: „Es gibt dort viele aufregende Dinge, die illegal oder von den Behörden nicht erlaubt sind.“

Dieser libertäre Geist hat sich über die Jahre mit der kulturellen Boheme von San Francisco zu einem Amalgam vermischt, das die Autoren Richard Barbrook und Andy Cameron einmal als kalifornische Ideologie bezeichnet haben: Die digitalen Vordenker hätten einen hybriden Glauben an die elektronische Agora und den elektronischen Marktplatz, wobei sie sich für keines der beiden Modelle entscheiden könnten.

Genau das beschreibt das Dilemma, in dem Facebook steckt: Das soziale Netzwerk will eine globale Community sein, aber auch gleichzeitig ein Marktplatz für Werbetreibende. Dass diese beiden Ziele miteinander unvereinbar sind, hat der Datenskandal eindrücklich vor Augen geführt.